• The Wall Street Journal

Daytrader beschleunigen den Börsenwirbel in Tokio

    Von KANA INAGAKI

An drei unterschiedlichen Tagen in den vergangenen drei Wochen fiel der Nikkei-Aktienindex um mehr als 3 Prozent. Takuma Yamashita sagt, er habe an diesen drei Tagen allein einen Gewinn von 336,739 Yen (knapp 2.700 Euro) gemacht. Im wechselhaften Monat Mai will der 37-Jährige Vollzeit-Daytrader umgerechnet 88.000 Euro eingenommen haben, obwohl der Aktienindex im selben Zeitraum fiel. Es war sein bester Monat, seit er im vergangenen Oktober mit dem Tageshandel angefangen hat.

Yamashita ist das Gesicht des neuen, wilden japanischen Aktienmarktes. Er ist Teil einer wachsenden Legion von Daytradern, die auf den Wellen des Nikkei surfen. Geholfen haben ihnen die Geldschwemme der japanischen Zentralbank und lockerere Regeln für den Margenhandel. Letztere wurden im Januar eingeführt, gerade als der Bullenmarkt Fahrt aufnahm. Die Präsenz der Tageshändler hat die Volatilität verstärkt, die den Markt zuletzt erschüttert hat.

Associated Press

Daytrader machen inzwischen den größten Teil des Privatanlegergeschäfts in Japan aus.

Tageshändler nehmen oft geliehenes Geld, um Aktien zu kaufen und wieder zu verkaufen bevor der Aktienmarkt am Abend schließt. Sie profitieren von schnellen Geschäften mit Aktien, deren Kurs sich stark verändert. Da sie ihre Positionen nur kurz halten, schneiden sie tendenziell besser ab, wenn sich die Märkte schnell bewegen.

„Es spielt keine Rolle, ob es ein Bullen- oder Bärenmarkt ist"; sagt Yamashita. „Wenn der Markt ohnehin fällt, ist es einfacher, wenn Aktien stark abstürzen."

Die Schlagzeilen bestimmt der Abwärtstrend des Nikkei in den vergangenen drei Wochen. Bei Handelsschluss am Donnerstag lag der Index über 20 Prozent unter seinem Spitzenwert vom Mai. Doch darüber wird oft vergessen, dass der Aktienhandel auch extrem volatil war. Jeden Tag gab es starke Auf- und Abwärtsbewegungen.

Daytrader profitieren von starken Schwankungen

Der vergangene Freitag ist ein gutes Beispiel. Der Nikkei schloss nur 0,2 Prozent niedriger als am Vortag, bewegte sich aber im Laufe des Tages in einer Spanne von 3 Prozentpunkten. Zwischenzeitlich stieg er in nur 13 Minuten um über 2 Prozent.

Am 23. Mai, als der Nikkei um 7,3 Prozent fiel, bewegten sich Aktien im Laufe des Tages um mehr als 6 Prozentpunkte. Am 24. Mai legte der Markt zu, bewegte sich aber erneut um mehr als 6 Prozentpunkte. Seitdem hat der Nikkei an jedem Tag um mindestens eineinhalb Prozent geschwankt .

Laut Marktbeobachtern sind vor allem globale Hedgefonds Schuld an diesen wilden Schwüngen. Sie nahmen Gewinne mit, nachdem sie zuvor stark in japanische Aktien investiert hatten. Doch Privatanleger, vor allem Daytrader, haben sich an diese Bewegungen angehängt und verstärkten sie so.

„Es ist beinahe sicher, dass diese Gruppe von Daytradern die Volatilität an den Aktienmärkten verstärkt hat", sagt Kenichi Hirano, Operating Officer der mittelgroßen japanischen Maklerfirma Tachibana Securities. Daytrader waren im Januar für 60 Prozent aller Transaktionen von Privatanlegern verantwortlich, im Vergleich zu 50 Prozent im gesamten Jahr 2012. Dies geht aus Zahlen des Onlinebrokers Matsui Securities hervor. Vor zehn Jahren lag der Anteil noch bei 19 Prozent.

In Japan ist vorgeschrieben, dass jeder Händler 30 Prozent seiner Geschäfte mit Bargeld tätigen muss. Die restlichen 70 Prozent können sie sich leihen. In den USA sind 50 Prozent vorgeschrieben, die Händler müssen also für die Hälfte ihrer Geschäfte mit Bargeld aufkommen.

Finanzaufsicht lockerte zum Jahresanfang die Regeln

Anfang des Jahres lockerten Aufseher die Regeln für den Wertpapierhandel und machten sie den eher losen Regeln für Devisenhandel ähnlicher. Der Aktienhandel sollte einfacher gemacht werden, um Privathaushalte vom Devisenhandel wegzulocken und stattdessen den Aktienmarkt anzukurbeln. Währungsgeschäfte sind bei japanischen Investoren ungewöhnlich beliebt.

Unter den alten Regeln gab es strenge Auflagen für den Aktienkauf mit geliehenem Geld, auch Margin Trading genannt: Händler konnten die Sicherheiten, die sie für einen Deal hinterlegt hatten, erst drei Tage später für einen neuen Deal benutzen. Ein Investor, der einen Deal am Montag abschloss, musste bis Donnerstag warten. Erst dann konnte er das für den ersten Deal hinterlegte Bargeld wiederverwenden.

