• The Wall Street Journal

Israels Bombenwarnung an Syrien

    Von FARNAZ FASSIHI, JULIAN E. BARNES und SAM DAGHER

Israel hat am Mittwoch in Syrien ein mutmaßliche Waffenlieferung an libanesische Hisbollah-Extremisten bombardiert. Der nächtliche Angriff auf einen Lastwagenkonvoi habe sich unweit der syrischen Grenze zum Libanon ereignet, teilten US-Regierungsvertreter am Mittwoch mit.

Reuters

Ein israelischer Soldat hält vor einem Raketenabwehrsystem in Haifa Wache. Israel fürchtet sich davor, dass feindliche Extremisten an Waffen aus Syrien gelangen könnten.

Die Transporter hätten Flugabwehrraketen vom Typ SA-17 aus russischer Produktion geladen gehabt, die in den Händen der Extremistengruppe die „Karten strategisch neu mischen" würden, teilten örtliche Sicherheitskräfte mit. Ihnen zufolge hatte Israel bereits seit Tagen geplant, eine für die Hisbollah im Libanon bestimmte Waffenlieferung ins Visier zu nehmen.

Das israelische Militär wollte sich nicht zu dem Vorfall äußern. Das syrische Staatsfernsehen behauptete indes, Israels Kampfjets hätten ein Militärforschungszentrum bombardiert.

Iran ist ein wesentlicher Finanzier der Hisbollah

Mit dem Angriff mischt sich Israel nun noch tiefer in den chaotischen, seit zwei Jahren tobenden Bürgerkrieg in Syrien ein. Der blutige Konflikt hat die Fronten in der Region ohnehin schon vertieft. Jetzt fordert Israel indirekt auch den Iran heraus, einem wesentlichen Finanzier der anti-israelischen, schiitischen Islamistengruppe Hisbollah im Libanon.

„Jeder Angriff dieser Art ist eine erhebliche Eskalation", sagt Timor Goksel, Hisbollah-Experte an der American University in Beirut. „Warum sollte Israel so etwas aus heiterem Himmel tun?"

Die Antwort laute, sagen verschiedene westliche Regierungsvertreter und Beobachter, dass Israel ein kalkuliertes Risiko eingegangen sei. Israel rechne nicht damit, dass die syrische Regierung, die mit dem Bürgerkrieg im eigenen Land genug zu tun hat, zurückschlagen werde. Auch von Seiten der Hisbollah und dem Iran sei kein Angriff zu befürchten – beide stehen vor Wahlen und finanziellen Hürden.

Associated Press

Verbündete: Syriens Präsident Baschar al-Assad und Hisbollah-Führer Scheich Hassan Nasrallah - hier bei einem Treffen Anfang 2010.

Mit der Attacke auf die Lastwagen habe Israel nicht nur Waffen zerstört, die von der Hisbollah vielleicht irgendwann gegen israelische Kampfjets eingesetzt worden wären, sagen westliche Regierungsvertreter. Das Land habe auch eine Warnung an den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und an den Iran geschickt, gar nicht erst zu versuchen, die libanesische Hisbollah mit chemischen oder biologischen Waffen zu versorgen.

Vor allem für die USA wäre mit dem Einsatz von Chemiewaffen eine kritische Grenze überschritten. US-Präsident Barack Obama hat bereits deutlich gemacht, dass sein Land in dem Fall militärisch einschreiten würde.

Was wurde wirkilch bombardiert?

Das syrische Militär widersprach der Darstellung eines Angriffs auf Waffentransporter und sprach von einer Attacke auf ein militärisches Forschungszentrum in der Nähe der syrischen Hauptstadt Damaskus. Dabei seien zwei Arbeiter getötet und fünf weitere verletzt wurden. Außerdem sei „erheblicher Materialschaden" entstanden.

Syrischen Aktivisten zufolge liegt die angeblich beschossene Militäranlage in Jamraya, einer Berggegend am Rande einer stark bewachten Straße nicht weit entfernt vom wichtigsten Zubringer zwischen Damaskus und Beirut. Dort befänden sich auch andere militärische Einrichtungen und Ausbildungslager.

Nach Angaben eines US-Regierungsvertreters vom Mittwochabend schließen sich die beiden Versionen des Geschehens nicht unbedingt aus. Es könnte sein, dass die israelischen Kampfjets einen Konvoi mit Luftabwehrraketen an die Hisbollah in der Nähe einer militärischen Anlage bombardiert hätten, sagte er. Er mahnte aber zur Vorsicht, da die vorliegenden Information lückenhaft seien.

