• The Wall Street Journal

Wie sich Highspeed-Händler einen Vorsprung erkaufen

    Von BRODY MULLINS, MICHAEL ROTHFELD, TOM MCGINTY und JENNY STRASBURG
[image] Getty Images

Rausch der Geschwindigkeit: Mit dem Computerhandel können Menschen an der Börse längst nicht mehr mithalten.

Am Morgen des 15. Mai fielen die Kurse an der Wall Street. Auslöser war ein unerwartet niedrig ausgefallener Index für das Verbrauchervertrauen. Doch einige Anleger wussten das schon eher. Sie hatten den Bericht der Universität von Michigan zwei Sekunden früher als alle anderen erhalten.

Infinium Capital Management, ein Hochgeschwindigkeitshändler aus Chicago, löste zum Beispiel aufgrund dieser Informationen eine Welle von Geschäften mit Terminkontrakten aus. In einer einzigen Sekunde setzten Händler von verschiedenen Firmen fast 7 Millionen Aktien darauf, dass die Kurse nachgeben, zeigt eine Analyse des Wall Street Journal. Genau das passierte auch, als der Bericht allgemein öffentlich wurde.

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Konjunkturberichte von Universitäten, Branchenverbänden und anderen Nichtregierungsorganisationen können die Märkte genauso wie die offiziellen Zahlen der US-Regierung bewegen. Aber während man auf staatlicher Seite höchsten Wert darauf legt, dass niemand Informationen vorab kauft, gibt es nur wenige Vorschriften für die sonstigen Konjunkturberichte. Was viele Anleger nicht wissen: Es ist an der Tagesordnung, dass privilegierter Zugang erkauft wird.

Dies ist eine Lücke in der amerikanischen Gesetzgebung, erklärt Richard Painter, der für die Republikaner im Weißen Haus als Rechtsberater arbeitete. Aber keiner Gruppe, sagt er, sollte es erlaubt sein, „marktbewegende Daten an ausgewählte Leute weiter zu geben, die mehr Geld zahlen – das ist nicht richtig".

Aber die Praxis ist legal – und auch das Handeln mit diesen Vorab-Informationen. Die Börsenaufsicht verbietet es Unternehmen, Bilanzzahlen selektiv weiterzugeben. Gegen Insiderhandel gehen die US-Behörden mit aller Härte vor. Aber es gibt keine Gesetze, die es Anleger verbieten, mit Informationen zu handeln, die sie legal von privater Seite gekauft haben. Die Geschäfte wären nur illegal, wenn die Information durch einen Vertrauensbruch durchgesickert wäre, sagen Aktienrechtler. „Wenn die Genehmigung erteilt wird, diese Information zu verwenden, dann gibt es kein Problem", sagt Steve Crimmins, ein früherer Ermittler der Börsenaufsicht SEC.

Scharfer Konkurrenzkampf unter Händlern

Neben der Verbraucherumfrage der Universität Michigan erhalten zahlende Kunden auch frühen Zugriff auf einen Geschäftsklima-Index aus Chicago und einen Industrieproduktions-Index des Institute of Supply Management. Das ISM kündigte am Mittwoch aber an, seine Herausgabepraxis zu überprüfen.

Andere Organisationen, darunter Branchenverbände und private Researchfirmen, verkaufen ihre Daten von landwirtschaftlicher Produktion bis Lkw-Absatz an branchenspezifische Aktien- und Futures-Märkte. Zu den Investmentfirmen, die solche Berichte kaufen, gehören SAC Capital Advisors, Tudor Investment und Wellington Capital Management, sagen mit der Angelegenheit vertraute Personen. Die Unternehmen wollten das nicht kommentieren.

„Es ist kein exklusiver Klub", sagt der Chief Operating Officer von Infinium, Gregory Eickbush. Seine Firma müsse vorab einen Blick auf die Verbraucherklima-Umfrage bekommen, um nicht von den anderen Futures-Händlern „geplättet" zu werden. Infinium setzte jährlich etwa 18 Millionen Dollar ein, um Hochgeschwindigkeitsnachrichten und Wirtschaftsdaten nutzen zu können. Er nennt diese Strategie „Event Jumping".

Das Handeln auf solche Zahlen ist typisch für den Zeitgeist an den Finanzmärkten, in denen der Handel in Sekundenbruchteilen entschieden wird. In der Spitze bedeutet das, dass auf Algorithmen gehandelt wird, die auf „maschinenlesbaren" Daten fußen. Paul Rowady von der Researchfirma Tabb Group schätzt, dass Finanzdienstleister mit der Lieferung dieser maschinenlesbaren Nachrichten in diesem Jahr 75 Millionen Dollar Umsatz machen. Das sind 50 Prozent mehr als noch vor fünf Jahren.

Sharad Kumar, der schon bei mehreren Hochgeschwindigkeitshändlern gearbeitet hat, bezeichnet die Vorab-Verfügbarkeit bestimmter Konjunkturdaten als ein Wettrüsten, bei dem die Unternehmen mitmachen müssen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Gleichzeitig könnten die Kosten aber eine „Einstiegshürde" für kleine Händler sein.

