• The Wall Street Journal

Ausputzer Eddy Cue kommt bei Apple groß raus

    Von JESSICA E. LESSIN

Apple-Chef Tim Cook räumt in den obersten Etagen seiner Technologiefirma auf. Und Eddy Cue ist einer der Manager, die von dem Umbau am meisten profitieren.

Der Senior Vice President für Internet-Software und Dienstleistungen gehört zur alten Garde von Apple. Cue arbeitet schon seit 23 Jahren bei dem Unternehmen im kalifornischen Cupertino. Der Firmenveteran war mit der Zeit aufgestiegen und hatte als rechte Hand des Apple-Mitbegründers Steve Jobs auf neuen Geschäftsfeldern wie E-Commerce und Medien die Feder geführt. Doch in einem Unternehmen, in dem Hardware und Betriebssysteme den Ton angaben, blieb Cue weitgehend an der Seitenlinie. Bekannt war er höchstens für sein Geschick, Medienunternehmen dazu zu überreden, sich dem iTunes-Dienst von Apple anzuschließen.

Reuters

Eddie Cue, Apples Senior Vice President für Internet-Software und Dienstleistungen.

Doch jetzt hat sich der umgängliche 48-jährige Topmanager kubanischer Herkunft zu einem der Hauptarchitekten für die Software-Strategie der Firma gemausert. Sein Urteil über Produkte hat großes Gewicht in einem Unternehmen, in dem seit Jobs' Tod im vergangenen Jahr ein eindeutiger Produktvisionär fehlt.

In jüngster Zeit hat Cue vor allem den Ausputzer gespielt und das Krisenmanagement beim mobilen Kartendienst von Apple und bei den Ausfällen bei iCloud und iMessages übernommen. Er zeichnet neuerdings zudem für den Werbedienst für iBooks und iAds verantwortlich und leitet den App Store der Firma, der mehr als 700.000 Apps anbietet. Und Cue war es auch, der Cook und andere drängte, ein kleineres iPad in Angriff zu nehmen, nachdem er selbst ein Sieben-Zoll-Tablet ausprobiert hatte. Jobs hatte dieses Ansinnen zuvor abgeschmettert.

Als iPhone-Software-Chef Scott Forstall im vergangenen Monat vor die Tür gesetzt wurde, erbte Cue zwei der jüngsten Internet-Dienste von Apple: Maps und den Spracherkennungsassistenten Siri.

Die Expansion von Cues Reich

  • Januar 2001: iTunes geht an den Start
  • Juli 2008: Der App Store wird gestartet
  • April 2010: iBooks kommt heraus
  • Oktober 2011: iCloud wird vorgestellt
  • August 2011: Cue verantwortet nun iAd
  • Oktober 2012: Neuzugänge Maps und Siri

Mit seinem Aufstieg festigt Cue seine Rolle als einer der maßgeblichen Stellvertreter von Cook. Der neue Apple-Chef hat sich mit einer Reihe von engen Beratern umgeben, ohne einen seiner Gefolgsleute als klare Nummer zwei zu adeln. Cue kann auf die Loyalität und Bewunderung vieler langjähriger Apple-Angestellter zählen. Sie rechnen ihm hoch an, dass er Apple auch in den düsteren Tagen treu gedient hat, bevor Jobs die Firma Ende der 1990er Jahre umzukrempeln begann.

Cue gilt zudem als Verfechter der Apple-Methode: Neuen Feldern nähert er sich geduldig und langsam und wird nicht müde, zu betonen, dass an erster Stelle der Kunde stehen muss. Für seine Verhandlungspartner verkörpert er den Hang des Unternehmens zum Geheimnisvollen. Seine unbewegte Miene zu deuten, hat schon so manchem Medienmanager Kopfzerbrechen bereitet.

Doch der Ansatz, sich geduldig vorwärts zu tasten, gerät immer mehr unter Druck. Die Vormachtstellung von Apple bei Smartphones und Tablets gerät ins Wanken, die Rivalen holen schnell auf. Investoren werfen die Frage auf, wie lange die Firma noch in der Lage sein wird, ihr Wachstum und ihren unangefochtenen Status als Technologie-Trendsetter aufrecht zu erhalten.

