• The Wall Street Journal

Yen-Schwäche lässt Japans Konzerne aufatmen

    Von DAISUKE WAKABAYASHI und HIROYUKI KACHI

Japanische Unternehmen atmen momentan angesichts der Yen-Schwäche tief durch. Jahrelang stöhnten die Konzernchefs über den teuren Yen, der an einem Großteil der Gewinne nagte. Jetzt erlebt die japanische Devise eine langersehnte Schwächephase. Dadurch gewinnen Hoffnungen auf eine Erholung der Quartalsgewinne an Fahrt.

Einen ersten Silberstreif am Horizont machen Marktbeobachter bereits aus. Der Kamerahersteller Canon prognostizierte für 2013 einen um rund 14 Prozent steigenden Nettogewinn. Im vergangenen Jahr sank der Gewinn noch um knapp zehn Prozent. Die Börse hatte die Wende bei Canon bereits vorweggenommen. Seit Mitte November - als der Kursrutsch des Yen startete - schossen Canon-Papiere um fast 40 Prozent nach oben. Der Videospielkonzern Nintendo verdoppelte wegen der Yen-Abwertung kurzerhand seinen Ausblick für das gesamte Geschäftsjahr. Den Optimismus lässt sich das Unternehmen auch durch eine schlechtere Absatzerwartung nicht nehmen.

dapd

Der japanische Yen erlebt eine Schwächephase. Das nährt bei den Unternehmen die Hoffnung auf eine Erholung der Gewinne.

"Der schwächere Yen bietet Exporteuren wie uns starken Rückenwind", sagt Finanzchef Toshizo Tanaka. Dabei sei die Währungsprognose wegen der Unsicherheiten in den USA, Europa und China noch "konservativ". Dieser positive Grundton dürfte bis weit in die kommende Woche nachhallen, wenn andere große multinationale Konzerne ihre Quartalsergebnisse präsentieren. Die Gewinne der größten 200 japanischen Unternehmen dürften im Geschäftsjahr, das im März endet, sich annähernd verdoppelt haben, erwarten Analysten von Daiwa Securities. Dabei könnte ein Wiedererstarken des Yen bis Ende März so manche Hoffnung zunichtemachen. Aber damit rechnet kaum jemand. Im Vorjahr war es bei den Gewinnen noch um rund 16 Prozent in den Keller gegangen.

Seit Mitte November setzen die Devisenmärkte auf einen entschlossenen Kampf der Tokioter Regierung gegen die hartnäckige Deflation. Daraufhin schoss der US-Dollar gegenüber dem Yen um fast 15 Prozent nach oben. Aktuell notiert der Greenback bei 90,88 Yen, nachdem er die meiste Zeit des vergangenen Jahres weniger als 80 Yen wert gewesen war. Gegenüber dem Euro gab der Yen noch kräftiger nach. Der Euro schnellte um 22 Prozent auf 122,55 Yen empor.

Die Yen-Schwäche beflügelt die japanischen Exporteure in vielfacher Hinsicht. Sie erhöht die Gewinne aus dem Auslandsgeschäft, sobald die Dollar- und Euroumsätze in die heimische Devise umgewechselt werden. Außerdem verringert der billigere Yen den Preis für Güter, die Japans Unternehmen exportieren. Besonders die Elektronik- und Automobilbranchen des Landes profitieren. Beide ächzten jahrelang unter dem starken Yen, der massiv an den Gewinnen knabberte. Der Gewinnschub durch die Yen-Abwertung sorgt gemeinsam mit dem Konjunkturpaket des neuen Premierministers Shinzo Abe für eine Kursrally an der Börse. Seit Mitte November schoss der Nikkei-225 um mehr als ein Viertel nach oben. Am Mittwoch schloss er auf dem 33-Monats-Hoch von 11.114 Zählern.

Dabei überflügeln Elektronik- und Autoproduzenten den Gesamtindex. Aktien von Sony und Panasonic setzten seit Mitte November zu einem Höhenflug von 50 Prozent an. Panasonic legt am Freitag Quartalsergebnisse vor, Sony in der kommenden Woche. Papiere von Toyota, Nissan und Honda sprangen im gleichen Zeitraum um mehr als ein Drittel nach oben. Honda kommt Donnerstag mit Zahlen heraus, Toyota und Nissan folgen kommende Woche.

Der annähernd fünf Jahre währende ungebremste Yen-Anstieg hatte schwere Gewitterwolken über Japans Unternehmenslandschaft heraufziehen lassen. Gleichzeitig schrumpften die heimischen Märkte wegen der alternden Bevölkerung. In der Elektronikbranche durchkreuzte die Yen-Stärke Pläne, mit ausländischen Konkurrenten wieder mithalten zu können. Es lastete ein schwerer Kostennachteil auf den japanischen Konzernen. Außerdem trieben Konkurrenten aus anderen asiatischen Ländern ihre Innovationen schneller voran. Die Autobauer drohten mit Werksschließungen auf dem Heimatmarkt. Wegen der hohen Kosten sei es vielfach nicht mehr sinnvoll, im Inland zu produzieren. Die Konzerne waren auch von der Regierung frustriert, die es nicht schaffte, den Yen-Anstieg effektiv zu bekämpfen.