Im Januar wurde diese Abkühlungsfrist abgeschafft. Händler konnten dieselben Sicherheiten sofort nach Abschluss eines Deals für den nächsten verwenden, und das sogar mehrmals an einem Tag. Diese Regeländerung scheint das Margin Trading befeuert zu haben. Diese Aktiengeschäfte mit vornehmlich geliehenem Geld machen heute 65 Prozent des Wertes aller Geschäfte durch Privatanleger aus. Vor der Regeländerung waren es laut der Börse in Tokio noch 53 Prozent, und vor zehn Jahren 46 Prozent.

Die neuen Regeln „haben die Volatilität innerhalb eines Börsentages verstärkt", sagt Tomichiro Kubota, ein Senior Market Analyst für Matsui Securities. Dank der Regeländerung konnte der Daytrader Yamashita das Tempo seiner Käufe und Verkäufe deutlich steigern.

Margin Calls dennoch rückläufig

Als er im Oktober seine Stelle als Börsenmakler hinwarf und mit dem Daytrading anfing, konnte er nur Geschäfte im Umfang von bis zu 6 Millionen Yen (48.000 Euro) an einem Tag durchführen. Dazu hinterlegte er 2 Millionen Yen (16.000 Euro) bei einem Makler. Heute führt Yamashita mehrere Geschäfte am Tag durch und benutzt dieselben Sicherheiten, um für immer neue Aktienkäufe Geld zu leihen. Er sagt, dass er jetzt an einem Tag Trades mit einem Volumen von bis zu einer Milliarde Yen durchführen kann. Das liege an den neuen Regeln und daran, dass sich der Wert seines Portfolios auf 20 Millionen Yen (159.000 Euro) verzehnfacht hat.

Margin Trading birgt aber auch Risiken – vor allem dann, wenn Aktienkurse schnell fallen. Daytrader leihen Geld, um ihre Wetten zu vergrößern. Doch dadurch vergrößern sich auch die möglichen Verluste, wenn sich der Markt stark in eine Richtung bewegt.

Trotzdem sagen Broker wie Matsui Securities, dass es deutlich weniger Margin Calls als während vergangener Marktkorrekturen wie etwa nach der Finanzkrise 2008 oder dem Tsunami 2011 gibt. Margin Calls sind Forderungen von Börsenmaklern nach größeren Sicherheiten, wenn die Preise fallen.

Eine Erklärung ist, dass Investoren trotz des Absturzes der vergangenen Woche immer noch auf den hohen Gewinnen sitzen, die sie in der vorangegangenen Börsenrally gemacht hatten. Dadurch können sie Aktien kaufen, die sie nach dem jüngsten Kurssturz als bezahlbar sehen. Bei Marktschluss am Mittwoch standen die Aktienkurse immer noch 28 Prozent höher als zu Jahresanfang.

Die jüngsten Kursverluste sind doch überraschend

Ein 33-jähriger Händler mit einem populären Blog sagt, dass sein Geschäft unter den neuen Regeln floriere. Heute mache er dreimal so viele Geschäft am Tag wie noch vor einem Jahr. Der Blogger sagt, dass er im Mai 133 Millionen Yen (1,06 Millionen Euro) eingenommen hat. Das sei das Zehnfache seines monatlichen Einkommens im vergangenen Jahr. „Ich denke darüber nach, meinen Eltern ein Haus zu kaufen", sagt er.

Naoki Murakamis Portfolio hat sich seit dem vergangenen Jahr auf 70 Millionen Yen (560.000 Euro) mehr als verdoppelt. Der 34-Jährige ist seit dem Jahr 2005 Daytrader. Am Morgen des 23. Mai, dem Tag des großen Kurssturzes, habe er eine Vorahnung gehabt, dass der Nikkei fallen könnte. Schließlich waren die Preise von Futures am Abend zuvor gestiegen, doch der Aktienindex folgte am nächsten Morgen nicht nach. An jenem Morgen machte er einen Gewinn von 300.000 Yen (2.400 Euro), indem er mit volatilen Aktien wie dem Verbraucherkredithaus Aiful handelte. Den Nachmittag saß er weitgehend aus, während die Kurse fielen.

Seit dem 23. Mai hat er jedoch Probleme. Am folgenden Tag verlor er 4 Millionen Yen (32.000 Euro). Bislang hat Murakami nur etwa 60 Prozent dieses Verlustes wieder eingefahren. Er sei daran gewöhnt, dass ohnehin schon fallende Preise kollabieren, wie es nach dem Erdbeben 2011 geschah. Doch er habe noch nie einen so großen Kurssturz während eines Bullenmarktes erlebt.

„Ich erinnere mich noch gut an die Erholung der Aktienkurse nach den Crashs während der Lehman-Krise und dem Erdbeben", sagt Murakami. „Doch ich bin verwirrt über diesen Rückschlag nach einem Bullenmarkt."

Mitarbeit: Brad Frischkorn

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