• The Wall Street Journal

Chinesen sollen Kanal durch Nicaragua bauen

    Von JOSÉ DE CÓRDOBA
[image] Associated Press

Die neue Schifffahrtsstraße soll quer über den Nicaraguasee führen.

Das bettelarme Nicaragua setzt auf eine Firma aus Hongkong. Das Parlament des Landesvergab am Donnerstag die Lizenz für den Bau und Betrieb eines Kanals zwischen dem Golf von Mexiko und dem Pazifik. Die Idee ist fast 200 Jahre alt, und mehrere Anläufe zum Bau sind seither gescheitert.

Die Regierung setzt darauf, dass eine solche Wasserstraße die wirtschaftliche Misere des kleinen Landes beendet und für Arbeitsplätze und Wachstum sorgt. Doch es gibt viele skeptische Stimmen, die davon ausgehen, dass auch dieses Vorhaben über die Idee nicht hinauskommt, so wie die erste Kanallizenz, die im Jahre1825 vergeben wurde.

„Die ganze Geschichte Nicaraguas dreht sich um diesen Kanal", sagt Paul Oquist, der innenpolitische Referent des sandinistischen Präsidenten Daniel Ortega. „Wir glauben, dass dieses Projekt das Land aus der Armut und Unterentwicklung befreien wird", sagte er.

Das 40-Milliarden-Dollar-Projekt sieht vier mögliche Routen für den Kanal vor, dessen längste sich über 286 Kilometer erstrecken würde, daneben zwei Tiefwasserhäfen, zwei Freihandelszonen, eine Ölpipeline, eine Eisenbahn und einen internationalen Flughäfen. Das Projekt würde die vorhandene Infrastruktur in dem kleinen Land mehr als verdoppeln.

Kritiker sprechen von einem blanken Hirngespinst. „Sie haben das als Allheilmittel gegen die Krankheiten des Landes verkauft", sagt Eliseo Nuñez, ein Abgeordneter der Nationalversammlung, der gegen die Konzessionsvergabe gestimmt hat. „Ortega muss Hoffnung verkaufen."

„Hundertjähriger Traum des nicaraguanischen Volkes".

Experten sagen es gebe keinen Bedarf für einen weiteren Kanal in Mittelamerika und stellen infrage, ob er je gebaut werden wird. Ein Kanal quer durch Nicaragua stünde in Konkurrenz zum Panamakanal, der gerade für 5 Milliarden US-Dollar so erweitert wird, dass auch große Schiffe der heutigen Post-Panamax-Klasse ihn passieren können. In den USA gibt es ebenfalls Güterverkehrsverbindungen von Ost nach West.

Das am Donnerstag verabschiedete Gesetz sieht die Vergabe einer auf zunächst 50 Jahre angelegten Konzession an HK Nicaragua Canal Development Investment, kurz: HKND Group, vor, dessen alleiniger Eigentümer Wang Jing ist, ein 40-jähriger Unternehmer aus Peking. Wang wurde in der vergangenen Woche dem Parlament in Managua vorgestellt, die von den regierenden Sandinisten dominiert wird.

Wang sagte dem Wall Street Journal, das Projekt sei die Verwirklichung des „hundertjährigen Traums des nicaraguanischen Volkes". Er sei davon überzeugt, dass die Welt einen breiteren und tieferen Kanal als den von Panama brauche.

1902 ging Nicaragua leer aus, als die Entscheidung über den Bau des interozeanischen Kanals an der Landbrücke zwischen Nord- und Südamerika fiel. Die Verfechter der Panama-Route schickten den US-Senatoren seinerzeit eine Briefmarke des aschespeienden Vulkans Momotombo in Nicaragua. Der lag zwar mehr als 100 Kilometer von der geplanten Route entfernt, doch das Bild verfehlte seine Wirkung nicht. Die Mehrheit der Senatoren entschied sich für den Panamakanal.

Die Vertreter der nicaraguanischen Regierung sehen den Bau eines Kanals als ein Ticket, auf dem das Land aus seiner peinigenden Armut herauskäme. Obwohl die Arbeit an den nötigen Machbarkeitsstudien kaum begonnen hat und frühestens im nächsten Jahr mit Ergebnissen zu rechnen ist, prognostiziert Präsidentenberater Oquist bereits, dass Nicaraguas Wirtschaftswachstum sich im nächsten Jahr mit 10,8 Prozent gegenüber den angepeilten 4,2 Prozent für 2013 mehr als verdoppeln wird. 2015 soll sich der Aufschwung weiter beschleunigen und ein Wachstum von 15,1 Prozent ermöglichen.

