• The Wall Street Journal

Nokias Lumia 920: Ein Schwergewicht mit schicken Extras

    Von JÖRGEN CAMRATH
[image] Jörgen Camrath/WSJ.de

Das Lumia 920 von Nokia im Test: Ein innovatives Smartphone mit Ecken und Kanten.

Es ist momentan nicht gerade einfach, in Deutschland an ein Lumia 920 von Nokia zu kommen. Warum? Ganz einfach – die Geräte sind in vielen Geschäften ausverkauft. Nokia schreibt, man würde jedes produzierte Gerät sofort weitergeben. Selbst Entwickler müssten derzeit oft in die Röhre gucken. Glück also für mich – denn ich konnte das neue Smartphone der Finnen in den vergangenen Tagen ein bisschen testen.

Gewicht

Viel wurde bereits über das Gewicht des Lumia 920 geschrieben. Und auch ich musste nach dem Auspacken feststellen, dass das neue Nokia-Flaggschiff im Vergleich mit dem iPhone 5 und seinen 112 Gramm ein Schwergewicht ist. Stolze 185 Gramm bringt das Lumia auf die Waage. Das mag am Anfang ziemlich viel sein, doch nach ein paar Tagen hatte ich mich schon daran gewöhnt. Unangenehm schwer ist es jedenfalls nicht – zudem liegt es angenehm in der Hand.

Windows Phone 8

Das Lumia 920 läuft mit Windows Phone 8. Das neue Betriebssystem von Microsoft ist ein großer Schritt nach vorne, dennoch sind mir beim Testen der Software einige Schwachstellen aufgefallen. Zunächst aber das Positive: Windows Phone 8 läuft flott und zügig. Programme lassen sich einfach über den Windows Phone Store herunterladen und installieren. Allerdings braucht es dafür zu Beginn mehrere Accounts, was mich etwas verwundert hat. So musste ich mich vor dem Herunterladen mit meinem Microsoft-Account (Hotmail, MSN etc.) anmelden, ehe ich Apps herunterladen konnte. Später wurde ich dann noch einmal gebeten, mir einen Xbox-Account zuzulegen. Nun habe ich zwar eine Spieler-ID, nur leider weiß ich nicht, wofür.

screenshot

Kann auch vorkommen: Fehlermeldung auf dem Lumia 920.

Navigation: Ich hatte das Gerät aus der Box gestartet und war direkt damit losgefahren. Ein Fehler, wie sich auf der Autobahn zeigte. Denn als ich mich zu einer bestimmten Adresse leiten lassen wollte, sollte ich erst noch Sprachdateien herunterladen und Kartenmaterial installieren. Das hatte ich mir anders vorgestellt. Und über das Mobilfunknetz ließ sich der Fehler nicht beheben, da die Dateien zum Teil über 90 Megabyte groß waren.

Probleme hatte ich auch mit der offiziellen Twitter-App. Die konnte ich zwar ohne Probleme aus dem Windows Phone Store herunterladen, doch wirklich glücklich wurde ich damit nicht. So gibt es zum Beispiel einen Bug, der mich jede Benachrichtigung zweimal beantworten lässt, ehe sie verschwindet. Außerdem sind die Symbole wenig selbsterklärend. Darum schickte ich zu Beginn häufig Tweets ab, obwohl ich sie noch gar nicht fertig geschrieben hatte. Ich habe Twitter um eine Stellungnahme gebeten, doch leider hat man sich noch nicht bei mir gemeldet.

Die meistverkauften Nokia-Handys

Das Problem mit den kaum verständlichen Symbolen hatte ich jedoch auch bei anderen Programmen. Häufig war mir nicht klar, was die einzelnen Zeichen bedeuten sollten. Hin und wieder bekam ich auch Fehlermeldungen, ein System-Update hing tagelang fest und wollte sich einfach nicht installieren lassen, und manchmal – wenn auch eher selten – stürzten die Programme ab.

Nun kann man bei einem neuen System wie Windows Phone 8 auch nicht erwarten, dass alles von Anfang an problemlos klappt. Bei Apples iOS und Googles Android dauert es nach großen Updates in der Regel auch immer etwas, bis alles rund läuft und alle Löcher gestopft sind. Alles in allem machte das Betriebssystem jedenfalls einen ordentlichen Eindruck und bestätigt damit die ersten Kritiken, die Microsoft bescheinigt haben, einen ordentlichen Job gemacht zu haben. Etwas anderes hätten sie sich jedoch auch gar nicht leisten können.

