• The Wall Street Journal

Fußball-Tickethändler Viagogo am Scheideweg

    Von THOMAS MERSCH und STEFAN MERX

Steve Roest ist Jäger und Sammler. Der Manager der Ticketbörse Viagogo hat es auf die Unterschriften deutscher Vereinsbosse abgesehen. Seit Monaten besucht der smarte Londoner die Geschäftsstellen der Fußball-Bundesligisten, schlägt Deals rund um die begehrten Karten vor – und kommt immer öfter mit unterzeichneten Partnerschafts-Verträgen zurück. Wo Roest Erfolg hatte, ist hinterher eines sicher: aufgebrachte Fans.

Beim Hamburger Sport-Verein hatte Roest Erfolg – ein Zweijahresvertrag wurde im September unterschrieben. 1.500 Tickets pro Spiel lässt der Traditionsverein über Viagogo vermakeln, zum bis zu doppelten Preis zuzüglich Gebühren. „Wir sind glücklich, die Mehrheit der Fans ist glücklich, der HSV ist glücklich", so Roests exklusive Deutung zwei Monate nach dem Start. Sein Unternehmen kassiert 25 Prozent Provision an jeder Transaktion.

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Viagogo-Chef Steve Roest polarisiert den deutschen Fußball: Fans sehen in dem Zweitmarkt für Tickets eine Legalisierung des Schwarzmarkts.

Die Wahrheit ist: Bis auf Roest wirkt niemand glücklich, wenn plötzlich normale Sitzplatzkarten wie beim letzten Heimspiel gegen den FC Bayern München für 222 Euro im Umlauf sind. Zahlreiche empörte Fans hängten Banner gegen „Vianogo" auf, mit bereits 6.000 gesammelten Unterschriften will die Fanvereinigung „Chosen Few" den HSV-Vorstand zum Umdenken bewegen. „Wir fordern eine schnellstmögliche Kündigung der Verträge und die sofortige Beendigung der Zusammenarbeit", ließen die Protestler den Klubvorstand in einem offenen Brief wissen. Die Antwort? „Bisher keine", sagt Mitinitiator Johannes Liebnau. „Es ist im hohen Maße unsozial und rückgratlos, was der Verein da zulässt. Unter HSVern schickt es sich nicht, sich gegenseitig das Geld aus der Tasche zu ziehen. Es macht die Leute richtig sauer – quer durch den Verein", sagt Unterschriftensammler Liebnau.

Die Preisspirale dreht sich

Roests Modell zum Geldverdienen ist einfach: Bereits verkaufte Eintrittskarten werden auf der Viagogo-Internetseite mit dem Segen des Partnervereins erneut gehandelt – und die Preisspirale dreht sich. Ein Limit ziehen die Viagogo-Vereine oft erst beim doppelten Nennwert ein. Faktisch machen die Klubs so ganz freiwillig ihre Eintrittskarten zu Spekulationsobjekten.

Unter Vertrag

Auch die einst mit Bedacht günstig in Umlauf gebrachten Karten werden bei Spitzenspielen auf dem Internet-Schwarzmarkt zu kleinen Wertpapieren. Ob nur Fans weiterverkaufen, bleibt offen. Strohmänner könnten im großen Stil Karten erwerben, um die von den Vereinen abgenickten Mitnahmeeffekte auszunutzen. Die Fußballklubs verdienen mit. Roest ködert mit Garantiesummen und Beteiligungen an den Überschüssen. Beim HSV sind dies nach Darstellung der „Bild"-Zeitung 800.000 Euro Garantiesumme und eine 85-prozentige Beteiligung am Mehrerlös.

Für den Unternehmensberater Liebnau ist das Verhalten seines Lieblingsvereins schamlos und empörend: „Wenn der Schwarzmarkt legitimiert wird, berührt das existenziell die deutsche Fankultur", sagt der einflussreiche Fan, der auch als Einsänger mit dem Megafon ein Wortführer ist.

Ein entsprechendes Kündigungsbegehren könnte von Mitgliedern oder durch das HSV-Organ Supporters Club (SC) auf der Mitgliederversammlung am 13. Januar eingebracht werden. Die SC-Abteilung vertritt 63.000 Mitglieder. HSV-Vorstand Joachim Hilke droht ein wachsender Imageschaden, er spricht von einem laufenden Prozess und lehnt eine Wasserstandsmeldung auf Nachfrage des Wall Street Journal Deutschland ab. „Zu Viagogo: Kein Kommentar."