„Kaum jemand würde wohl dafür zahlen, wenn es kein Gewinnmotiv gäbe"

Der frühe Einblick in die Verbraucherstimmung kommt von der Nachrichtenagentur Thomson Reuters . Das Unternehmen zahlt der Universität Michigan dieses Jahr 1,1 Millionen, um die Ergebnisse zu veröffentlichen. Im kommenden Jahr werden es 1,2 Millionen sein.

Im Gegenzug wirbt Thomson Reuters damit, dass Kunden „einen exklusiven zweisekündigen Vorsprung auf die Daten erhalten" – „speziell für algorithmischen Handel entwickelt". Wer in der Regel 5.000 Dollar pro Monat plus 1.025 Dollar Verbindungsgebühr zahlt, bekommt die Daten um 9.54 Uhr und 58 Sekunden.

Wer nur die normalen Nachrichten abonniert hat, bekommt den Bericht zwei Sekunden später. Zu diesem Zeitpunkt steht er auch anderen Nachrichtenanbietern zur Verfügung, etwa dem Wettbewerber Dow Jones, dem Herausgeber des Wall Street Journal. Um 10 Uhr stellt die Universität dann den Bericht auf ihre Webseite.

Volkswirt Richard Curtin leitet die Befragung bei der Universität. Er weiß, dass das Arrangement einigen Anlegern einen Vorteil bringt. „Kaum jemand würde wohl dafür zahlen, wenn es kein Gewinnmotiv gäbe." Die Forschung sei rein privat finanziert und diene der wissenschaftlichen Analyse, der Öffentlichkeit und der Wirtschaft. „Ohne eine Einnahmequelle würde das Projekt aufhören zu existieren."

Thomson Reuters erklärte in einer Stellungnahme: „Thomson Reuters ist ein führender Anbieter von Daten und Analysen für viele Arten von Teilnehmern an den Finanzmärkten wie Anleger, Vermögensverwalter, Händler und Hochfrequenzhändler. Wie viele Informationsanbieter will auch Thomson Reuters exklusive Inhalte produzieren und sichern, um den Kunden zu helfen, besser informiert Geschäfte und Anlageentscheidungen zu treffen. Thomson Reuter ist offen und transparent darüber, wie die Daten veröffentlicht werden, sucht aber stets neue Wege, diese Transparenz zu verbessern. Jeder, der mit diesen Daten investieren oder handeln will, kann den Dienst abonnieren, der seinen Bedürfnissen entspricht."

Reuters-Abonnenten mit „unfairem Vorteil"

Matthew Winkler, Chefredakteur des Reuters-Rivalen Bloomberg News, kritisierte im April 2012 in einem Brief an die Universität Michigan die Übereinkunft. „Als eine Institution, die öffentliche Mittel erhält, hatte die Universität die rechtliche und ethische Verpflichtung, der Öffentlichkeit verantwortlich zu sein. Wenn Organisationen wie Bloomberg News, Reuters, Dow Jones und andere nicht den gleichen Zugang zu Informationen haben, hat das auch die Öffentlichkeit nicht", schrieb Winkler in dem Brief, in den das Wall Street Journal Einblick hatte. Er sagte, Reuters-Abonnenten hätten „einen unfairen Vorteil".

Suellyn Scarnecchia, damals Chefjustiziarin der Universität, antwortete Bloomberg, dass man an der Universität die Ansicht vertrete, „dass unsere Beziehungen und Strukturen immer vollständig mit den entsprechenden Gesetzen vereinbar waren".

Sechs Jahre zuvor – bevor Reuters die Verbreitungsrechte erwarb – hatte Bloomberg selbst dafür geboten und versprochen, gleiche Bedingungen für alle Wettbewerber zu schaffen. Nachdem das Angebot nicht akzeptiert wurde, schrieb ein leitender Bloomberg-Redakteur eine E-Mail an die Universität, in dem er das geplante Geschäft mit Reuters kritisierte, „Sie werden sicherstellen, dass jede andere Nachrichtenorganisation – und damit jeder Händler, der nicht Reuters abonniert hat – benachteiligt wird. Es ist kein Wunder, dass Reuters euch viel mehr als Bloomberg zahlen will. Wir haben Geld geboten, um für die Universität ein faires System aufzubauen. Sie zahlen, um ein unfaires zu schaffen." Ein Volkswirt der Universität sagte Bloomberg damals, dass dies schwierige Themen seien, mit denen sich die Universität befasse.

Dow Jones, der Verleger des Wall Street Journal, verbreitet keine Indizes von nichtstaatlichen Organisationen exklusiv. Einige Berichte von Reportern sind bestimmten Kundengruppen aber früher als den Nutzern von Nachrichtendienst und Webseite verfügbar. Viele der Journal-Artikel sind nur für Abonnenten erhältlich.

