• The Wall Street Journal

Michael Woodford – Der Acht-Minuten-Mann von Olympus

    Von JAVIER ESPINOZA

Michael Woodford was ousted as CEO of Olympus Corp. after he clashed with senior executives at the company when he tried to expose corruption at the highest level. He shares the lessons he learned from the experience with WSJ's Javier Espinoza.

Michael Woodford war immer davon ausgegangen, dass er eine gute Menschenkenntnis besitzt. Doch seit er als Chef beim Kamerahersteller Olympus entlassen wurde, ist er sich da nicht mehr so sicher. Mehr als zwei Jahrzehnte hatte er für das Unternehmen aus Tokio gearbeitet. Dann setzte man ihn vor die Tür.

„Am meisten hat mich verwundert, dass einige Kollegen plötzlich nicht mehr mit mir reden wollten", sagt der ehemalige CEO. Er sitzt in seinem Londoner Apartment mit Blick auf die Tower Bridge. „Einige hatte ich früher sogar zu mir nach Hause eingeladen, wir waren zusammen im Urlaub. Ich habe ja nicht viel erwartet. Aber ein ‚Wie geht's dir? ' ist doch nicht zu viel verlangt, oder?"

Woodford macht aus seiner Enttäuschung keinen Hehl: „Normalerweise bietet sich einem im Leben nie die Gelegenheit, zu urteilen. Aber ich habe die Feigheit der Menschen gesehen. Und es hat wehgetan."

Reuters

Der ehemalige Olympus-CEO Michael Woodford.

Lebenslauf

Alter: 52

Nationalität: Britisch

Job: Hat eine Beraterfirma

Wohnort: London

Vorherige Jobs:

2011: Präsident und CEO von Olympus Corp. - gefeuert am 14. Oktober 2011

2008-2011: Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender bei Olympus Europa GmbH

2004-2008: Leiter des Medizingeschäfts bei Olympus in Europa

1989-2004: Weltweit für Olympus tätig

1989: Geschäftsführer einer britischen Tochterfirma von Olympus

1985-1989: Verkaufsleiter bei KeyMed, die 1987 von Olympus gekauft wurden

Ein Rückblick: Im September 2011 wandte sich Woodford erstmals an den Verwaltungsrat von Olympus. Er kritisierte die Übernahme von drei „Mickey Maus"-Firmen, wie er sie nennt. Etwa eine Milliarde US-Dollar wurden dafür auf den Tisch gelegt. Ein Berater auf den Cayman Inseln erhielt zusätzlich 700 Millionen Dollar für einen weiteren Zukauf im Wert von 2,2 Milliarden Dollar. Wenn man berücksichtigt, dass der Wert der drei kleineren Firmen nachträglich schnell nach unten korrigiert wurde, kann der Kauf eigentlich nur als überraschend fahrlässig bezeichnet werden. Erst recht, wenn man sich die Beratergebühren ansieht. Mit 30 Prozent lagen sie deutlich über dem, was in der Branche üblich ist. Normal sind ein bis zwei Prozent.

Der Engländer forderte eine Erklärung. Doch als Chairman Tsuyoshi Kikukawa und der Verwaltungsrat für den 14. Oktober 2011 eine Besprechung anberaumten, um über „Bedenken in Bezug auf M&A-Vorgänge" zu diskutieren, wurde dieser Punkt kurz vor Beginn der Sitzung gestrichen. Stattdessen feuerte man Woodford – in gerade einmal acht Minuten.

"Eine Hinrichtung in acht Minuten"

„Eine Hinrichtung in acht Minuten" schreibt der 52-Jährige in seinem Buch „Exposure: Inside the Olympus Scandal: How I Went From CEO to Whistleblower", das in dieser Woche erscheint. „Ich bin leise aufgestanden, habe den Raum verlassen und bin mit erhobenem Kopf zurück zu meinem Büro gegangen."

Nachdem er einer großen internationalen Finanzzeitung ein Interview gegeben und darin auf die Verluste bei Olympus und auf das Verhalten des Verwaltungsrats aufmerksam gemacht hatte, musste Woodford aus Japan fliehen. Mit Angst um sein Leben kehrte er zurück nach Großbritannien, wo er für mehrere Monate unter Polizeischutz stand.