Südkoreanische Hersteller wie Samsung und Hyundai hatten Oberwasser. Sie erstritten sich Marktanteile von ihren japanischen Rivalen, die von jahrelanger Won-Schwäche und Yen-Stärke Schlagseite bekamen. Diese Vorzeichen kehren sich angesichts des schwächelnden Yen derzeit um. Der südkoreanische Won hat gegenüber dem Yen seit dem 1. Juni rund ein Viertel an Boden gutgemacht. "Als großer Exporteur sind wir mit der Yen-Abwertung sehr zufrieden", sagt Präsident und CEO Hideaki Omija von Mitsubishi Heavy Industries, einem Konzern, der Flugzeuge und Schiffe fertigt. "Idealerweise fällt der Yen noch weiter."

Nicht alle japanischen Unternehmen profitieren

Die Yen-Schwäche ist nicht für alle japanischen Unternehmen eine gute Nachricht. Unternehmen, die zum Beispiel Billigkleider im Ausland produzieren und im Land der aufgehenden Sonne verkaufen, gehören zu den Verlierern. Ebenso leiden Unternehmen, die Rohstoffe nach Japan importieren. Ein besonders krisenanfälliger Sektor sind die Versorger. Sie müssen für viel Geld Öl aus dem Ausland importieren. Das gilt besonders seit der Nuklearkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011. Danach wurden fast alle Nuklearreaktoren des Landes vom Netz genommen.

Der jahrelange Yen-Höhenflug hat bereits Gegenmaßnahmen ausgelöst. Ein Großteil der Produktion findet heute außerhalb Japans statt. Und diese Zulieferer werden zumeist in Dollar oder Euro bezahlt. Deshalb profitiert die japanische Wirtschaft von der Yen-Schwäche nicht mehr ganz so ausgeprägt wie noch vor Jahren. Bei Sony schneiden Auf- und Abschwünge des Yen nicht mehr dermaßen tief in die Gewinne wie früher.

Vor zehn Jahren bedeutete eine Aufwertung gegenüber dem Greenback um einen Yen noch einen um 6,5 Milliarden Yen niedrigeren operativen Gewinn. Die Abhängigkeit von der Yen-Notierung dampfte Sony energisch ein. Seitdem fallen mehr Kosten in Dollar an. Beim Euro war Sony weniger erfolgreich. Das Unternehmen hat sich immer noch mit fallenden Umsätzen in Europa herumzuschlagen, während die in der Gemeinschaftswährung anfallenden Kosten nicht nachlassen.

Einigen Unternehmen reicht die momentane Yen-Schwäche nicht aus und sie verlangen nach mehr. Toyota-Chef Akio Toyoda hält einen Dollarkurs von 100 Yen für ideal. "Der Yen schwächt sich noch nicht entscheidend ab. Er ist lediglich in einer Kurskorrektur gegenüber seinem vorher ungewöhnlich hohen Wert", sagte Toyoda vor Reportern im vergangenen Monat. Toyota erlöst rund 70 Prozent seiner Umsätze außerhalb von Japan.

Der jahrelang starke Yen half den japanischen Unternehmen bei ihren Einkaufstouren im Ausland. Unternehmen in Übersee waren relativ billig. Das erleichterte die Auslandsexpansion. Auslandsfabriken wurden hochgezogen und Unternehmen übernommen. Japan wies 2012 ein zweites Rekordjahr bei Auslandsübernahmen auf und nahm dazu laut dem Datendienstleister Dealogic 113 Milliarden Dollar in die Hände. Eine der größten Aufkäufe war die 34,6 Milliarden Dollar teure Akquisition von Sprint Nextel durch Softbank. Japanische Unternehmen avancierten zu den zweitgrößten Unternehmenskäufern weltweit nach US-Firmen.

Der schwächere Yen wird solche Gelegenheiten für Japans Konzerne künftig teurer machen. Doch der Appetit nach Auslandsinvestitionen dürfte trotzdem nicht nachlassen. Die Unternehmen wollten weiter ihre Währungsrisiken verringern und Wachstum außerhalb des schrumpfenden Heimatmarkts erzielen, sagt Partner Daisuke Nakano von der Beratungsfirma Roland Berger in Tokio. "Auslandsinvestitionen bleiben ein äußerst wichtiges Thema für japanische Unternehmen", fügt Nakano an. "Es könnte einen leichten Rückgang bei den Auslandsinvestitionen japanischer Konzerne geben, aber ich glaube, die Ausgaben werden nicht substanziell zurückgefahren."

—Mitarbeit: Yoschio Takahaschi und Kana Inagaki

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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