Die Online-Geschäfte von Cue sind strategisch bedeutender geworden. Denn die Kunden suchen sich ihre Geräte jetzt stärker danach aus, was sich mit ihnen anstellen lässt. iTunes, der größte Bereich in Cues Beritt, spielte im jüngsten Berichtsquartal der Firma 2,1 Milliarden US-Dollar ein. Das entspricht 5,8 Prozent der Gesamteinnahmen. Cue "ist für all die Dienste zuständig, die am allerwichtigsten sind, wenn Apple wachsen will", urteilt Anthony Soohoo. Der ehemalige leitende Medienmanager von CBS, der jetzt den Medien-App-Anbieter Rumpus in San Francisco führt, kennt Cue aus zahlreichen Verhandlungen. Cue war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Apple stellte ihn nicht für ein Interview frei.

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Cue lebt mit seiner Frau zurückgezogen im kalifornischen Los Altos und mischt sich selten unter die Silicon-Valley-Szene. Der große Auftritt, wie ihn Steve Jobs meisterhaft zelebrierte oder wie ihn neuerdings Marketing-Chef Phil Schiller pflegt, liegt ihm nicht. Kollegen hat er oft anvertraut, dass er sich trotz Nachhilfeunterricht in Sachen Darstellung auf der großen Bühne immer noch unwohl fühlt. Und das merkt man ihm manchmal auch an, wenn er bei Präsentationen auf den Teleprompter schielt und längere Pausen einlegt als andere Vortragsroutiniers bei Apple.

Genau wie Jobs sei er eher ein Stratege und Taktiker als ein Manager, berichten enge Mitarbeiter. Er konzentriere sich ausdauernd auf einige Top-Prioritäten und arbeite auf die nächste Produkteinführung hin. Er räume seinen Mitarbeitern zwar große Spielräume ein, mische sich dann letztendlich aber oft ein, um die Aufgabe selbst zu erledigen. Dabei schenke er kleineren Projekten oder persönlichen Angelegenheiten kaum Aufmerksamkeit.

Apple, Google, Samsung: Wer ist der Tech-König der Börse?

In dieser Woche, möglicherweise schon am Donnerstag, dürfte Apple eine neue Desktop-Version von iTunes vorstellen. Für Cue ist das ein Test, wie gut Apple bei Online-Diensten mithalten kann. Der Start des neuen iTunes-Dienstes habe sich aufgrund technischer Probleme um einen Monat verschoben, weil Teile neu aufgebaut werden mussten, berichten Insider.

Der Verzug kommt zu einem prekären Zeitpunkt für Apple. iTunes hatte bei digitalen Medien Pionierarbeit geleistet. Im zweiten Quartal erreichte das Angebot im Bereich bezahlter Musik-Downloads einen Anteil von 64 Prozent. Doch mittlerweile haben Konkurrenten wie Pandora Media und Spotify aufgeholt. Sie ermöglichen es den Nutzern, ihre Dienste zu abonnieren und Musik zu übertragen, ohne die Lieder herunterladen zu müssen. Bei iTunes dagegen müssen die Nutzer Medien-Dateien herunterladen, während allerdings Video-Inhalte per Stream ans Apple TV übertragen werden.

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Was das Streaming angeht, hält Cue immer noch an seinem vorsichtigen Herantasten fest und predigt in bewährter Weise Geduld. Die neue Version von iTunes namens iTunes 11 ist stärker in den iCloud-Service integriert und ähnelt der mobilen Variante. Mit ihrer Hilfe können die Nutzer Musik, Filme und TV-Sendungen, die sie von Apple gekauft haben, von einem Apple-Gerät zum anderen über den iCloud-Synchronisationsdienst übertragen, ohne sie noch einmal herunterladen zu müssen. Mit iTunes-Match hatte Apple in der Vergangenheit diese Funktion nur für Musik angeboten. Doch Computer-, Tablet- und Handynutzer werden die Datei am Anfang immer noch herunterladen und per Karte bezahlen müssen.

Noch könne die Konkurrenz Apple nichts anhaben, dafür sei der iTunes-Kundenstamm einfach zu groß, sagt Russ Crupnick, Senior Vice President für Branchenanalyse bei NPD. Aber mit der Zeit "wird Streaming für iTunes immer gefährlicher". Die Technik breite sich immer mehr aus und sei zum Beispiel im Auto einfach bequemer.

Cue mache sich keine Sorgen wegen der Herausforderungen, die auf ihn zukommen. Er scheine optimistisch in die Zukunft zu schauen, sagen Vertraute.