Eine Untersuchung, die anschließend in Japan durchgeführt wurde, ergab, dass die Übernahmen und die hohen Beraterkosten bei Olympus Teil eines 13 Jahre währenden Prozesses waren, mit dem Investitionsverluste aus den 1990er-Jahren verschleiert werden sollten. Das Unternehmen gab im November 2011 zu, diese versteckt zu haben.

Mehrere Olympus-Verantwortliche wurden im Zuge der Ermittlungen verhaftet. Zu ihnen gehörte auch Kikukawa, der nur zwölf Tage nach der Entlassung von Woodford als Chairman bei Olympus seinen Hut nahm. Im September bekannte sich Kikukawa schuldig, Konten manipuliert zu haben, um Verluste im Wert von 1,7 Milliarden Dollar zu überdecken.

Klage gegen ehemaligen Arbeitsgeber

Mit seinem ungewollten Abgang war das Kapitel Olympus für Woodford jedoch noch nicht beendet. Er verklagte seinen ehemaligen Arbeitgeber wegen rechtswidriger Kündigung. Das Verfahren wurde im Mai 2012 nach mehreren Monaten schließlich eingestellt. Woodford bekam eine Abfindung in Höhe von 10 Millionen britischen Pfund, umgerechnet etwa 12,4 Millionen Euro.

Schuldgefühle wegen seines Verhaltens nach dem Rausschmiss hat Woodford nicht. Der 52-Jährige, der einen Großteil seines beruflichen Lebens bei Olympus verbracht hat, kann nicht einmal sagen, ob er überhaupt anders hätte reagieren können. „Ich habe sechs Briefe geschrieben", erzählt er. „Ich habe gebettelt und gefleht, sich die Fakten anzusehen. Doch sie haben mich gefeuert. Einige sagten ‚Michael hätte zu den Behörden gehen können'. Das zeigt doch ihre Naivität. Der einzige Grund, warum der japanische Staat überhaupt reagiert hat, war die weltweite Aufmerksamkeit."

Dank der internationalen Medien stand Olympus plötzlich im Rampenlicht. In den Monaten nach seiner Entlassung verbrachte Woodford Stunden am Telefon, sprach mit jedem Journalisten, der bereit war, sich seine Geschichte anzuhören. Doch während er es überall in der Welt damit auf die Titelseiten schaffte, gab es einen Platz, wo es erstaunlich ruhig blieb – und das war Japan.

"Japan funktioniert anders als der Rest der Welt"

„Als Kikukawa gefallen war und es immer deutlicher wurde, dass man nicht Milliarden für drei Unternehmen ausgibt, die keinen Gewinn bringen, trat sein Nachfolger Shuichi Takayama vor und erklärte, es handele sich um strategisch wichtige Investitionen. Er sagte, man müsse 700 Millionen Dollar für Berater ausgeben, um gut beraten zu sein. Dass er das gemacht hat, und dass japanische Journalisten das tatsächlich geschrieben haben – all das zeigt doch, dass Japan anders funktioniert als der Rest der Welt", sagt Woodford.

Der 52-Jährige erzählt weiter: „Wenn im Westen etwas ans Tageslicht kommt, dann sieht man es sich an und verfährt dann ganz logisch. Die Japaner haben ja kein Monopol auf Fehlverhalten. Allerdings ist die Presse im Land so umgänglich, so passiv, dass sie die Geschichte nicht aufgegriffen hat – trotz ihrer Schlagkraft."

Trotz seiner Kritik denkt Woodford gerne an seine Zeit in Japan zurück: „Ich liebe das Land und seine Leute. Doch irgendetwas ist ziemlich schief gelaufen. Es steht nicht gut ums Unternehmertum. Das ist ein fürchterlich inzestuöser Verein."

Mit seinen Enthüllungen hat sich Woodford ein paar Freunde unter internationalen Journalisten machen können. Allerdings kamen auch Feinde hinzu. Kurz nachdem er gefeuert worden war, begann er, um sein Leben zu fürchten. „Ich dachte, man würde mich umbringen. Es war grauenhaft." Nach seiner Rückkehr nach London ging Woodford zur Polizeistation an der Buckingham Palace Road im Londoner Stadtteil Belgraviaund bat um Personenschutz. Nachdem er den diensthabenden Beamten davon überzeugt hatte, dass seine Angst vor einem Mordanschlag der japanischen Yakuza berechtigt war, wurde seine Telefonnummer vom britischen Geheimdienst Scotland Yard als „bevorzugt" eingestuft. „Von einem Spinner in einem Anzug war ich plötzlich zu höchster Priorität aufgestiegen", schreibt Woodford.

