• The Wall Street Journal

Ein Kinderspiel fürs Leben

    Von RUSSELL ADAMS
Sean Raftis

Bill Akers, Patrick Schultheis, Sean Raftis und Mike Konesky spielen seit Schulzeiten Fangen.

Wie schwer ist es für einen Fremden, ins Gebäude zu kommen? Diese Frage brannte Brian Dennehy so sehr unter den Nägeln, dass er sie schon in seiner ersten Woche als neuer Chief Marketing Officer bei der Modemarke Nordstrom einem Kollegen stellte.

Dennehy interessiert sich nicht unbedingt für Gebäudesicherheit – vielmehr wollte er einfach nicht zum „Fänger" werden. Denn Dennehy und neun seiner Freunde spielen seit 23 Jahren ununterbrochen Fangen.

Alles begann noch während ihrer Schulzeit, als sie während der Pause auf dem Hof ihrer Schule in Spokane (Washington) Fangen spielten. Nach und nach gingen sie an die Uni, traten neue Jobs an, gründeten Familien und zogen in andere Städte. Doch das Fangenspielen verbindet sie bis heute.

Das Spiel verläuft immer noch nach denselben Regeln wie damals auf dem Schulhof. Ein Spieler ist der Fänger, bis er einen anderen Spieler erwischt. Doch da sich eine Gruppe von Männern, die Mitte 40 sind, nicht gerne auf dem Spielplatz trifft, gibt es eine Sonderregel: Das Spiel findet jährlich während des gesamten Monats Februar statt, und es gibt keine geografischen Grenzen. Der letzte Fänger setzt das Spiel dann im Folgejahr fort.

Das bedeutet, dass Spieler auch am Arbeitsplatz oder im eigenen Bett nicht sicher sind. Sie tun sich zusammen und fliegen durch das ganze Land. Ehefrauen werden als Spione angeheuert und Assistenten sollen andere Spieler aus dem Büro fernhalten.

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Brian Dennehy wollte nicht für den Rest seines Lebens Fänger sein.

„Man fühlt sich wie ein Reh in der Jagdsaison", sagt Joe Tombari, ein Lehrer an der High School in Spokane. Manchmal sperrt er die Tür seines Klassenzimmers ab, wenn keine Schüler da sind, und schaut unter sein Auto, bevor er sich nähert.

An einem Tag im Februar Mitte der 90er-Jahre, als Tombari in Kalifornien lebte, klopfte es an seiner Tür. Draußen stand ein Nachbar. „Hey Joe", sagte der, „ich muss dir unbedingt zeigen, was ich gekauft habe". Dann führte er Tombari und seine Frau zu seinem Auto.

Was er nicht ahnte war, dass sein Freund Sean Raftis, der zu der Zeit Fänger war, aus Seattle nach Kalifornien geflogen war und sich gerade im Kofferraum des Honda Accord versteckte. Sobald der Nachbar den Kofferraum öffnete, sprang Raftis heraus und gab die Fängerrolle an Tombari ab. Tombaris Frau erschreckte sich dabei so sehr, dass sie rückwärts vom Bürgersteig fiel und ein Band im Knie riss.

„Das tut mir immer noch leid", sagt Raftis, der heute als Pfarrer in Montana arbeitet. „Aber ich habe Joe bekommen."

Nach Jahren kamen sie auf die Idee, das Spiel wiederzubeleben

Doch es hätte auch schlimmer kommen können für Tombari. Er war schon 1982 Fänger, als der letzte Schultag anbrach. Er hatte einen Plan, wie er noch einen seiner Freunde fangen könnte, der an dem Tag früher nach Hause gegangen war. Doch als er beim Haus seines Freundes ankam, saß der schon im Auto seiner Eltern und hatte die Türen verriegelt. Jemand hatte ihn gewarnt. Dann war die Schulzeit zu Ende. „Es war niederschmetternd", sagt Tombari. „Ich sollte den Rest meines Lebens Fänger sein."

Etwa acht Jahre später waren einige der Freunde bei einem Picknick versammelt, als sie sich an das Fangspiel erinnerten. Da hatte jemand die Idee, das Spiel für einen Monat im Jahr wiederzubeleben.

Patrick Schultheis, der damals sein erstes Jahr als Anwalt arbeitete, setzte eine Teilnahmeerklärung auf, in der sich die Spieler auf die Regeln einigten (zum Beispiel ist es nicht erlaubt, dass ein gerade Gefangener sofort den Fänger wieder abschlägt). Alle unterschrieben, und das Spiel konnte beginnen.

Die Mitspieler sind inzwischen im ganzen Land verteilt

Mit den Jahren verteilten sich die Spieler immer weiter über die ganzen USA. Zu einem Zeitpunkt lebte Chris Ammann in Boston. Sein Freund Mike Konesky kaufte mit seinen Vielfliegermeilen ein Ticket und flog am letzten Februarwochenende quer durchs Land. Die nächsten zwei Tage verbrachte er vor Ammanns Wohnung im Gebüsch oder in der Lieblingsbar seines Freundes. Doch Ammann tauchte nie auf, und Konesky war noch bis zum nächsten Jahr Fänger.

„Es tat mir leid", sagt Ammann, der an dem Wochenende weggefahren war. „Ich glaube, ich hätte mich gerne fangen lassen, um etwas Zeit mit ihm verbringen zu können."

Die Teilnehmer sind sich einig, dass das Spiel Freundschaften erhalten hat, die sonst über die Jahre auseinander gegangen wären. Doch manchmal wird das Spiel so ernst, dass die Freundschaft aufhört. Einmal weigerte sich Schultheis, einem Kollegen dabei zu helfen, seinen Reifen zu wechseln. Er fürchtete, dass das eine Falle eines Mitspielers sein könnte. Oft fährt er auch im Februar nach Hawaii – unter anderem, um nicht gefangen zu werden.

Konesky, der heute bei einer Technologiefirma arbeitet, ist derzeit wieder der Fänger. Nach elf Monaten Wartezeit hat er schon einige Pläne gemacht, wie er einen seiner Freunde erwischt. Er fängt gerne die Freunde, die schon lange nicht mehr dran waren, sagt er. Dazu gehört auch Pfarrer Raftis, der schwerer zu erwischen ist, seit er nach Montana gezogen ist. Doch an Sonntagen ist er eine leichte Beute.

„Sobald ich aus dem Pfarrhaus komme, ist alles erlaubt", sagt der Pfarrer. „Ich muss also etwas vorsichtiger werden."

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