• The Wall Street Journal

Wer baut Mexikos Drogentunnel?

    Von TAMARA AUDI

OTAY MESA—Die US-Bundesbeamten in der kalifornischen Grenzstadt Otay Mesa wissen, wonach sie Ausschau halten müssen. Bei ihrer Suche nach Tunnelsystemen, durch die Marihuana aus Mexiko in die USA geschmuggelt wird, reichen den Ermittlern kaum sichtbare Anzeichen aus, um die illegalen unterirdischen Passagen im Labyrinth der Lagerhäuser ausfindig zu machen, das in der US-Gemeinde in unmittelbarer Nähe der mexikanischen Stadt Tijuana empor wuchert. In alarmierendem Tempo werden immer neue Stollen durch das Gelände zwischen Mexiko und Amerika getrieben, immer ausgeklügelter sind die geheimen Unterführungen ausgestattet. Selbst strombetriebene Schienennetze haben die Ermittler dort unten schon gefunden.

Die High-Tech-Tunnel der Drogenschmuggler

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Sie wissen, dass für den Bau großer Schmugglertunnel rund eine Million Dollar fällig sind. Sie wissen, dass es bis zu neun Monate dauern kann, bis sie fertig gestellt sind. Sie kennen den mutmaßlichen Drahtzieher des Drogenkartells, der vermutlich den Bau der raffiniertesten Durchgänge in Auftrag gegeben hat.

Doch die Antwort auf eine entscheidende Frage verschließt sich ihnen hartnäckig: Wer sind die Leute, die diese ausgefeilten Werke der Ingenieurskunst geplant und gebaut haben?

Die Grenzschützer konzentrieren sich bei ihren Ermittlungen darauf, die Netzwerke zu zerschlagen, die die unterirdischen Gänge finanzieren und nutzen. Für sie wäre es ganz entscheidend, wenn sie die Ingenieure aufspüren könnten, die mit dem Stollenbau beauftragt wurden, sagen die Beamten.

"Das wäre so, als würden wir den Jackpot knacken", erklärt Sonderermittler Derek Benner, der in San Diego für die Ermittlungen der Vollzugsbeamten bei der US-Einwanderungs- und Zollbehörde verantwortlich ist. "Diese Leute wären einfach eine unvergleichliche Informationsquelle für uns."

Seit zwei Jahrzehnten wühlen sich die Drogenschmuggler nun schon durch die Erde unter der Grenze. Seit 1990 wurden 159 Tunnel entdeckt, die von Mexiko aus in die USA führten. Je schärfer die Grenzkontrollen wurden, desto mehr wurde im Untergrund gebaut. In den vergangenen vier Jahren setzte ein regelrechter Bauboom ein. In dem Zeitraum nahm die Konstruktion illegaler Tunnel um ganze achtzig Prozent zu, ist in einem Bericht der Bundesbehörden aus dem Jahr 2012 zu lesen.

Viele Tunnel in Arizona und Kalifornien

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Blick in einen Drogentunnel, der am 30. November 2011 in Otay Mesa, Kalifornien, entdeckt wurde.

Der jüngste Fund ist mexikanischen Soldaten im Dezember geglückt. In Tecate, das rund 56 Kilometer östlich von San Diego auf mexikanischem Gebiet liegt, stießen sie auf einen Tunnel, der nach Kalifornien führte. Allerdings sei der Ausgang noch nicht fertig gewesen, berichten US-Ermittler.

Die unterirdischen Durchgänge werden hauptsächlich dazu genutzt, um Marihuana in die USA zu schmuggeln. Die US-Heimatschutzbehörde sieht in der Existenz der Geheimgänge allerdings eine "beträchtliche Gefährdung der Sicherheit". Denn schließlich könnten auch Waffen oder Geld durch die illegalen Korridore geschleust werden. Die meisten Tunnel finden sich in den US-Bundesstaaten Arizona und Kalifornien, die größtenteils jedoch eher rudimentären Löchern im Erdboden gleichen oder an bereits angelegte Entwässerungssysteme diesseits und jenseits der Grenze andocken.

In Otay Mesa allerdings sind immer wieder veritable Meisterleistungen der Tunnelbaukunst zu bestaunen. Der Boden, auf dem der geschäftige Außenposten an der Grenze erbaut wurde, ist von lehmartiger Konsistenz und begünstigt die Errichtung größerer und tieferer Höhlengänge. Zwischen den zahlreichen Lagerhäusern des Ortes, der zu San Diego gehört, sind die Tunnelzugänge leicht zu verbergen.

Die Schmugglerpassagen sind oft über 300 Meter lang und ihre Wände sind mit Beton oder Holz verschalt. Sie verfügen über Belüftungssysteme und Telefone, und sie sind gut beleuchtet. In einem besonders aufwändig ausgestatteten Durchgang verkehrte sogar eine elektrische Bahn, mit deren Hilfe Tonnen von Gras mit einer Geschwindigkeit von bis zu 32 Stundenkilometern unter der Grenze hinweg transportiert werden konnten.

Ihren Anfang nehmen die Tunnelsysteme gewöhnlich in einem Anwesen in Mexiko, überwinden unter der Erde den Grenzzaun und stoßen in einem Industriegebiet auf amerikanischem Boden wieder ans Tageslicht. Dort reihen sich Lagerhäuser aneinander, in denen Waren gesammelt werden, die für den legalen grenzüberschreitenden Handel bestimmt sind.