Was mir in Sachen Software noch aufgefallen ist: Wenn ich im Internet Explorer in einem langen Dokument unterwegs bin, bin ich es eigentlich gewöhnt, mit einem Klick auf den oberen Browser-Rand wieder zum Seitenanfang zurückzukommen. Das funktioniert beim eingebauten IE 10 leider nicht. Hier kommt man nicht umhin, seine Finger wundzuscrollen. Und auch bei anderen Programmen konnte ich diese Funktion nicht finden. Ich habe bei Nokia und Microsoft angefragt, was es damit auf sich hat, eine Erklärung habe ich jedoch bisher nicht bekommen.

Der Startbildschirm

Wer bereits Windows 8 auf einem Rechner oder Tablet einsetzt, der wird sich bei Windows Phone 8 zuhause fühlen. Auch hier kommen wieder die Kacheln zum Einsatz, die mit Windows Phone 7 eingeführt wurden. Doch so toll diese Live-Kacheln auch sein mögen – ich empfand sie als einschränkend. Natürlich können sie den eigenen Wünschen entsprechend eingerichtet werden, man kann die Farbe ändern und sich darüber informieren lassen, was gerade auf Facebook und Twitter passiert. Doch hatte ich immer das Gefühl, vor einer Wand zu stehen, vor einer digitalen Mauer, die mich an die eigentlichen Apps nicht heranlässt. Das stimmt so natürlich nicht, schließlich kommt man mit einem Wischen nach links zu den restlichen Programmen und auch zu den Einstellungsmöglichkeiten, doch es fühlte sich irgendwie wie eine Schranke an.

Hinzu kommt, dass eine Funktion fehlt, mit der ich gleich nach dem Entsperren des Bildschirms eine Suchanfrage starten kann. Und ich meine nicht die Suche im Browser, die über eine der drei festinstallierten „Tasten" unter dem Bildschirm aufgerufen werden kann. Ich meine eine Suche innerhalb des Telefons, wie man sie von Android und iOS kennt. Zwar gibt es eine Suche, die nach einmaligem Wischen erreicht wird. Doch in meinen Kontakten oder Mails konnte ich damit nicht suchen.

Das Design

Das Lumia 920 ist definitiv ein Hingucker. Besonders dann, wenn man sich für die knalligen Farben Gelb oder Rot entscheidet. Doch auch in Schwarz oder Weiß – mein Testgerät kam in Weiß – kann es sich sehen lassen. Die Vorderseite wird von dem 4,5 Zoll großen Bildschirm, einer Kameralinse und den drei fest installierten Touch-Tasten dominiert. Es gibt einen Zurück-Button, eine Art „Home"-Button und eine Such-Taste, über die sich Bing aufrufen lässt.

An der für mich ungewohnt rechten Seite befinden sich drei weitere – echte – Tasten aus Zirkonoxid-Keramik. Die obere zum Ändern der Lautstärke, die mittlere zum Entsperren des Bildschirms und die untere zum Aufrufen der Kamera und zum Auslösen. Wie bei einer traditionellen Kamera lässt sich das Bild mit einem leichten Druck scharf stellen, ehe man mit einem weiteren das Foto aufnimmt. Am oberen Ende des Lumia befinden sich der SIM-Karten-Slot und der Kopfhörer-Eingang. Unten gibt es einen Mikro-USB-Eingang, worüber zum Beispiel der Akku des Smartphones geladen werden kann. Auch die Lautsprecherausgänge finden sich hier.

Nokia und Microsoft stellen neue Smartphones vor

Die Rückseite ist minimalistisch gehalten – wie eigentlich das gesamte Telefon. Sofort ins Auge sticht die Kamera, die farblich unterlegt wurde. Ein Kurzpuls-Hochleistungs-Dual-LED-Blitzlicht – so nennt Nokia sein Blitzlicht – sorgt für Helligkeit an dunklen Orten.

Ohne Frage: Das Design ist gelungen. Mit einen Unibody-Gehäuse aus Polycarbonat, mit dem man sogar Nägel einschlagen kann – ich habe das nicht ausprobiert, doch bei Youtube kursieren genügend Beweisvideos – und einem Formfaktor, der trotz der Größe des Telefons und des vergleichsweise hohen Gewichts nie klobig oder unangenehm erscheint, haben sich die Entwickler bei Nokia auf ihre Vergangenheit besonnen. Sie haben gezeigt, dass der Name Nokia auch heute noch für Design stehen kann.

