• The Wall Street Journal

Harrisburg: Eine Stadt verliert den Boden unter den Füßen

    Von MICHAEL CORKERY
The Patriot-News/Associated Press

Bauarbeiter verfüllen einen Krater mitten auf einer Straße in Harrisburg.

HARRISBURG – An Silvester beteten Sherri Lewis und ihre beiden Kinder gemeinsam dafür, dass das neue Jahr besser werden würde als 2012. Wenige Minuten später hörten sie ein Poltern wie von Feuerwerksraketen. Tatsächlich hatte sich der Boden vor ihrer Wohnung aufgetan.

Das Loch war etwa 15 Meter breit und 2,5 Meter tief und hatte die Straße vor Lewis' Haus verschluckt und dabei Wasser- und Gasleitungen beschädigt. Über ein Dutzend Anwohner in der ohnehin armen Gegend mussten ihr Haus verlassen. „Ich dachte, die Welt geht unter", sagt die 42-jährige Mutter.

Vertreter der 50.000-Einwohner -Stadt haben noch 40 andere solcher Löcher gefunden. Verantwortlich dafür seien vor allem die sandige Erde und undichte Wasserrohre unter den Straßen. Doch das Problem könnte noch viel größer werden: Harrisburg, die Hauptstadt des Bundesstaates Pennsylvania, hat kein Geld, um die alternden Rohre zu ersetzen. Einige stammen noch aus dem 19. Jahrhundert.

Harrisburg ist mit seinen Schulden im Verzug und ist daher praktisch vom kommunalen Anleihemarkt ausgeschlossen, über den Städte und Bundesstaaten größere Ausgaben wie den Bau von Schulen und neuen Straßen finanzieren.

Vielen amerikanischen Städten geht es ähnlich wie Harrisburg. Für Messezentren, Hotels und Beamtenrenten haben sie Schulden angehäuft, die sie jetzt nicht mehr bezahlen können. Jetzt fehlt ihnen das Geld für Reparaturen an der grundlegenden Infrastruktur. Am Mittwoch verschob der Bundesstaat Illinois eine Anleiheauktion über 500 Millionen Dollar, mit der Schul- und Verkehrsprojekte finanziert werden sollten, aus Angst, dass die Anleihekäufer aufgrund der Rentenprobleme des Bundesstaates zu hohe Zinsen verlangen könnten.

Die Probleme von Harrisburg fingen an, als die Stadt sich entschied, einen großen Teil einer 350 Millionen Dollar teuren Renovierung der Müllverbrennungsanlage zu garantieren. Das Projekt generierte Millionen Dollar an Gebühren für Wall-Street-Banker und Anwälte und ließ die Steuerzahler auf Schulden sitzen, die sie nicht bezahlen konnten. Bei alledem habe Harrisburg versäumt, sich um die alternden Wasserrohre zu kümmern, sagen Vertreter der Stadt.

Auch die Kläranlage von Harrisburg muss dringend repariert werden – manchmal leert diese verunreinigtes Wasser in den Susquehanna River. Ab Donnerstag kann die Stadt womöglich ihre Angestellten nicht mehr bezahlen, wenn sie keinen Kreditgeber findet, um die Zeit bis März zu überbrücken, wenn wieder Steuern eingezogen werden.

Stadt nimmt bei sich selbst Kredit auf

Im Herbst klopfte die Stadt bei einer Bank nach der anderen an, doch keine wollte der Stadt Kredite anbieten, berichten mit der Situation vertraute Personen. Ein Gericht hat der Stadt jetzt einen Treuhänder zugewiesen, der die kommunalen Finanzen verwalten soll. Dieser sagt, er wolle eine Insolvenz wenn möglich vermeiden.

Der Treuhänder entschied, dass die Stadt bei sich selbst einen Kredit aufnehmen sollte: Vier Millionen Dollar lieh sich die Stadt bei der Müllabfuhr, die für ihre Dienste immer noch Gebühren einnimmt. Gerade diese Geldquelle sollte ursprünglich die Erneuerung der Wasserrohre finanzieren.

Doch die Stadt hatte keine Wahl, sagt Steven Goldfield von der Public Resources Advisory Group, der den Treuhänder in Finanzfragen berät. „Wenn man von Jahr zu Jahr Löcher stopfen muss und Ausgaben immer wieder aufschiebt, dann passiert so etwas wie diese Erdlöcher", sagt er.

Vertreter der Stadt glauben, dass die Löcher vor dem Haus der Familie Lewis dadurch verursacht wurden, dass auf instabilem Boden zu viel Gewicht lastete. Kurz bevor die Straße einbrach, waren bereits die Reifen eines Müllwagens durch die Straßendecke gebrochen und dort steckengeblieben. Das Gewicht des Abschleppfahrzeugs könnte noch zu dem Einbruch der Straßendecke beigetragen haben, sagt ein Sprecher des Bürgermeisters.

Erneuerung würde den halben Haushalt kosten

Um drei Uhr morgens rief die Stadt eine Baufirma an, doch diese wollte erst sichergehen, dass die Stadt die Reparaturen auch bezahlen konnte. Diese war mit ihren Rechnungen ohnehin schon drei Monate im Verzug.

Seit Jahresbeginn verhandeln Goldfield und andere Berater des Treuhänders fast täglich mit den Gläubigern der Stadt sowie den Beamtengewerkschaften und bitten sie um Aufschub.

Doch nicht alle lassen mit sich reden. Rosemawr Management verlangt für eine Anleihe über 10,5 Millionen Dollar an die Behörde für öffentliche Parkplätze bis zu 10,75 Prozent Zinsen. Die Berater des Treuhänders bitten die New Yorker Investmentfirma jetzt darum, die Strafzahlung von drei Millionen Dollar zu erlassen, die anfällt, wenn die Stadt die Anleihe vorzeitig zurückzahlt. Rosemawr hat bisher nicht nachgegeben, berichten mit den Gesprächen vertraute Personen.

Es würde die Stadt die Hälfte ihres 50 Millionen Dollar großen Haushaltes kosten, die Wasserrohre komplett zu erneuern, schätzt ein Ingenieur der Stadt. Die Stadt hat Gelder vom Bundesstaat beantragt und flickt die Löcher in den Straßen vorerst nur dürftig.

Nach neun Tagen in einer Notunterkunft des Roten Kreuzes und in einem Hotel konnte die Familie Lewis wieder in ihr Haus zurückkehren. Während sie weg war, wurde ihre Wohnung geplündert. Die Diebe haben den Computer ihres Sohnes und den Schmuck ihrer verstorbenen Mutter gestohlen. „Ich weiß, dass die Stadt pleite ist", sagt sie. „Aber das ist doch nicht unsere Schuld."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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