Einfach nur die Wahrheit

Auch als seine spanische Ehefrau Nuncy kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand und ihn bat, aufzuhören, ließ Woodford nicht locker. Sein Ziel war es, Olympus bloßzustellen. „Ich wollte einfach nur die Wahrheit sagen. Hätte ich das nicht getan, hätte es mich zerstört", sagt er.

Zwar bekam Woodford am Ende eine Abfindung in Millionenhöhe. Doch zwischenzeitlich musste er sich laut eigenen Angaben ernsthafte Sorgen ums Geld machen. Er befand sich im Zentrum des medialen Sturms, Geld bekam er dafür jedoch nicht. „Ich dachte, ich stehe kurz vor dem Bankrott. Dass ich irgendwann ohne finanzielle Mittel dastehe. In wenigen Monaten gab ich fast eine Million Pfund für Anwälte aus. Außerdem stand ich kurz davor, mein Haus zu refinanzieren. Ich hatte gerade einen Multimillionen-Dollar-Job verloren", erinnert er sich.

Auch wenn ihn das alles mitgenommen habe, gibt Woodford zu, dass es anderen noch schlimmer ergangen sei. „Es ist leichter, wenn man von oben kommt. Wenn man 27 Jahre alt ist und drei Kinder in der Schule hat, dann ist es nicht ganz so einfach. Ich hatte einen britischen Pass, ich konnte aus dem Land reisen, und ich war der Präsident des Unternehmens. Meine Stimme hatte Gewicht und die Menschen interessierte das, was ich zu erzählen hatte. Schon vor mir hatte sich jemand bei Olympus als Informant verdient. Sie waren zum japanischen Finanzmagazin Facta gegangen, doch man hatte sie ignoriert", sagt er.

Verfechter des Whistle-Blowings

Woodford ist heute ein Verfechter des Whistle-Blowings, also der Verbreitung interner Geheimnisse, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Unternehmensfinanzierte Kommunikationskanäle zu unabhängigen Aufsichtsbehörden und Kontrollinstanzen, über die Angestellte Fehlverhalten anzeigen können, sieht er als Bastion von Unternehmensverantwortung und Firmentransparenz. Die Empfänger besitzen einen Freibrief und können bei Vorwürfen die entsprechenden Untersuchungen einleiten.

„In den USA ist man in diesem Bereich schon viel weiter. Firmen bieten Leitungen an, die völlig unabhängig vom Unternehmen sind. Es gibt eine unabhängige und aufgeschlossene Presse", sagt er. Woodford hält die Zahlung horrender Prämien wie jüngst im Fall des ehemaligen UBS-Bankers Bradley Birkenfeld jedoch für den falschen Weg. Birkenfeld hatte 104 Millionen Dollar dafür erhalten, dass er die US-Behörden mit Insiderinformationen über die illegalen Steuerpraktiken der Schweizer Großbank UBS versorgt hatte. „Man sollte kein Geschäft daraus machen, bei dem es ums Geld geht. Man sollte die Informanten schützen. Ehrlichkeit sollte aus den richtigen Motiven und Moralvorstellungen heraus entstehen."

Heute befindet sich Woodford in einer beneidenswerten Position. Er hat seine Biografie geschrieben und viel Zeit, sich um ehrenamtliche Tätigkeiten zu kümmern. Ein Hollywood-Film ist in Arbeit. „Ich werde mich sicherlich nicht langweilen", sagt er. Sogar ein paar Angebote von großen Firmen will er bekommen haben – auch aus Japan. Doch zumindest mittelfristig kann er sich nicht vorstellen, noch einmal in die japanische Unternehmenswelt einzusteigen. „Man lebt nur einmal. Ich hatte viel Glück. Nun will ich mich auf Dinge konzentrieren, die einen Unterschied machen."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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