Seine Mitarbeiter schätzen an Cue, dass er im Gegensatz zu den meisten anderen Spitzenkräften bei Apple auch einmal ein Schwätzchen hält und man mit ihm über Sport diskutieren kann. Cue ist ein glühender Anhänger der Basketballmannschaft der Duke University, Fotos des Teams hängen überall in seinem Büro. Auch dass er offen Fehler eingestehen kann, rechnen ihm seine Untergebenen hoch an. Er scheue nicht davor zurück, Sätze wie "Da haben wir jetzt aber wirklich Mist gebaut" laut zu sagen.

Glaubwürdigkeit hat Cue sich in der Firma gesichert, indem er bei einigen Pannen von Apple den rettenden Engel spielte. Dazu hatte auch der gescheiterte Datensynchronisationsdienst MobileMe gehört, den er 2011 als iCloud neu auf den Markt brachte. Für die Einführung von iCloud waren umfassende Investitionen in Rechenzentrumstechnologien notwendig, die außerhalb der Expertise von Apple lagen. Die Entwicklung sei alles andere als reibungslos verlaufen, erinnern sich frühere Mitarbeiter.

Rückblick auf fünf Jahre iPhone

Doch Cue habe sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Er sagte seinen Mitarbeitern, er vertraue auf sie, erzählt ein Beteiligter. Mittlerweile verfügt iCloud nach Unternehmensangaben über mehr als 200 Millionen Nutzer und ist damit in etwa halb so groß wie iTunes.

Auch von der Apple-Gepflogenheit, alles selbst bauen zu wollen, ist Cue abgerückt und hat damit einige positive Ergebnisse eingefahren. Im Jahr 1999 überzeugte er das Management von Apple, mit Akamai Technologies bei neuen Übertragungsfunktionen für die Quicktime-Videosoftware zusammenzuarbeiten, erinnert sich Paul Sagan, der Chef von Akamai und langjähriger Geschäftspartner von Apple. Später investierte Apple in Akamai, die Internet-Inhalte anbieten. Seitdem habe Cue einen Instinkt dafür an den Tag gelegt, das zu tun, was der Kunde wünscht und nicht das, was technisch möglich ist. "Er sagte zum Beispiel: So was will doch niemand machen. Er nähert sich einer Sache wirklich ganz direkt", sagt Sagan.

Seit dem Tod von Jobs ist Cue, wie andere Topmanager von Apple auch, stärker ins Rampenlicht gerückt. Die beiden standen einander nahe. Und Jobs betraute Cue mit dem Aushandeln von Partnerschaften. Bei einem Medien-Boss rief Jobs nur an, wenn dies nötig war, um einen Deal zu besiegeln. Wie Jobs hört Cue leidenschaftlich gern Musik, Bruce Springsteen gehört auch zu seinen Lieblingsinterpreten. Früher habe man bei Verhandlungen oft den Satz "Das muss ich erst mit Steve besprechen" von Cue gehört, erinnert sich ein Medienmanager. Jetzt entscheide er einfach allein.

Vom Walkman zum iPad: Ikonen der Elektronik

Doch der Mediensektor bleibt eine knifflige Aufgabe für Cue. Zwar hat Apple den Ausbau von iTunes erfolgreich vorangetrieben. Aber der von Cue geleitete Versuch der Firma, in die Wohnzimmer der Fernsehzuschauer vorzudringen, sei ins Stocken geraten, sagen mit der Situation Vertraute.

Seit Jahren verhandelt Apple mit Kabelgesellschaften über eine Set-Top-Box. Leichte Fortschritte dabei haben sich allerdings erst vor Kurzem eingestellt. Und einige iTunes-Initiativen, wie der soziale Netzwerkdienst Ping, haben sich als Flop erwiesen.

Cue hat seine Mannschaft neu aufgestellt. Er war an der Entlassung von Richard Williamson beteiligt, heißt es. Der Topmanager, der den neuen Landkartendienst von Apple betreut hatte, war vor etwa zwei Wochen gefeuert worden. Um sein erweitertes Pensum zu schaffen, habe Cue sich jüngst nach Hilfe umgeschaut, auch außerhalb der Firma, berichten Insider. Und in den vergangenen Wochen habe er zudem den iTunes-Veteranen Robert Kondrk befördert und ihm den Titel Vice President zuerkannt.

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