Auch Deutsche Börse kassiert für frühere Dateninfo

Das Chicago Business Barometer ist ein monatlicher Index der Wirtschaftsaktivität. Die Deutsche Börse AG hat vor zwei Jahren die Rechte gekauft, um das Barometer zu produzieren und zu veröffentlichen. Bevorzugter Zugang ist ab 2.600 Dollar jährlich erhältlich.

Die Kunden erhalten „die marktbewegenden Daten drei Minuten vor der öffentlichen Bekanntmachung", heißt es auf der Webseite einer Tochtergesellschaft des Börsenbetreibers. Zahlende Kunden erhalten die Vorabinformationen per E-Mail, Telefonschaltung oder in einem maschinenlesbaren Feed. Abos seien „für jeden offen, alle Kunden erhalten den Bericht gleichzeitig", sagte eine Sprecherin der Deutschen Börse.

Am 30. April fiel das Barometer so tief wie seit dreieinhalb Jahren nicht mehr. Wer dafür zahlte, erfuhr das um 9.42 Uhr New Yorker Zeit. Der Highspeed-Händler Jump Trading aus Chicago nutzt diesen Vorsprung, um auf Papiere zu wetten, die sich bei Veröffentlichung des Index üblicherweise bewegen, sagen Insider. Jump wollte keinen Kommentar abgeben.

Um genau 9.42 Uhr gab es hektische Handelsbewegungen. In einer Minute wurden im SPDR S&P-500, einem börsengehandelten Fonds (ETF), der den Aktienmarkt abbildet, 1,4 Millionen Anteile gehandelt – dreimal so viel wie in der Minute zuvor. Um 9.45 Uhr lag der Kurs um 24 Cent tiefer. Wer nicht Kunde der Deutschen Börse war, bekam erst dann die Daten.

Das „dümmere Geld" kommt zu spät

Es ist das „schnelle Geld", dass die Vorabdaten nutzt – drei Minuten später erst kommt das „dümmere Geld" ins Spiel, sagt Caleb Eplett, früher Händler beim Highspeed-Händler Chopper Trading. „Jeder, der etwas auf sich hält, bekommt die Zahlen, wenn sie als erstes herauskommen", sagt er. Chopper bestätigt, dass sie den Zugang der Deutschen Börse nutzen, wollte aber keine Details nennen.

Jim Overdahl ist Volkswirt und Berater beim Branchenverband der Futures-Händler, dem Jump, Chopper und Infinium angehören. „Professionelle Händler abonnieren die Dienste, die den schnellstmöglichen Zugang bringen", sagt Overdahl."Das unterscheidet sich nicht von Leuten, die ein Online-Abo ihrer Lieblingszeitung haben und nicht darauf warten wollen, dass sie am nächsten Morgen auf der Türschwelle landet. Für einige Leute ist es den Aufpreis wert, den Zugang zu Echtzeit-Nachrichten zu bekommen."

Neben dem Chicago-Barometer handelt Chopper auch mit Vorabdaten des monatlichen Industrieproduktions-Index des ISM. Für viele Experten gilt dieser als wichtigster Indikator, der aus der Privatwirtschaft kommt. Seit vergangenem Sommer bietet das ISM frühen Zugang durch den Hochgeschwindigkeits-Feed von Thomson Reuters an. Wer darauf zugreifen will, muss Reuters etwa 2.000 Dollar im Monat zahlen, plus gegebenenfalls die 1.025 Dollar Verbindungsgebühr.

In einer Sekunde viel Geld verdienen

Offiziell gehen die Daten um genau 10 Uhr New Yorker Zeit heraus – elektronisch via Thomson Reuters und per Pressemitteilung beim ISM. Tatsächlich verspätet sich die Mitteilung des ISM in der Regel um fünf bis zehn Sekunden, so dass Kunden von Thomson Reuters einen zusätzlichen Vorteil haben, berichten Insider. Das Unternehmen bewirbt damit sogar den Hochgeschwindigkeits-Feed, wie eine Mail an einen potenziellen Kunden zeigt, die dem Wall Street Journal vorlag.

Am 1. Februar war der ISM-Index unerwartet gut ausgefallen. Das sandte eine Orderwelle durch die Märkte für Aktien, Optionen, Futures und Devisen. In der ersten Sekunde nach 10 Uhr,, als Anleger noch auf die offizielle Mitteilung warten mussten, stieg das Volumen im SPDR S&P-500 von 27.000 auf 719.000 Anteile an. Die Analyse des Wall Street Journal zeigt, dass die meisten dieser Geschäfte Wetten auf einen Anstieg des Fonds waren. Innerhalb von fünf Minuten gewannen diese Positionen fast 100.000 Dollar an Wert.

ISM-Chef Thomas W. Derry sagte, ihm sei die Verzögerung der Mitteilung nicht bekannt. Das ISM „glaube stark, dass die Daten jedem zu gleichen Bedingungen verfügbar sind." Später erklärte er, das ISM überprüfe, „ob es weiter sinnvoll sei", mit Thomson Reuters zusammenzuarbeiten.

Kontakt zu den Autoren: redaktion@wallstreetjournal.de

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