Nach Begeisterung klingt es bei der HSV-Spitze aber nicht mehr. Vorstandschef Carl-Edgar Jarchow sagt im Gespräch, die Viagogo-Partnerschaft sei „keine Liebesheirat" gewesen, der Klub brauche das Geld. Roest will das nicht kommentieren, um den Graben nicht größer werden zu lassen.

Borussia Dortmund sagt deutlich Nein

Das Thema polarisiert auch andernorts. Der von den HSV-Vorgängen alarmierte Nachbar FC St. Pauli beschloss Anfang der Woche eigens eine Satzungsänderung, um Zweitmarktanbieter auszuschließen. Und Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer des Meisters Borussia Dortmund, macht deutlich, dass sich der BVB auf einen Viagogo-Deal nicht einlassen werde. „Wir machen es nicht, es entspricht nicht unserer Philosophie", sagt Watzke. „Am Ende werden die Karten einfach zu teuer." Man wolle nicht auf der einen Seite Kartenverkäufe über Ebay verfolgen, aber andererseits eine solche Plattform bedienen. „Dass man es sich auf Seiten von Viagogo hätte vorstellen können, ist klar, denn wir haben das am höchsten frequentierte Stadion in Deutschland", sagt Watzke.

Roest interpretiert die BVB-Absage mit tapferer Vorneverteidigung: „Herr Watzke hat nicht ausgeschlossen, in Zukunft mit Viagogo zu arbeiten."

Mit seiner hartnäckigen Expansionspolitik steht Viagogo momentan am Scheideweg. In welche Richtung kippt der Dominostein HSV? Folgt dem Einstieg schnell ein Ausstieg wie bereits beim FC Bayern? Der Rekordmeister hat mit Rücksicht auf Fanproteste angekündigt, den bestehenden Viagogo-Vertrag zum Ende der Saison 2013/14 auslaufen zu lassen und an einem eigenen Konzept für ein Weiterverkaufsportal mit fairen Preisen zu arbeiten. Dabei kommt es Viagogo nicht auf die Augsburgs und Hoffenheims der Liga an – gerade Zuschauermagneten wie Bayern, Dortmund, Schalke muss Roest knacken. Dort, wo die verfügbaren Plätze am stärksten überbucht sind, können Ticketschieber die besten Margen erzielen.

Optimist Roest gibt sich zuversichtlich, dass dem jüngsten Neuzugang Hoffenheim bald weitere Vereine folgen werden – auch in anderen europäischen Topligen. Der VfB Stuttgart gilt nach Informationen des Wall Street Journal Deutschland ebenso wie der AC Mailand als Kandidat für eine demnächst bekanntzugebende Partnerschaft. „Es ist wahrscheinlich, dass in Zukunft die Vereine, die nicht mit uns arbeiten wollen, in der Minderzahl sein werden", sagt Roest.

Die Stadien der Bundesliga

Tab59 CC 2.0/flickr

Wer nicht mit Viagogo kooperiert, wie Dortmund oder Schalke, kann seine Fans nicht behüten. Im Gegenteil – die Karten werden zu ungedeckelten Preisen bei Viagogo zum Verkauf angeboten, die Fans leiden verstärkt. Eine Provokation, und je nach Penetrationsgrad der Ticketbörse möglicherweise auch ein Argument, doch noch einzusteigen. Erste Vereinsmanager fragen sich: Was passiert, wenn Viagogo das Ticketing der ganzen Liga und später des gesamten europäischen Spitzenfußballs kontrolliert? Eine Kanalisierung des übrigen Schwarzmarktes führt Roest als wünschenswerten Effekt an. Doch der Preis ist hoch, ihn zahlen die Fans.

Viagogo kassiert doppelt ab

Viagogo kassiert kräftig an beiden Enden: Der Verkäufer zahlt dem Unternehmen zehn Prozent des Preises, der Käufer sogar 15 Prozent. Viagogo ist in 25 Ländern präsent. Pro Jahr wechseln Tickets – auch etwa für Konzerte - im Wert von bis zu einer halben Milliarde Euro auf Viagogo-Systemen den Besitzer.

