• The Wall Street Journal

Einzelhandel mit Umsatzrückgang in 2012

    Von NATALI SCHWAB

Schlecker, Neckermann: Der Handel in Deutschland stand im vergangenen Jahr vor allem wegen spektakulärer Unternehmenspleiten in den Schlagzeilen. Und auch abseits dieser großen Insolvenzen kämpft die Branche mit Problemen: Fachhändler leiden zunehmend unter der Konkurrenz aus dem Internet. So schließen oder verkleinern etwa Buchhändler wie die zum Handelskonzern Douglas gehörende Kette Thalia Filialen aufgrund des hohen Wettbewerbdrucks. Elektronikhändler liefern sich Preiskämpfe. Und auch der Warenhaussektor um die großen Spieler Karstadt und Kaufhof bleibt schwierig.

dapd

Der Umsatz im deutschen Einzelhandel konnte im wichtigen Weihnachtsmonat Dezember real nicht gesteigert werden. Obwohl Volkswirte zuvor mit einem leichten Plus gerechnet hatten, stand am Ende ein inflationsbereinigtes Minus von 1,7 Prozent.

Das Umfeld der drittgrößten Branche Deutschlands ist damit alles andere als rosig. Der deutsche Einzelhandel kämpft erstmals seit Jahren wieder mit realen Umsatzverlusten, wie das Statistische Bundesamt sowie der Branchenverband HDE mitteilten. Trotz eines insgesamt robusten Umfeldes wie etwa dem stabilen Arbeitsmarkt und höheren Gehältern der Beschäftigten landete 2012 real weniger in den Kassen der Einzelhändler. 2013 dürfte zudem nach Ansicht des Branchenverbandes HDE kaum besser werden.

Abkoppeln kann sich lediglich das Onlinegeschäft, das dem stationären Handel weiter Marktanteile abknöpft. Zwar gehen immer mehr stationäre Händler auch ins Internet. Der Anteil der Multichannel-Händler bleibt jedoch mit rund 20 Prozent weiterhin gering.

Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) sanken die realen Einzelhandelsumsätze im vergangenen Jahr um insgesamt 0,3 Prozent. Bereinigt man die Zahlen um Umsätze in den Bereichen Kfz, Tankstellen, Apotheken und Brennstoffe liegt das Minus sogar mit 0,6 Prozent doppelt so hoch. Das lag unter den Erwartungen des HDE, der mit einer Stagnation gerechnet hatte. Nominal - also nicht inflationsbereinigt - wurde ein Plus von 1,9 Prozent bzw. 1,5 Prozent erzielt.

Enttäuschendes Weihnachtsgeschäft

Das für den Handel so wichtige Weihnachtsgeschäft enttäuschte dieses Mal. Die Unternehmen erzielen in dieser Zeit des Jahres den Löwenanteil ihrer Ergebnisse. Die Umsätze sanken in den Monaten November und Dezember nominal um 0,7 Prozent auf 78,8 Milliarden Euro und lagen damit unter den Erwartungen, berichtete der HDE. Der Verband hatte mit einem Plus von 1,5 Prozent gerechnet.

Vor allem der Dezember mit seinen milden Temperaturen sorgte dafür, dass Winterware wie Blei in den Regalen liegen blieb. Große Handelskonzern wie Metro oder Douglas hatten ihrerseits bereits über maue Geschäfte geklagt.

Dies zeigt sich auch in den Zahlen von Destatis für Dezember. So sanken die Umsätze des deutschen Einzelhandels insgesamt um real 4,7 Prozent. Gegenüber dem Vormonat sanken die Umsätze preisbereinigt um 1,7 Prozent. Dies überraschte die Volkswirte, die eigentlich mit einem kleinen Plus gerechnet hatten. Allerdings werden die Zahlen häufig revidiert.

Nach Ansicht von Strategieanalystin Annalisa Piazza vom Brokerhaus Newedge markieren die Zahlen die schwächste Entwicklung seit Januar 2012. Im vergangenen Jahr seien in acht von zwölf Monaten die Einzelhandelsumsätze gefallen.

Teuerung zeigte sich moderat

Es ist jedoch nicht nur die Inflation, die Umsatzsteigerungen auffrisst. Die Teuerung zeigte sich mit plus zwei Prozent im vergangenen Jahr noch moderat. Der Handelsverband Deutschland sieht den Grund für die Misere in den immer stärker steigenden Belastungen der Verbraucher: So erhöhten sich die Kosten für Gesundheit, Altersvorsorge und das Wohnen stetig.

Besonders schwer im Magen liegen dem Verband die hohen Energiepreise. "Strom, Gas und Brennstoffe verteuerten sich seit 2005 um rund 44 Prozent", sagte Hauptgeschäftsführer Stefan Genth bei der Jahrespressekonferenz in Berlin. Die Belastungen aus der Energiewende entziehe den Konsumenten die Kaufkraft.

Er forderte daher eine Entlastung der Verbraucher bei den Energiekosten. Es sei "wichtig, die finanziellen Handlungsspielräume der Verbraucher zu erweitern. Steuererhöhungen sind Gift für den Konsum und damit für die Binnenkonjunktur", sagte er in Richtung Politik. "Eine Stagnation im Einzelhandel als drittgrößten Wirtschaftszweig kann sich unsere Volkswirtschaft auf Dauer nicht leisten", betonte der HDE-Chef.

Privater Konsum steigt 2012 preisbereinigt an

Bereits seit einigen Jahren koppelt sich der Einzelhandel ein Stück weit von der Entwicklung des privaten Konsums ab. "Die Konsumgüternachfrage erlebt einen relativen Bedeutungsverlust", sagte Genth. Damit sinke auch der Anteil des Einzelhandels am privaten Konsum - er liegt derzeit bei 28 Prozent. Zum Vergleich: Der private Konsum war 2012 preisbereinigt um 0,8 Prozent gestiegen und leistete einen Beitrag von 0,4 Prozent zum Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von real 0,7 Prozent.

Auch die Rahmenbedingungen für 2013 sind eigentlich gar nicht so schlecht: Sie werden sich, was den Arbeitsmarkt und das verfügbare Einkommen angeht, nicht substanziell ändern. Der private Konsum soll moderat wachsen. Für das laufende Jahr geht der HDE für den Einzelhandel hingegen preisbereinigt von einem leichten Rückgang der Umsätze aus. Nominal sollen sie um rund ein Prozent steigen.

"Der Start ins neue Jahr verlief verhalten", sagte Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Nach Ergebnissen des HDE-Handelskonjunkturindex rechnen die Unternehmen im Jahresverlauf jedoch mit einer deutlich besseren Situation.

Weiter dynamisch sollen die Online-Umsätze steigen. Für das laufende Jahr rechnet der Verband mit einem Wachstum um 12 Prozent. 2012 betrugen die Internetumsätze 29,5 Milliarden Euro.

Kontakt zum Autor: natali.schwab@dowjones.com

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