• The Wall Street Journal

Die Welt produziert zu viel Stahl

    Von JOHN W. MILLER
Reuters

Stahlarbeiter in einem Werk von Salzgitter: Weltweit wird Stahl über Bedarf produziert

Die globale Stahlbranche hat ein schwer wiegendes Problem: Sie ist zu groß und wächst immer weiter. Die Produktionskapazität der Stahlwerke rund um die Welt erreicht in diesem Jahr rund 1,8 Milliarden Tonnen. Allerdings werden die Stahlproduzenten nur Aufträge über 1,5 Milliarden Tonnen hereinnehmen. Doch anstatt zu konsolidieren und effizienter zu werden, baut die Branche ihre Kapazitäten immer noch weiter aus.

Bis 2016 dürften geschätzt hundert neue Stahlfabriken mit einer gesamten Lieferkapazität von 350 Millionen Tonnen in Betrieb gehen, veranschlagen Topmanager des Sektors und Branchenberater. Unternehmen in Vietnam, Argentinien, Ecuador, Peru und Bolivien planen mit der Unterstützung ihrer jeweiligen Regierungen allesamt neue Produktionsstätten oder bauen sie bereits.

Sie beabsichtigten damit, in die industrielle Entwicklung ihrer Länder zu investieren, sagen die Regierungsvertreter. Das heimische verarbeitende Gewerbe solle mit Stahl aus eigener Produktion versorgt und die Importe reduziert werden, lautet ihr Argument für den Ausbau. Doch was für die einzelnen Volkswirtschaften durchaus begrüßenswert erscheinen mag, hat Auswirkungen auf die gesamte weltumspannende Branche.

„Die Leute wollen immerzu nur neue Werke bauen, auf der ganzen Welt", klagt Dan DiMicco, der Chef des zweitgrößten US-Stahlproduzenten Nucor, der sich für eine stärkere Konsolidierung des Sektors ausspricht. „Man kann darüber streiten, was als nächstes passieren muss", meint Charles Bradford, ein Analyst der New Yorker Bradford Research. „Aber eins steht fest: Es herrscht Überkapazität."

Mittal hält die Branche für zu stark fragmentiert

Genau festzustellen, wie viele Stahlwerke es auf der Welt überhaupt gibt und wie hoch ihre tatsächliche Produktionskapazität ist, sei gar nicht so einfach, sagen Branchenkenner. In China, auf das 46 Prozent der weltweiten Stahlproduktion entfallen, gebe es hunderte kleine Stahlfabriken, über die keine exakten Zahlen vorlägen. Die Schätzungen über die Anzahl der Stahlwerke in China reichen von 600 bis 800 Fabriken.

Das Problem des Überangebots hat sich bereits bemerkbar gemacht. Die Stahlpreise und die Gewinne der Produzenten gehen zurück, wie bei der jüngsten Vorlage der Unternehmensergebnisse in dem Sektor deutlich wurde. Die Rufe der Branchenvertreter und Investoren nach Konsolidierung und Rationalisierung werden wieder lauter.

ArcelorMittal verbuchte im dritten Quartal einen Verlust von 709 Millionen Dollar. Gemessen an der Produktion ist ArcelorMittal der weltgrößte Stahlerzeuger. Die Gruppe hat allerdings einen Anteil von nur sechs Prozent am globalen Markt. Konzernchef Lakshmi Mittal ist der Ansicht, die Branche sei viel zu stark fragmentiert. Sein Unternehmen werde sich weiterhin auf die Konsolidierung konzentrieren, „solange sich die richtigen Gelegenheiten ergeben".

Doch derzeit scheint sich die Branche kaum in diese Richtung zu bewegen. Und bei den jeweiligen Regierungen wächst der politische Widerstand gegen mögliche Konsolidierungstrends.

Am Dienstag hatte Mittal sich mit dem französischen Präsidenten François Hollande getroffen. Sie sprachen über die Optionen für ein angeschlagenes Stahlwerk der Gruppe im Osten Frankreichs. Inzwischen hat Frankreichs Regierung einen möglichen Investor gefunden. Zuvor wurde über eine mögliche Übernahme der Fabrik durch den Staat diskutiert. Zwei Hochöfen der Fabrik wurden bereits still gelegt. Sollte der Verkauf nicht zustande kommen, will Mittal die Öfen bis zum 1. Dezember ganz schließen.