Video auf WSJ.com

In the last two years, federal agents in San Diego have seized about 100 tons of pot from secret tunnels dug under the border to Mexico. In this 2010 video, a federal agent gives a tour of one of these drug tunnels. (Photo: ICE)

Um die Aufgänge der illegalen Tunnel ausfindig zu machen, beobachten die Grenzbeamten gewöhnlich die Lager auf der amerikanischen Seite. Sie achten dabei auf ungewöhnliche Aktivitäten wie unregelmäßige Nachtschichten oder Lastwagen, die vor den Hallen geparkt sind und sich nie zu bewegen scheinen.

Im Jahr 2009 stießen die Drogenfahnder auf das Werk eines Meisters. Die Tunnelöffnung befand sich unter einem doppelten Boden in der Toilette eines der Depots. Ein Hydrauliklift führte fast 28 Meter in die Tiefe. "Das war ein technisches Juwel", schwärmt der US-Grenzpolizist Jerry Conlin. Der Geheimgang war mit einer Lüftungsanlage bestückt, bestens beleuchtet und mit einem Telefon versehen. Wird ein Tunnel entdeckt, füllen ihn die Feds mit Betonschlamm, um ihn zu versiegeln, berichtet er.

Kleine Gruppe aus Ingenieuren

Nach Ansicht von US-Bundesbeamten stammen die für die Planung und Bauleitung verantwortlichen Ingenieure aus Durango, einem Bundesstaat im Norden Mexikos, in dem Bergbau betrieben wird. Sie vermuten, dass es sich bei ihnen um eine kleine Gruppe von Ingenieuren handelt, der die Drogenbarone vertrauen und die sie sorgsam hegen und pflegen.

Ihres Wissens nach wurde bisher nur ein einziger Meisterplaner verhaftet und in den USA strafrechtlich verfolgt, erzählen die amerikanischen Ermittler. Der betreffende Ingenieur namens Felipe de Jesus Corona-Verbera hatte einen der ersten Tunnel der Sonderklasse erbaut, die an der Grenze entdeckt wurden. Durch den 60 Meter langen unterirdischen Durchgang von Mexiko nach Arizona wurde Kokain verschoben.

Die geheime Passage war bereits 1990 aufgeflogen, doch Corona-Verbera war einfach nicht zu fassen. Mehr als zehn Jahre lang war er seinen Verfolgern entkommen, bis sie ihn schließlich 2003 schnappten. Er wurde 2006 zu einer Haftstrafe von 18 Jahren verurteilt, die er derzeit in einem Gefängnis in der Nähe von Tucson absitzt, wie aus Polizeiunterlagen hervorgeht.

"Wenn du einen Ingenieur hast, der dir wirklich gute Tunnel baut, dann schützt du diesen Aktivposten", sagt Tim Durst, ein Hilfssonderermittler bei der US-Einwanderungs- und Zollbehörde, der eine Tunneleingreifgruppe in Otay Mesa leitet. "Er ist dein wichtigstes Gut."

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Von unten gelangt man auf US-Seite in ein Warenhaus.

In den vergangenen zwei Jahren förderten Ermittler in San Diego rund 100 Tonnen Marihuana aus verschiedenen Tunneln unter der Erde zu Tage. Konservativ geschätzt beläuft sich der Wert der beschlagnahmten Ware auf etwa 60 Millionen Dollar. In diesem Zeitraum hat die Staatsanwaltschaft 20 Verurteilungen im Zusammenhang mit Vergehen in Tunnelsystemen an der Grenze in San Diego erwirkt, erzählt Sherri Walker Hobson, stellvertretende US-Staatsanwältin für den südlichen Distrikt Kaliforniens.

Ganz oben auf der Liste der Bundesstaatsanwaltschaft in San Diego steht der Name Jose Sanchez-Villalobos. Die US-Strafverfolger wollen Mexiko dazu bewegen, ihn auszuliefern. Ein Geschworenengericht hatte Sanchez-Villalobos im vergangenen Jahr in dreizehn Punkten wegen Drogenschmuggels und der mutmaßlichen Finanzierung von zwei der größten Tunnel an der Grenze angeklagt. Nach Überzeugung der Staatsanwälte ist Sanchez-Villalobos ein hochrangiges Mitglied des Drogenkartells Sinaloa. Sein Anwalt Guadalupe Valencia sagt, sein Mandant weise die Anschuldigungen zurück und wehre sich gegen eine Auslieferung.

Hindernisse liegen im Weg

Trotz aller Erfolge, die die Ermittler auf beiden Seiten der Grenze bisher erzielt haben, sind sie bei ihrer Suche nach den Ingenieuren noch kein Stück weiter gekommen. Ermittler Durst berichtet, man sei sich zwar sicher, die Identität einer der Planer zu kennen. Aber bei dem Versuch, "die Person aufzuspüren, sind wir auf verschiedene Hindernisse gestoßen".

Der Punkt, der die Beamten am meisten verblüfft, ist die Zielgenauigkeit, mit der es die Ingenieure schaffen, ihren Tunnel am genau richtigen Punkt auf amerikanischem Boden wieder nach oben zu führen. Durst ist überzeugt, dass sie Kompasse benutzen, um sich beim Bau der Geheimgänge zu orientieren. Aber es würde ihn trotzdem interessieren, wie sie es ohne GPS-Gerät, das unter der Erde nicht funktioniert, hinbekommen, derart präzise zu arbeiten.

"Wir haben so viele Fragen", seufzt Durst. "Wie gehen sie technisch vor? Wie zum Teufel bekommen sie diese Dinger so gut hin?"

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