Hardware & Kamera

Ein 4,5 Zoll großer Touchscreen mit einer Auflösung von 1.280 mal 768 Pixeln. Bluetooth, NFC, kabelloses Laden per Induktion. 32 Gigabyte Speicherkapazität, ein leistungsfähiger Snapdragon S4-Dual-Core Prozessor mit 1,5 Gigahertz. Datenkanäle und Frequenzbänder von LTE über HSPA+ zu WCDMA und wie sie alle heißen. Nicht zu vergessen der große Akku mit 2.000 Milli-Ampere-Stunden (mAh) Kapazität.

Was Nokia in das Lumia 920 gesteckt hat, kann sich wirklich sehen lassen. Besondere Aufmerksamkeit aber verdient die Kameratechnik, die die Finnen verbaut haben. Nokia PureView heißt die Marke, unter der das Unternehmen seine besonders leistungsfähigen Kamera-Telefone vermarktet. Dermaßen von seiner Arbeit überzeugt, lud man sogar ein paar Journalisten zu sich ein, die die Kamera vorab testen konnten. Auch andere Vergleichsvideos finden sich heute zuhauf im Internet. Mein erster Eindruck ist: Die kann was.

Mit 8,7 Megapixeln und einer Pixeldichte von 3.552 mal 2.448 können zwar auch andere Hersteller mithalten. Doch es sind die Details, die zählen. So kommt beim Lumia 920 ein spezielles Bauwerk von Carl Zeiss zum Einsatz, das einen optischen Bildstabilisator mitbringt. Die Linsen schwimmen in einer Flüssigkeit im Objektiv und sollen so die Bewegungen des Anwenders ausgleichen. Auch längere Belichtungszeiten sind so möglich. In meinen Tests konnte ich diese Verbesserungen tatsächlich nachvollziehen. In dunkler Umgebung half mir die längere Belichtungszeit, Fotos auch ohne Blitz zu machen, auf denen ich auch noch etwas erkennen konnte. Andere Smartphones lassen mich hier häufig im Stich. Und auch die Videos wackelten weniger, als ich es von anderen Telefonen gewohnt bin.

Fazit

Es gäbe noch einiges über das Lumia zu schreiben. Zum Beispiel könnte ich erzählen, dass man das Lumia 920 auch mit Fingernägeln und Handschuhen bedienen kann. Oder dass die Akku-Laufzeit, die von Nokia mit 460 Stunden im Stand-By-Modus und mit 74 Stunden bei Musikwiedergabe angegeben wird, nur unter bestimmten Voraussetzungen erreicht werden kann. (Mich hat der Akku bei normalem Gebrauch ohne Probleme durch den Tag gebracht.) Und dass mir die installierten Karten-Apps tatsächlich recht gut gefallen haben. Aber dann käme ich nie zum Ende.

Darum fasse ich mich zum Schluss ganz kurz. Nokia ist es gelungen, ein schickes Smartphone auf den Markt zu bringen, das mit seinen Funktionen überzeugen kann und in bestimmten Punkten die Konkurrenz sogar alt aussehen lässt. Die Kamera dürfte ohne Frage die beste sein, die man derzeit in einem Smartphone finden kann. Und wer die Karten-App von Apple leid ist, der dürfte beim Lumia ebenfalls glücklich werden.

Aufstieg und Fall von Nokia

Associated Press

Eine uneingeschränkte Kaufempfehlung kann ich trotzdem nicht aussprechen. Dafür ist das Software-Angebot im Windows Phone Store im Vergleich zur Konkurrenz von Google und Apple einfach noch viel zu klein. Instagram? Dropbox? Youtube? Spotify? Tweetbot? Vieles sucht man vergeblich. Allerdings habe ich von einigen Entwicklern gehört, dass Microsoft derzeit die Runde macht und sein Scheckheft zieht, um besonders populäre Apps auch in den Windows Phone Store zu bringen.

Bis es jedoch soweit ist, heißt es abwarten – wenn einen der Preis nicht abschreckt. Denn der bewegt sich ungefähr auf dem Niveau des iPhones. Bei Vodafone zum Beispiel kostet das Gerät im billigsten Tarif 250 Euro. Ohne Vertrag gibt es das Lumia 920 bei Amazon momentan für 649 Euro.

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