• The Wall Street Journal

Investoren haben wieder Lust aufs Risiko

    Von NICHOLAS HASTINGS und RALF ZERBACK

Risikoscheu ade. Hallo, Rendite! Das ist die Botschaft, die klar und deutlich von den Finanzmärkten kommt. Damit findet eine Stimmung ihr Ende, die Monate, wenn nicht Jahre dominiert hat, eine Stimmung, die von Angst gezeichnet war. Angst vor einem Kollaps der Eurozone. Angst, dass die weltweite Erholung stoppt. Und sogar Angst, dass China vor einer harten Landung steht.

Die Entscheidungen der Investoren orientierten sich fast völlig am Risiko, hochrentable Anlagen wurden zugunsten von Sicherheit verschmäht. Doch mit dem Jahreswechsel ist die Furcht allmählich geschwunden. Nun treffen die Investoren ihre Wahl stärker mit Blick auf die Rendite, ja zunehmend sogar ausschließlich mit Blick darauf.

dapd

Händler auf dem Parkett der New Yorker Börse. Die Risikoscheu ist verschwunden.

Beispiel Dollar: In den vergangenen Wochen haben die Daten aus Amerika ein gemischtes Bild der wirtschaftlichen Erholung gezeichnet. Vor nicht allzu langer Zeit wären enttäuschende Daten ein Grund für den Kauf der US-Währung gewesen. Eine schwache US-Wirtschaft hätte Sorgen um die weltweite Konjunkturerholung geweckt und die Anleger in den sicheren Hafen Dollar getrieben.

Das ist jetzt anders. Jetzt bestärken maue Daten nur noch die Erwartung, dass die US-Notenbank an ihrer Politik des leichten Geldes festhält - bis die Arbeitslosigkeit auf ein erträgliches Niveau sinkt.

Und der Euro? Über lange Zeit folgte die Entwicklung der Gemeinschaftswährung dem Auf und Ab der Verhandlungen, mit denen die Schuldner der Eurozone vor einem Zahlungsausfall gerettet werden sollten. Und sie folgte den Kapitalverschiebungen der Investmentfonds von den ärmeren zu den reicheren Ländern der Region.

Seit der Wende steigt der Euro

Doch Ende 2012 wurde mit der dritten Rettungsaktion für Griechenland und einem Hilfspaket für Spanien ein Schlusspunkt gesetzt. Damit kippte die Stimmung. Die Mittel von Investoren strömten wieder in die hoch verschuldeten Länder, die Kreditkosten fielen markant und die Gefahr eines unmittelbaren Zahlungsausfalls schwand. Der Euro setzte zu einer starken Rally gegen den Dollar an.

Doch auch nach diesem Zeitpunkt weisen die Daten aus der Eurozone auf ein weiteres Auseinanderlaufen der starken und schwachen Länder. Und auch Signale, dass die Anleiherenditen der Krisenländer nicht weiter zurückgehen, hätte die Euro-Rally eigentlich beenden müssen. Dem war aber nicht so.

Und warum? Weil die EZB keine Anstalten macht, die Geldpolitik weiter zu lockern. Anders gewendet: Man sollte gegenwärtig nicht mit einem weiteren Rückgang der Renditen in der Eurozone rechnen.

Und der Yen? Hier ist der Gegensatz von Risiko und Rendite noch markanter. Über Jahre war der Yen der sichere Hafen schlechthin, sogar noch beliebter als der Dollar - ungeachtet der Schwäche der japanischen Wirtschaft, ungeachtet der wachsenden öffentlichen Schulden und ungeachtet der extrem niedrigen Renditen.

Weiter Lust auf Risiko

Doch das Ende der Krise, sprich: das Schwinden der Risikoscheu, ging Hand in Hand mit einer neuen Regierung in Tokio, die eine sehr viel aggressivere Politik zur Ankurbelung der Wirtschaft verfolgt. Mithin eine noch stärker gelockerte Geldpolitik und damit noch weniger Zuflüsse in japanische Anlagen, ein Rezept, das den Yen auf ein Dreijahrestief zum Dollar geschickt hat.

Gegenwärtig gibt es kaum Anzeichen, dass die Risikoscheu wieder auf dem Vormarsch ist. So zeigen zum Beispiel die jüngsten Produktionsdaten aus China vom Freitag, dass der Aufschwung des Landes nicht so stark ausfällt und dass die Exportnachfrage aus den USA und der Eurozone abnimmt.

Vor nicht allzu langer Zeit hätte ein derart enttäuschendes Bild der weltweiten Wirtschaft die Risikostimmung angeheizt und für Zuflüsse in sichere Häfen gesorgt. Vorbei. Der Dollar und der Yen fallen und der Euro steigt und steigt.

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