• The Wall Street Journal

Deutsche Firmen setzen verstärkt auf Kurzarbeit

    Von NINA KÖPPEN

Deutsche Unternehmen schicken angesichts dünner werdender Auftragsbücher immer mehr Mitarbeiter in Kurzarbeit. Sie greifen damit auf ein Instrument zurück, mit dem sie während der tiefen Rezession 2009 ihre Stammbelegschaften zusammenhalten konnten, was in den beiden Folgejahren zum starken Aufschwung beitrug.

Kritiker fürchten, dass der Einsatz von Kurzarbeit jetzt dazu führen könnte, dass fällige Strukturreformen in der Industrie auf die lange Bank geschoben werden. Befürworter hingegen fordern eine deutliche Ausweitung der Kurzarbeitergeld-Regelungen und bekommen angesichts der bevorstehenden Wahlen immer mehr Rückenwind.

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit beantragten im Januar 2.900 Unternehmen Kurzarbeit - 800 mehr als im Dezember. Die Zahl der Arbeitnehmer, die bereits aus konjunkturellen Gründen Kurzarbeitergeld beziehen, verdoppelte sich von etwa 35.000 im August auf 70.000 im November. Aktuellere Daten liegen noch nicht vor. Hinzu kommen rund 10.000 bis 20.000 Kurzarbeiter, die aus anderen Gründen, wie Witterung oder Insolvenz, nicht voll arbeiten.

In Erwartung steigender Antragszahlen hat die Arbeitsagentur im aktuellen Haushaltsplan 600 Millionen Euro für konjunkturelle Kurzarbeit vorgesehen, fast dreimal so viel wie 2012.

„Die Krise in der Eurozone schlägt sich zunehmend auf die deutsche Konjunktur nieder. Die schwarz-gelbe Bundesregierung hat bisher keine Vorsorge getroffen", kritisierte Hubertus Heil, der stellvertretende Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, die aktuellen Arbeitsmarktdaten. Die Ministerin müsse handeln, damit Deutschland nicht noch weiter abrutsche.

Auf die sich abzeichnende Konjunkturschwäche hat die Regierung in Berlin bereits im Dezember reagiert, indem sie das Kurzarbeitergeld von sechs auf zwölf Monate verlängerte. Nachdem klar ist, dass die Wirtschaft im vierten Quartal geschrumpft ist, fordern SPD, Grüne und Linke nun, Kurzarbeitergeld für den Fall einer schweren Krise für bis zu 36 Monate zu gewähren.

Jetzt ist eine Debatte darüber entbrannt, ob Kurzarbeit überhaupt das richtige Instrument zur Lösung der aktuellen Probleme ist und ob Deutschland nicht Gefahr läuft, wichtige Reformen zu verschieben, während Kanzlerin Angela Merkel anderen Länder Lektionen in Sparpolitik erteilt. Kurzarbeit birgt wie andere staatliche Hilfen auch die Gefahr, dass er zu Missbrauch kommt, warnen Experten.

„Es darf keine Einheitslösung geben", sagte Werner Eichhorst, der stellvertretende Direktor des unabhängigen Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA). Er weist darauf hin, dass sich die aktuelle Wirtschaftslage Deutschlands deutlich von der des Jahres 2009 unterscheidet, als die Wirtschaftsleistung unvermittelt um 5,1 Prozent einbrach. Die Arbeitsagentur sollte den Einsatz von Kurzarbeit sorgfältig und von Fall zu Fall prüfen, rät Eichhorst.

Steffen Henzel, Ökonom beim Münchener ifo Institut, äußert sich ebenfalls eher skeptisch. „Momentan gibt es keinen Grund für eine Ausweitung der Kurzarbeitregelung", sagte er. Henzel sieht angesichts der herannahenden Bundestagswahlen die Gefahr, dass umgesetzte Arbeitsmarktreformen wieder rückgängig gemacht werden.

Deutschlands Kurzarbeiterregelung hat viel Anerkennung gefunden. Während der Rezession von 2009 ermöglichte sie es vielen Firmen, ihre hochqualifizierte Arbeitskräfte bei massiv sinkender Produktion zu halten. Europas größte Volkswirtschaft vermied damit Beschäftigungsverluste, wie sie in Nachbarländern und in den USA an stattfanden. Als die Konjunktur 2010 wieder anzog, erwies sich dies für die exportorientierte Wirtschaft Deutschlands als großer Wettbewerbsvorteil.

2012 ist Deutschlands Wirtschaftsleistung jedoch nur noch um 0,7 Prozent gestiegen, und für 2013 wird ein Zuwachs von gerade einmal 0,5 Prozent erwartet. Allerdings ist dieser Wert von der wahrscheinlich schwachen BIP-Entwicklung im vierten Quartal nach unten verzerrt. Beobachter glauben wegen deutlich gestiegener Frühindikatoren, dass die Wirtschaft spätestens im Sommer wieder Fahrt aufnehmen wird.

Da der Arbeitsmarkt ein klassischer „nachlaufender" Konjunkturindikator ist, reagiert er auf derartige Entwicklungen aber mit einer gewissen Verzögerung. Harte Indikatoren wie die Auftragseingänge haben noch keinen klaren Schwenk nach oben vollzogen. Zu den großen Konzernen, die sich in diesem Umfeld auf Kurzarbeit verlassen, gehören unter anderen MAN, Bosch, Opel, Thyssen-Krupp und Solarworld . Allein bei MAN sind 3.500 Angestellte in Kurzarbeit.

Die Unternehmen dürften nicht ermutigt werden, langfristige strukturelle Probleme mit Kurzarbeit „zuzukleistern", sagte IZA-Vizechef Eichhorst.

Kontakt zum Autor: nina.koeppen@dowjones.com

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