• The Wall Street Journal

Ein Silberstreif für den Rohstoffmarkt

    Von MATT DAY

Anleger, die auf einen weiteren Höhenflug der globalen Elektronikindustrie und der Solarbranche wetten wollen, werden derzeit vom Silbermarkt wie von einem Magneten angezogen. Volkswirte und Analysten rechnen damit, dass diese Sektoren, die große Mengen Silber benötigen, schneller wachsen als die Weltwirtschaft. Dadurch würde die Nachfrage nach dem Edelmetall weiter steigen.

Associated Press

Halbleiterherstellung bei Infineon in Deutschland: In fast allen Elektrogeräten kommt Silber zum Einsatz.

Viele Anleger setzen darauf, dass dieser höhere Verbrauch zu höheren Preisen führt, auch wenn Silber als sicherer Hafen weniger gefragt ist. Normalerweise kaufen Fondsmanager Silber und Gold, wenn es Turbulenzen an den Märkten oder Inflationsängste gibt: Die Rally beim Goldpreis hat derzeit in Folge größerer Zuversicht und Ruhe in Europa nachgelassen. Aber bei Silber geht es weiter aufwärts, weil Anleger sich auf die Industrienachfrage verlassen.

Silber ist in diesem Jahr bereits um über 6 Prozent gestiegen, Gold nur um 0,3 Prozent. 2012 lag Silber bereits mit einer Preissteigerung von 8 Prozent vorn, Gold kam nur auf 7 Prozent. „Das relativ starke Wirtschaftswachstum wird Silber bevorzugen", sagt John Hummel, Investmentchef bei der AIS Group, wo 400 Millionen US-Dollar an Vermögen verwaltet werden. Der Metallfonds, den Hummel leitet, hat seinen Silberanteil in diesem Monat von 10 auf 12 Prozent gesteigert.

Die Nachfrage aus der Industrie macht üblicherweise mehr als die Hälfte der jährlichen Silbernachfrage aus. Laut Zahlen von Morgan Stanley verbrauchten 2011 die Elektronik- und die Solarbranche 28 Prozent. Der Rest wird für Schmuck, Besteck, Fotos, Münzen und Barren verwendet.

Das Metall ist extrem leitfähig und steckt in einer dünnen Membran hinter fast jedem An-/Aus-Schalter bei Elektrogeräten. Dazu findet man es in Computerplatinen, Handys, Solarpanelen und Verbindungsstücken, die in Haushaltsgeräten und Kraftwerken zum Einsatz kommen. „Silber wird in den Produkten der solidesten Branchen eingesetzt", sagt Chris Blasi, Präsident des Metallhändlers Neptune Global Holdings: „Tech, erneuerbare Energie, Medizin".

Die Nachfrage aus der Industrie nach Silber wird in diesem Jahr um 6 Prozent steigen, erwarten die Analysten von Thomson Reuters GFMS. Das liege auch an der stärkeren Wirtschaftsaktivität in Indien und China, steigenden Autoverkäufen und einer stabileren Solarindustrie. Damit würde die Silbernachfrage stärker ansteigen als die Weltwirtschaft, die laut Prognose des Internationalen Währungsfonds um 3,5 Prozent zulegen soll.

Silber „etabliert sich als Edelmetall mit einem industriellen Charakter, das sich damit deutlich von Gold absetzt", schrieben die Analysten der Commerzbank im Dezember. Sie schätzen, dass der Preis in diesem Jahr im Schnitt bei 38 Dollar je Feinunze liegen wird und 2014 bei 45,50 Dollar. Im New Yorker Handel lag die Feinunze Silber am Montagmittag bei 31,61 Dollar.

In der Vergangenheit haben die Silberpreise oft stark geschwankt, was einige Anleger abgeschreckt hat. Der Markt ist im Vergleich zu anderen Rohstoffen relativ klein, was ihn anfällig für externe Einflüsse macht. Im April 2011 trieb etwa eine Spekulationsblase die Preise auf ein 30-Jahres-Hoch, bei dem folgenden Abverkauf stürzte der Kurs innerhalb einer Woche um 31 Prozent.

Einige Analysten glauben weiter daran, dass die Stimmung der Anleger und nicht die Nachfrage der Industrie die Preise bestimmen wird. „Die Industrieanfrage allein wird die Preise nicht höher treiben", sagt Erica Rannestad, Analystin bei der CPM Group. Bei höheren Preisen steige oft auch das Angebot im Markt, durch höheren Ausstoß der Bergwerke und durch recyceltes Silber. Gleichzeitig würden die Produzenten nach billigerem Ersatz suchen. Dann müssten also mehr Anleger in die Bresche springen, um das höhere Angebot vom Markt zu nehmen.

Das vergrößerte Angebot könnte zwar den Silberpreisen langfristig eine Grenze nach oben setzen, glaubt dagegen Stephen Land, Portfoliomanager beim 2,3 Milliarden Dollar schweren Franklin Gold and Precious Metals Trust Fonds. Die Nachfrage aus der Industrie werde aber in diesem Jahr die Preise steigen lassen. Sein Fonds investiert unter anderem in die Aktien von Silberproduzenten.

Auch der Einsatz von Silber bei Elektrogeräten wird in diesem Jahr steigen. Die Nachfrage nach Halbleitern, ein wichtiger Indikator für den Silberverbrauch, soll laut dem Zuliefererverband Semi in diesem Jahr um 6 Prozent steigen.

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