Kritiker fürchten ein Milliardengrab

Der chinesische Investor wird Nicaragua für die Konzession pro Jahr bis zu 10 Millionen Dollar zahlen. Im elften Jahr nach Inbetriebnahme des Kanals sollen 10 Prozent an der Wasserstraße in den Besitz des Landes übergehen. Vollständiges Staatseigentum werde er nach einem Jahrhundert. Wang finanziert die Machbarkeitsstudien und ist ebenfalls dafür verantwortlich, die Finanzierung des Projektes zu organisieren.

AP

Ein Arbeiter errichtet eine Fahne am Nicaraguasee.

Befürworter des Projektes berufen sich nach Angaben aus den eigenen Kreisen auf eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey & Co, wonach sich ein Nicaragua-Kanal rechnet, wenn der Welthandel künftig noch zunimmt und mit noch größeren Frachtschiffen abgewickelt wird als bisher. McKinsey allerdings erklärt, man könne die Existenz einer solchen Studie nicht bestätigen.

Transportexperte Jean-Paul Rodrigue von der Hofstra University im US-Bundesstaat New York allerdings widerspricht. „Ich vermag nicht zu erkennen, wie ein solcher Kanal finanziell oder ökonomisch gerechtfertigt sein sollte", sagte: „Er könnte sich zum größten weißen Elefanten der menschlichen Geschichte entwickelt", auf Deutsch: zu einem Milliardengrab.

Der Lizenznehmer Wang ist Chairman der Xinwei Telecom Enterprise Group, einer privaten Gesellschaft, die Infrastrukturausrüstung für Mobilfunkanbieter produziert. Im Dezember sagte Wang zu seinen Mitarbeitern, werde 2012 mit einem Nettogewinn von 326 Millionen Dollar abschließen.

„Das Geld ist in China"

Wang hat seine Kanalgesellschaft HKND im August vergangenen Jahres in Hongkong registrieren lassen. Am 5. September traf er sich mit Präsident Ortega. An dem Tag unterzeichneten beide eine Absichtserklärung, ohne dass dies seinerzeit veröffentlicht wurde. Wang bekam das Recht, bereits Geld für das Projekt einzuwerben und sich an dessen Umsetzung zu beteiligen.

Ebenfalls wurde über einen Telekommunikationsauftrag verhandelt, wie es auf der Webseite von Xinwei heißt. Im November kam der Zuschlag mit einem Gesamtvolumen von 300 Millionen Dollar.

In Nicaragua besteht die Erwartung, dass das Geld für den Bau des Kanals überwiegend aus China kommen wird, einem Land, von dem man in Lateinamerika glaubt, dass es über ausreichend finanzielle Reserven verfügt, einfach jedes Projekt stemmen zu können. „Das Geld ist in China", sagt Ortegas Berater Oquist.

Die Website von Xinwei zeigt Fotos, die die politischen Beziehungen von Firmenchef Wang in China zeigen, einem Land, wo Politik und Wirtschaft oftmals eng miteinander verwoben sind. Die HKND Group legt allerdings Wert auf die Feststellung, sie sei ein privates Unternehmen ohne Verbindung zur chinesischen Regierung, noch zu Xinwei. Es sei keinerlei Beteiligung der Volksrepublik an dem Kanalprojekt geplant. Vielmehr will sich HKND das Geld aus einer „großen Gruppe internationaler Quellen" besorgen.

„Es ist wie die Suche nach dem nicht existenten Eldorado"

Doch die Geschichte spricht gegen den Erfolg eines solchen Projektes. 1825 vereinbarte die nicaraguanische Regierung mit einem Geschäftsmann aus New York, dass er einen Kanal durch Nicaragua graben solle. Seither gab es wenigstens ein Dutzend solcher Pläne, die allesamt im Nichts endeten.

„Es ist wie die Suche nach dem nicht existenten Eldorado", beschreibt Arturo Cruz, der ehemalige Botschafter des Landes in Washington, das Projekt. „Psychologisch hat es uns als Land schon viel Unheil gebracht", sagt er, vermerkt allerdings, er sei weniger beunruhigt wegen des aktuellen Projektes als sonst.

Um die Zweifel zu zerstreuen, das sein Vorhaben das gleich Schicksal erleidet wie viele Vorgängerprojekte, hat Wang Environmental Resources Management mit den vorläufigen Studien beauftragt, ein Beratungsunternehmen mit gutem Ruf. Als Projektberater hat er einen leitenden Manager eines führenden internationalen Baukonzerns unter Vertrag genommen.

—Mitarbeit: Fanfan Wang

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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