• The Wall Street Journal

Wie gefährlich ist die US-Filmindustrie für Europa?

    Von MATTHEW DALTON
Agence France-Presse/Getty Images

Invasion des amerikanischen Massengeschmacks? US-Schauspieler Brad Pitt (m) und Angelina Jolie (r) bei der Premiere des Zombie-Thrillers World War Z in Paris. Der Film kommt am 27. Juni in die deutschen Kinos.

BRÜSSEL—Zwischen der EU und den USA keimt ein neuer Krieg der Kulturen auf: Was als harmlose und eher technische Debatte über ein geplantes Handelsabkommen begann, artet mehr und mehr zu einem Streit darüber aus, wie stark der amerikanische Markt für Massenunterhaltung die europäische Filmindustrie bedroht.

Im Februar hatten sich Brüssel und Washington grundsätzlich darauf geeinigt, im Juni Gespräche über ein Handels- und Investitionsabkommen aufzunehmen, das eines der weitreichendsten überhaupt werden könnte. Dafür müssen die EU-Staaten aber zunächst noch festlegen, mit welchem Auftrag sie die Europäische Kommission in die Verhandlungen schicken wollen. Und genau darüber wollen die 27 Staats- und Regierungschefs der EU an diesem Freitag in Luxemburg sprechen.

Klausel der „kulturellen Ausnahme"

Als heißestes Thema gilt schon jetzt eine Klausel, nach der Staaten ihre heimischen Kino-, Radio- und Fernsehproduktionen von den internationalen Handelsregeln ausnehmen und zum Schutz ihrer nationalen Kultur subventionieren dürfen.

Eigentlich hatten die amerikanischen und europäischen Spitzen gehofft, schon beim G-8-Gipfel in Nordirland nächste Woche den Beginn der Handelsgespräche offiziell verkünden zu können. Daraus dürfte aber nichts werden, heißt es jetzt, wenn die EU-Staaten nicht endlich aufhören würden, über diese Sonderregel der „kulturellen Ausnahme" zu streiten.

Vor allem Frankreich, das am derzeit geltenden System nicht rütteln mag, wettert lautstark dagegen, die Ausnahmeregel auch nur annäherungsweise in die Handelsgespräche miteinzubeziehen. Das Land hat sich mit seiner mächtigen Filmindustrie einen ganz eigenen Namen gemacht und hat spezielle Gesetze zum Schutz der nationalen Kultur erlassen.

So müssen mindestens 40 Prozent des französischen Fernsehprogramms in Frankreich selbst produziert werden. Jährlich unterstützt die französische Regierung ihre Filmindustrie mit rund 800 Millionen Euro – maßgeblich über Steuern für Kinos, Fernsehsender und Filmvertriebe. Außerdem zwingt sie Fernsehsender, einen bestimmten Anteil ihrer Einnahmen für die Filmproduktion auszugeben.

Weil Fernsehserien und Kinofilme zunehmend über das Internet gesendet werden, besteuert Frankreich auch Technologieunternehmen, um mit diesen Steuereinnahmen die Filmsubventionen zu finanzieren. Nun fürchtet das Land, dass ihm diese steuerliche Entscheidungshoheit künftig genommen werden könnte.

Filme spiegelten „die Gefühle und die Vorstellungskraft einer jeden Nation" wider, sagt Henri Weber, ein französischer Europaparlamentarier. „Jedes Land hat das Recht, seine Urheber und Autoren zu fördern. Das hat nichts mit Handel und Gewerbe zu tun", findet er.

Die Europäische Kommission und Irland, das derzeit die europäische Ratspräsidentschaft innehat, haben vorgeschlagen, die Subventionsregel im Verhandlungsmandat außen vor zu lassen. Allerdings scheint sich die Kommission die Möglichkeit offen zu halten, mit den USA noch über nationale inhaltliche Quoten für jene Kino- und Fernsehfilme zu sprechen, die sich Zuschauer über Internetanbieter wie Netflix oder den Dienst iTunes von Apple herunterladen.

Das wiederum hat Sendeanstalten in Europa und anderswo misstrauisch gemacht. „Die europäische Position ist doppeldeutig", sagt Jean-Paul Philippot, Generaldirektor des französischsprachigen Senders RTBF in Belgien. „Und weil sie doppeldeutig ist, haben wir Angst."

Selbst Franzosen schauen begeistert US-Krimis

Hochrangige Amerikaner sagen jetzt, wenn die Europäer darauf bestünden, dass die kulturelle Ausnahmeklausel nicht Teil der Gespräche sein dürfe, dann würden sie selbst noch wichtigere Bereiche ausklammern wollen. Welche Anschaffungen eine Regierungen machen dürfte, zum Beispiel. Schließlich hofft die EU auf ein Ende jener Handelsregel, nach der Behörden der US-Regierung verpflichtet sind, Produkte „made in America" zu kaufen.

Wenn es zu Einschränkungen bei den Verhandlungen im Bereich Film und Funk käme, „werden sich die Leute in Washington unter Druck sehen, bei anderen Themen, die für Europa von Interesse sind, zurückzuziehen", sagt William Kennard, der US-Botschafter bei der EU.

In der europäischen Unterhaltungsindustrie ist die heimische Kultur dem amerikanischen Massenmarkt längst unterlegen. Selbst in Frankeich schauen sich die Menschen begeistert amerikanische Vorabendserien an – von Krankenhausdramen wie Grey's Anatomy bis hin zu Kriminalstreifen wie CSI.

Betrachtet man Europa insgesamt, so machen US-Produktionen inzwischen mehr als 60 Prozent des gesamten Fernseh-, Kino- und Radioprogramms aus. Und das, obwohl einzelne Staaten ihre heimische Filmindustrie finanziell unterstützen und so vermutlich vor dem Aussterben bewahren. Sie fördern vor allem solche Werke, die in Hollywood untergehen würden. Oder solche, die wenig Aussicht haben, ein weltweiter Hit zu werden oder überhaupt Gewinn abzuwerfen.

Das europäische Subventionssystem sorge aber dafür, dass es eine enorme inhaltliche Bandbreite und eine wesentlich lebendigere unabhängige Filmszene gebe als in den USA, sagt Patrick Lamassoure, Vorstandschef von Film France, einer Organisation, die ausländischen Filmproduzenten in Frankreich hilft. „Diese Filme würden unter den Regeln des freien Marktes wahrscheinlich in wesentlich geringerer Zahl existieren", sagt Lamassoure.

Auch der Gewinner beim diesjährigen Filmfestival in Cannes, La Vie d'Adèle, hat Fördergeld von der französischen Regierung eingestrichen. In Hollywood aber hätte den Streifen – eine Liebesgeschichte, die auch eine ausschweifende lesbische Sexszene enthält – wohl kaum jemand unterstützt, sagt Lamassoure.

—Mitarbeit: Sam Schechner und Stacy Meichtry

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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