Mit jedem neuen Partner wächst Viagogos Marktmacht, es geht um eine Monopolstellung im europäischen Fußball. Vergleichbare Zweitmarktbörsen wie Seatwave oder Stubhub sollen über die offiziellen Partnerschaften vom Markt ferngehalten werden. Gerade zur Ebay-Tochter Stubhub, einst mitgegründet vom heutigen Viagogo-Chef Eric Baker, pflegt man eine angespannte Beziehung.

„Rechtlich operiert Viagogo in einer absoluten Grauzone, die Legalität ist nicht geklärt", sagt der Rechtsanwalt Jan Räker, früher Justiziar des HSV, heute tätig in der Kanzlei Prinz Neidhardt Engelschall. Schwer zu beweisen sei der sogenannte unlautere Schleichbezug von Tickets, bei dem der Verein einen Unterlassungsanspruch hätte. Kauft Viagogo selber Tickets, um sie über dem Nennwert zu verkaufen? Dies konnte bislang nie bewiesen werden.

Mehr Transparenz ist im deutschen Rechtsrahmen kaum zu erwarten. Zwar hat der englische Rugbyverband Viagogo letztinstanzlich mit einem Spruch des Supreme Court dazu gezwungen, die Namen von Verkäufern von Rugbytickets preiszugeben – und damit an einer empfindlichen Stelle getroffen. „Doch eine solche Klage würde in Deutschland wohl keinen Erfolg haben", sagt Räker. „Ein Leistungsschutzrecht für Sportveranstalter wäre eine gute politische Lösung. Würde sich der Bundestag dazu durchringen, könnte man bei einer entsprechenden Gestaltung auch den Online-Schwarzmarkt wirksam unterbinden."

DFB versteht bei Tickets keinen Spaß

Noch ein kräftiger Akteur könnte sich klar gegen die Ticketschieber positionieren: Der Deutsche Fußball-Bund. Immerhin stellt Viagogo auch im großen Stil Karten für Spiele der Fußball-Nationalmannschaft ein – auf bizarre Weise sogar für Spiele, deren Vorverkauf nicht einmal begonnen hat. Beispiel WM-Qualifikationsspiel am 26.3.2013 in Nürnberg gegen Kasachstan: Obwohl der DFB die Karten noch nicht anbietet, stehen bei Viagogo schon 1.817 Tickets zum Kauf bereit (Stand 29.11.12). Selbst VIP-Karten für netto 1.029 Euro das Stück bietet Viagogo feil – geschmückt mit einem Foto von Nationalspielern und „Ticketgarantie" kommt die Offerte ganz offiziell daher.

Der Verband versteht an dieser Stelle kaum Spaß: „Der Deutsche Fußball-Bund hat sich mit dieser Thematik bereits intensiv beschäftigt und steht dem Weiterverkauf von Eintrittskarten zu gewerblichen und kommerziellen Zwecken sehr kritisch gegenüber", sagte DFB-Mediendirektor Ralf Köttker dem WSJ. „Dementsprechend wird ein solcher Weiterverkauf nach unseren gültigen Allgemeinen Ticket-Geschäftsbedingungen für Spiele der Nationalmannschaft und die Endspiele im DFB-Pokal untersagt." Ein Grund: „Dieser Zweitmarkt konterkariert die vom Verband praktizierte sozial verträgliche Preispolitik", sagt Köttker. Auch das Thema Fan-Sicherheit ist beim Zweitmarkt zu bedenken, wenn Tickets so in die Hände von Personen mit Stadionverbot gelangen.

Im Fall Viagogo lässt der Fußballverband bisher keine Sanktionen folgen. Steve Roest lehnt sich weit aus dem Fenster – und liebäugelt sogar mit einer DFB-Liaison. „Wir streben eine Partnerschaft mit jedem an, auch mit dem DFB. Wir werden in der nächsten Zeit mit dem DFB sprechen und hoffen, dass der DFB einer unser Partner werden wird", kündigt Roest an. Ob er in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise sehr willkommen ist, darf bezweifelt werden.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Mehr zu Viagogo

Lese Sie ein Interview mit Steve Roest auf jp4sport.biz.

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