• The Wall Street Journal

Deutsche Bank wischt Angst vor Kapitalerhöhung beiseite

    Von MADELEINE NISSEN
Associated Press

Die Deutsche Bank ist im vierten Quartal tief in die roten Zahlen gerutscht.

Prozesskosten und Abschreibungen in Milliardenhöhe haben der Deutschen Bank im Schlussquartal 2012 einen Verlust von 2,2 Milliarden Euro eingebrockt. Damit hatte kein Analyst gerechnet. Einige waren von einem leichten Gewinn ausgegangen, die meisten von einem leichten Verlust. Im Schnitt lagen die Prognosen der Experten bei minus 218 Millionen Euro.

Obwohl die Bank die Erwartungen massiv verfehlte, legte die Aktie des Instituts im frühen Handel deutlich zu. Grund dafür sind beruhigende Aussagen von Co-Vorstandschef Anshu Jain in der Analystenkonferenz. Jain machte deutlich, dass die Deutsche Bank die schärferen Anforderungen an die Finanzausstattung weiter ohne Kapitalerhöhung schaffen will. Stattdessen wolle man die Kapitaldecke durch den weiteren Abbau von Risiken stärken.

Dazu hat die Bank Ende vergangenen Jahres eine Abwicklungseinheit gegründet. Die darin zwischengelagerten riskanten Vermögenswerte werden nun mit Hochdruck abgebaut. Denn die schärferen Regeln fordern: Je riskanter ein Geschäft ist, desto mehr müssen Finanzinstitute Geld zur Seite legen. Damit sollen sowohl die Kunden der Banken geschützt als auch teure Rettungsaktionen auf Kosten der Steuerzahler vermieden werden.

Im vierten Quartal belastete der Abbau von Risiken die Bilanz, die Deutsche Bank nahm Abschreibungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro auf Geschäfts- oder Firmenwerte vor. Im Gegenzug ließen verringerte Risiken die Kernkapitalquote (Tier 1) unter voller Berücksichtigung der Eigenkapitalvorschriften nach Basel III auf acht Prozent steigen. "Dies entspricht einer Kapitalerhöhung von mindestens 8 Milliarden Euro für das Jahr 2012", erklärte die Bank.

Der Aktienmarkt honorierte die jüngste Strategie mit einem Kursanstieg von drei Prozent im frühen Handel. Auch die Dividende, die unverändert 75 Cent je Aktie betragen soll, trug zur positiven Stimmung der Anleger bei.

Das miserable Schlussquartal und die ebenfalls schwache Jahresbilanz rückten am Markt in den Hintergrund. Dabei blieb im Gesamtjahr 2012 unter dem Strich lediglich ein Gewinn von 700 Millionen Euro übrig - 3,6 Milliarden Euro weniger als im Jahr zuvor.

Rechtsstreitigkeiten kosten 3,5 Milliarden Euro

Dieses Minus geht fast ausschließlich auf das Konto von anhängigen Rechtsstreitigkeiten. Für das Gesamtjahr bezifferte die Deutsche Bank die Gerichtskosten auf 3,5 Milliarden Euro. Von Oktober bis Dezember musste sie eine Milliarde Euro aufwenden, um Kläger und Gerichte zu befriedigen. Die Klageflut reicht von dem verlorenen Prozess gegen Leo Kirch bis zu Schadensersatzklagen wegen falscher Beratung.

Zu einem großen Teil hat Anshu Jain das zu verantworten, da viele Prozesse in das Investmentbanking fallen - also den Bereich, den Jain vor seiner Berufung zum Co-Chef geführt hat. Auch die Untersuchungen wegen Steuerhinterziehung im Handel mit Umweltzertifikaten fallen unter seine damalige Verantwortung. Ermittelt wird allerdings gegen den anderen Co-Chef der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen, der damals die strittige Steuererklärung unterschrieben hat.

Dass das Ergebnis im Schlussquartal so drastisch abrutschte, lag aber auch an den Milliardenabschreibungen und an den Kosten für den Konzernumbau, dem mindestens 2.000 Stellen zum Opfer fallen werden. Zusätzlich belasteten die Integration der Postbank und die geplanten Schließungen und Stellenstreichungen in den Niederlanden den Bankenriesen merklich.

Baustellen der Deutschen Bank

Hinter den hohen Sonderaufwendungen im vierten Quartal steckt zumindest zum Teil Kalkül. Indem sie die Bilanz mit Negativposten vollpacken, wollen die beiden Co-Chefs Jain und Fitschen den Weg für ihre Zukunftspläne frei machen. Das Führungsduo war Mitte vergangenen Jahres Josef Ackermann gefolgt und will die Bank komplett umkrempeln.Angefangen bei einem "Kulturwandel", der auch eine Deckelung der Boni umfasst, bis hin zu Stellenstreichungen, dem Abbau von Risiken sowie der Gründung einer Bad Bank reicht die Liste der Vorhaben.

Gut lief es für die Deutsche Bank von Oktober bis Dezember vor allem im Geschäft mit Devisen, und auch das Filialgeschäft entwickelte sich positiv. Auch profitierte die Bank von der Erholung der Börsen sowie der insgesamt etwas aufgehellten Stimmung an den Finanzmärkten.

Die Krise in Europa ist nach Einschätzung von Co-Vorstandschef Anshu Jain zwar noch nicht bewältigt, jedoch unter Kontrolle. Das kam seinem ehemaligen Bereich, dem Investmentbanking, zu Gute. Bei Corporate Banking & Securities stiegen die Erträge im vierten Quartal um 43 Prozent.

Kontakt zum Autor: Madeleine.Nissen@wsj.com

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