Die Regierungsseite hatte argumentiert, sie zu verkaufen werde schwierig, wenn nicht eine weitere Fabrik von ArcelorMittal in derselben Anlage mit in den Deal hineingenommen werde. Diese Fabrik will der Strahlproduzent allerdings behalten. Doch auch der neue Käufer will nur investieren, wenn diese Fabrik mit dazukomme. Die Regierung in Paris erwägt deshalb, die gesamte Anlage vorübergehend zu verstaatlichen, bis ein Käufer gefunden wurde.

Erfolglose Verkaufsversuche von Thyssen-Krupp

Vor ein paar Monaten zahlte die serbische Regierung einen Dollar für ein dem Untergang entgegen taumelndes Stahlwerk an US Steel. Sie übernahm das Werk lieber, als seinen Niedergang zu akzeptieren. Jetzt sucht sie nach Interessenten für die Fabrik.

Da sich die Rohstoffpreise und Aktienkurse auf niedrigem Niveau befinden, stehen Fusionen und Akquisitionen im Metall- und Bergbausektor unter keinem günstigen Stern. Der Gesamtwert der Transaktionen in diesem Bereich ist in den ersten neun Monaten 2012 um 43 Prozent auf 76,8 Milliarden Dollar gefallen. Im vergleichbaren Vorjahreszeitraum hatten sie noch 133,7 Milliarden Dollar erreicht, berichtet Ernst & Young.

Thyssen-Krupp hat bisher erfolglos versucht, ein hochmodernes Stahlwerk in Brasilien und eine Verarbeitungsanlage in Alabama abzustoßen. Beide weisen jeweils eine Kapazität von fünf Millionen Tonnen auf und waren 2007 für zusammen 11,8 Milliarden Dollar errichtet worden. Dass die Firma solche Schwierigkeiten dabei hat, die beiden Fabriken los zu werden, die mit Hilfe von Steuervergünstigungen und Subventionen gebaut worden waren, macht deutlich, dass sowohl Stahlproduzenten als auch Regierungen übermäßig stark in neue Kapazitäten investieren, für die sie dann kaum Verwendung finden.

Die billionenschwere globale Stahlbranche dürfte in absehbarer Zeit unter den führenden Industriezweigen der am stärksten zersplitterte Bereich bleiben. Die fünf führenden Stahlerzeuger der Welt beherrschen nur 18,2 Prozent der weltweiten Stahlversorgung. Im Vergleich dazu kontrollieren die fünf größten Autobauer der Welt 50,6 Prozent des globalen Markts. Und bei Eisenerz, das auf dem Seeweg exportiert wird, teilen sich die fünf weltweiten Spitzenverkäufer gleich 66,1 Prozent des Markts.

„Stahl braucht einen großen Akteur, der schwache Werke kauft und still legt", meint Tim Cahill, ein Analyst für J&E Davy Holdings in Dublin. Bleibe dies aus, fehlten den Stahlherstellern die nötigen Größenvorteile, um bedeutende Einsparungen beim Transport und in der Produktion zu erzielen, oder der nötige Nachdruck bei Verhandlungen mit Rohmateriallieferanten und Kunden wie Auto- und Geräteherstellern, ist Cahill überzeugt.

Fabrikschließungen gestalten sich schwierig

Die Preise für warmgewalzte Spulen sind in den USA um mehr als 35 Prozent auf 636 Dollar pro Tonne gefallen. Sie hatten vor der Finanzkrise im Jahr 2008 noch über 1.000 Dollar pro Tonne erreicht. Dieser Preisrutsch ließ sich selbst durch die Insolvenz des viertgrößten amerikanischen Stahlerzeugers RG Steel im Mai nicht stoppen. Das Unternehmen durchläuft die Konkursliquidation, wodurch dem Markt eine Kapazität von 7,5 Millionen Tonnen entzogen wird. Das entspricht in etwa neun Prozent der US-Inlandsproduktion im Jahr 2011.

Um Arbeitsplätze zu bewahren und die Wirtschaft vor Ort zu stützen, halten die Regierungen an den Subventionen für die Stahlwerke fest - auch wenn sich die Nachfrage abschwächt.

Wolfgang Eder, der Chef des österreichischen Stahlherstellers Voestalpine und Präsident des Europäischen Stahlverbands, hat die EU-Politiker dazu aufgerufen, einen abgestimmten Plan zur Kapazitätskürzung zu erarbeiten. „Die Stahlindustrie könnte wieder denselben Fehler machen wie in den achtziger Jahren, wenn sie Beihilfen verlangt und überholte Werke aus sozialen oder politischen Gründen am Laufen hält", hatte er jüngst in einem Interview gesagt.