Seit Tagen schon gibt es Spannungen in der Region. Am Sonntag sagte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, dass Israel den Zerfall Syriens und das Schicksal seiner „tödlichen Waffen" genauestens verfolge. Die israelische Armee stellte noch am selben Tag ein Raketenabwehrsystem im Norden Israels auf.

Am Dienstag dann flogen nach Angaben des libanesischen Militärs vier israelische Kampfjets sehr dicht über Ortschaften im Süden Libanons, was eine Verletzung des Luftraums darstellt. Ein Sprecher der UN-Friedenstruppen in Libanon teilte mit, dass in den vergangenen Tagen außergewöhnlich viele israelische Militärflugzeuge in den libanesischen Luftraum eingedrungen seien.

Hisbollah unterhält Waffenlager in Syrien

Die Extremistengruppe Hisbollah unterhält nach Informationen von Sicherheitskräften im Iran und Libanon Waffenlager auf Militärstützpunkten in Syrien, nahe der libanesischen Grenze. Weil sich die Lage in dem Bürgerkriegsland aber zunehmend verschlechtert, fürchte die Hisbollah nun, dass ihr Waffenarsenal in die Hände der syrischen Rebellen fallen könnte, sagt General Elias Hanna, ein pensionierter Mitarbeiter des libanesischen Sicherheitsdienstes.

„Hisbollah hat beschlossen, dass es nicht mehr sicher ist, die Waffen in Syrien versteckt zu halten", sagt General Hanna. Die Gruppe wolle sie „zurückbringen, bevor es zu spät ist".

Israelische Regierungsvertreter sprechen ihrerseits seit Monaten über das Risiko, dass Syriens eigene Waffenlager in den Wirren des Bürgerkriegs in die Hände der Hisbollah geraten und zum Einsatz kommen könnten. Sie fürchten vor allem, dass Chemiewaffen einem künftigen Konflikt mit den libanesischen Extremisten eine fatale neue Richtung geben könnten. Aber auch wenn die Hisbollah an Flugabwehrraketen vom Typ SA-17 gelangen würde, würde das laut Analysten die Überlegenheit der israelischen Luftwaffe im Libanon beeinträchtigen.

Die Hisbollah widersprach am Mittwoch der Darstellung, dass Israel einen für sie bestimmten Waffenkonvoi in Syrien beschossen habe. „Wir haben keinerlei Informationen zu dieser Sache. Wir sind in keinster Weise beunruhigt", sagte Hisbollah-Sprecher Ibrahim Mousawi.

Israel attackiert feindliche Waffenlager seit Jahren

Viele vermuten, dass Israel schon im Jahr 2007 eine Anlage in Syrien angegriffen hat, die als im Bau befindliche Kernenergieanlage galt. Die israelische Regierung hat den mutmaßlichen Angriff bis heute weder bestätigt noch abgestritten. 2006 hatte Israel einen Krieg im Süden Libanons geführt.

Ende Oktober warfen sudanesische Regierungsvertreter Israel vor, eine Waffenfabrik im Sudan mit Kampfjets angegriffen zu haben. Israel hält den Sudan nach Auskunft von Analysten für eines der Länder, das der militanten Palästinenserorganisation Hamas Waffen liefert. Israel kommentierte den Angriff nicht öffentlich. Er fand etwa zwei Wochen vor dem achttägigen Krieg zwischen Israel und der Hamas im Westjordanland statt.

„Israels blickt auf eine lange Geschichte zurück, Waffen auf dem Weg zu Terrorgruppen – sei es Hamas oder Hisbollah – abzufangen", sagt Gerald Steinberg, Politikwissenschaftler an der israelischen Bar-Ilan Universität.

Üblicherweise aber schweigt sich Israel über solche Attacken aus. Israelische Analysten wie westliche Regierungsvertreter glauben, dass das Land auf diese Weise versucht, Konflikte vor dem Eskalieren zu bewahren.

„Normalerweise läuft das so, dass die Israelis dafür keine Verantwortung übernehmen. Und die Getroffenen versuchen es mit Ablenkung oder Herunterspielen", sagt Aram Nerguizian, Forscher an der amerikanischen Denkfabrik Center for Strategic and International Studies. „Die Israelis haben ihre Haltung deutlich gemacht. Wenn sich irgendjemand gefragt hat, ob Israel handelt, wenn die kritischen Grenzen erreicht sind...dann hat er jetzt eine Antwort."

—Mitarbeit: Adam Entous, Joshua Mitnick und Nada Raad

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