Es sei schwierig, eine Fabrik zu schließen, besonders wenn die Wirtschaft schwach ist, meint dagegen Thomas Veraszto, Vizepräsident der russischen OAO Severstal . „Es ist sehr einfach, in guten Zeiten ein Stahlwerk zu eröffnen und sehr problematisch, es in schlechten Zeiten zu schließen", sagt er. Außerdem seien Fusionen im Stahlgeschäft besonders schwierig. „Um eine Fusion durchzuziehen, musst du eindeutig Mehrwert schaffen", meint er. „Das ist im Stahlbereich normalerweise nicht der Fall. Dort kannst du die Kapazität erhöhen, indem du deine bestehenden Anlagen einfach besser nutzt."

Dass die Stahlindustrie so fragmentiert ist, ist zum Teil auf ihre historische Rolle als Wirtschaftsmotor zurückzuführen. „Keine Nation hat sich jemals auf den Weg der Industrialisierung gemacht, ohne ihre eigene Stahlindustrie zu entwickeln", erklärt David Hounshell, Professor für Industriegeschichte an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh. Jede Region hatte ihr eigenes Stahlwerk zur Belieferung der heimischen Industrie. Und stand die Fabrik erst einmal, schaffte sie Arbeitsplätze, die durch Schutzzölle und Subventionen gesichert wurden. „Letztendlich kommen dabei immer große Überkapazitäten heraus", resümiert Hounshell.

Rohstoffzulieferer nutzen ihren Einfluss

In China schossen tausende kleiner Stahlfabriken aus dem Boden. Sie fertigen die Stahlstangen, Träger und andere Baumaterialien für die Hochhäuser und die neuen Städte, die in dem Land gerade entstehen. Geht es nach dem Willen der chinesischen Regierung, so sollen bis 2015 rund 60 Prozent der Stahlproduktion des Landes auf die zehn führenden Hersteller entfallen, die derzeit rund 50 Prozent unter sich aufteilen. Bis 2020 sollen sie einen Anteil von 70 Prozent erreichen. Alte und unproduktive Werke, die die Umwelt belasten, sollen nach dem Willen Pekings verschwinden. Und den verbleibenden Stahlerzeugern solle "mehr Schlagkraft im Umgang mit den Rohstofflieferanten aus dem Ausland" verliehen werden, berichtet der Stahlanalyst Bradford. "Aber das ist ein schwer zu erreichendes Ziel."

Denn während sich die Stahlindustrie abmüht, geschlossener aufzutreten, nutzen ihre Rohstoffzulieferer, die bereits in höchstem Maß konsolidiert sind, ihren Einfluss.

Der größte Lieferant, BHP Billiton, hatte sich vor zwei Jahren dazu entschlossen, die langfristige Preisfestsetzung für Eisenerz aufzugeben. Die Stahlproduzenten waren vergeblich Sturm gegen das Vorhaben gelaufen. BHP verkauft den Rohstoff seither zu Spot-Preisen, die längerfristig im Schnitt höher ausfallen. Andere Minengesellschaften sind dem Beispiel von BHP gefolgt.

Dieser Strategiewechsel hat dazu geführt, dass Stahlproduzenten jetzt einen weit kleineren Gewinnanteil aus der Herstellung einer Tonne Stahl einnehmen, während sich der Gewinnanteil der Bergbaukonzerne stark ausgeweitet hat. So ist zum Beispiel der Prozentsatz der Gewinne aus einer Tonne Stahl, der den Stahlunternehmen in Europa für eine Tonne warmgewalzten Coil zufällt, in diesem Jahr auf 17 Prozent gesunken. Im Jahr 2006 hatte der Prozentsatz noch 76 Prozent betragen. Für die Eisenerzproduzenten hat sich aber ein Anstieg auf 50 Prozent nach zuvor elf Prozent ergeben.

Wenn es nicht zu einer Konsolidierung komme, müssten sich die großen Stahlhersteller ihren eigenen Worten zufolge auf andere Wege verlassen, um in guter Verfassung zu bleiben. Dazu gehöre, bessere High-Tech-Produkte aus Leichtstahl mit hohen Margen für den Autosektor zu entwickeln, die Kosten zu reduzieren und den Absatz in den Schwellenmärkten auszubauen. US Steel-Chef John Surma fasste dies jüngst mit der Aussage zusammen, er werde sich jetzt auf „Dinge konzentrieren, die wir innerhalb des Unternehmens bewerkstelligen können."

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