• The Wall Street Journal

Investoren entdecken Spanien und Italien neu

    Von TOMMY STUBBINGTON

Die Anleihen von Spanien und Portugal, die als wichtige Barometer für Zustand der Eurozone gelten, haben eine Rally hingelegt, nachdem sich Griechenlands Gläubiger Anfang der Woche auf einen Plan zur Reduktion der Schulden des Landes geeinigt haben. Dies hat den Anlegern eine zentrale Sorge genommen, die monatelang auf den Märkten gelastet hatte.

Der neue entfachte Enthusiasmus der Anleger zeigte sich am Donnerstag bei der Auktion italienischer Staatsanleihen. Das Land verkaufte fünf- und zehnjährige Bonds mit der niedrigsten Rendite seit zwei Jahren. Gleichzeitig sank die Rendite spanischer Anleihen am Sekundärmarkt auf den niedrigsten Stand seit März. Anleiherenditen laufen entgegengesetzt zu den Kursen.

Reuters/Andrea Comas

Bondauktion in Madrid: Spanien konnte in den vergangenen Wochen mehrfach erfolgreich Anleihen ausgeben.

Positiv wirkt neben der Griechenland-Einigung nach wie vor die Ankündigung der Europäischen Zentralbank aus dem Juli, dass sie in den Markt eingreifen würde, um die Refinanzierungskosten der Staaten niedrig zu halten.

Die neue Stabilität am Anleihemarkt nutzen Investoren auch, um Bonds zu kaufen, die mehr abwerfen als ultrasichere Bundesanleihen. Zehnjährige italienische Staatstitel werfen immer noch drei Prozentpunkte mehr Rendite ab als deutsche Papiere mit gleicher Laufzeit. Bei spanischen Papieren mit ähnlicher Fälligkeit beträgt der Risikoaufschlag sogar fast vier Prozentpunkte.

„Es wird ein langer Prozess"

„Wenn die Marktbedingungen so bleiben wie sie sind, bieten spanische und italienische Anleihen attraktive Erträge", sagt Valentijn van Nieuwenhuijzen, Leiter Asset Allocation bei ING Investment Management. Das Unternehmen verwaltet rund 20 Milliarden Euro in verschiedenen Anlageklassen.

Seit Juli, als EZB-Präsident Mario Draghi versprach, zu tun „alles Notwendige" zu tun, um den Euro zu retten, hat Nieuwenhuijzen in seinen Anleiheportfolios spanische und italienische Papiere stärker gewichtet, als das in großen Anleiheindizes der Fall ist. Die EZB hat versprochen, Schulden von finanziell angeschlagenen Staaten zu kaufen, um ihre Refinanzierungskosten zu senken. Voraussetzung: Die Staaten haben offiziell um Hilfe durch den europäischen Rettungsschirm gebeten.

„Wir sind optimistisch für spanische und italienische Anleihen und warten auf bessere Einstiegskurse, um unsere Anteile aufzustocken", sagt Nick Griffiths, Leiter des globalen Zinsbereichs bei Legal & General Investment Management. „Es wird ein langer Prozess, aber wir haben weiter Vertrauen in die Fähigkeit europäischer Politiker, dann einzuschreiten, wenn die Zeiten schwierig sind."

Das wieder erwachende Interesse ausländischer Investoren flankiert die Käufe spanischer und italienischer Banken, die kontinuierlich große Mengen an Staatsanleihen in ihre Bestände genommen haben.

Bei der Auktion am Donnerstag verkaufte Italien Anleihen mit Laufzeit bis 2017 mit einer Rendite von 3,23 Prozent, der niedrigsten seit Oktober 2010. Papiere mit Laufzeit bis 2022 emittierte das Land mit einer Rendite von 4,45 Prozent. So gering waren die Refinanzierungskosten bei zehnjährigen Bonds zuletzt im November 2010.

„Das gute Ergebnis ist vor allem deswegen bedeutend, weil beide Anleihen außerhalb der maximalen Laufzeit von drei Jahren liegen", sagt Lyn Graham-Taylor, Anlagestrategin der Rabobank. Anleihen mit Laufzeiten über drei Jahren fallen nicht unter das Anleihekaufprogramm der EZB.

Renditen werden im Frühjahr wieder steigen

Von der guten Stimmung am Anleihemarkt profitieren auch andere Länder: Die Rendite zehnjähriger belgischer Staatsanleihen fiel am Donnerstag auf den tiefsten Stand seit Einführung des Euro und auch französische Renditen liegen nur um Haaresbreite über ihrem Rekordtief.

Im Sommer hatte das noch ganz anders ausgesehen: Die Rendite spanischer Zehnjahresanleihen stieg in der Spitze auf 7,67 Prozent, italienische Bonds rentierten zeitweise mit bis zu 6,67 Prozent, weil Anleger an der Fähigkeit der Regierungen zweifelten, ihre Schulden zurückzuzahlen.

Ganz verschwunden sind diese Sorgen trotz des jüngsten Nachfrageschubs nicht. Viele Investoren gehen davon aus, dass die Herausforderungen im nächsten Jahr wieder auftauchen. Die jüngste Rally könnte dann wieder kippen.

ING-Experte van Nieuwenhuijzen geht davon aus, dass die spanischen Renditen irgendwann Anfang 2013 wieder steigen werden, was Spanien womöglich doch dazu zwingen könnte, unter den europäischen Rettungsschirm zu schlüpfen. Bisher lehnt das Land einen solchen Schritt ab. Scott Thiel, Leiter der europäischen und weltweiten Anleihesparte bei Blackrock, glaubt, dass die Vorbereitungen hierfür bereits laufen und ein offizielles Hilfsgesuch in „nicht zu ferner Zukunft" gestellt werde.

Sollte Spanien tatsächlich um Hilfe bitten, würde es den Weg für die EZB frei machen, spanische Anleihen am Sekundärmarkt zu kaufen, was die Renditen drücken dürfte.

Spanien muss 2013 Rekordvolumen platzieren

„Es ist keine triviale Angelegenheit für die spanische Regierung", sagt Thiel, der rund 100 Milliarden Dollar an Anleihevermögen verwaltet. Das Land müsste ein Hilfsgesuch zu seinen Bedingungen vorbringen, um in der Bevölkerung die Akzeptanz für die Sparmaßnahmen zu erreichen, die mit der Hilfe einhergehen müssen. Allerdings warnt er, dass die Geduld der Anleger mit dem Land nachlassen dürfte, je länger sich der Prozess ins nächste Jahr hineinzieht.

Spaniens Wirtschaft steckt in der Rezession fest und die Finanzen der Regionen sind in einem prekären Zustand. Das staatliche Haushaltsdefizit bläht sich dadurch immer weiter auf. Ohne Unterstützung der EZB, könnte es für Spanien schwierig werden, die Anleihen am Markt loszuwerden, die es zum Stopfen der Lücke braucht.

Die UBS sagt voraus, dass Spanien 2013 ein Rekordvolumen von 123,5 Milliarden Dollar am Markt platzieren muss – ein deutlicher Anstieg von den erwarteten 105 Milliarden Euro in diesem Jahr. Eine Schuldenaufnahme in dieser Höhe könnte die spanischen Renditen wieder in Richtung ihrer Hochs aus dem Juli treiben, warnen die Zinsstrategen der Bank in einer Studie. Dies berge die Gefahr, dass Spanien den Zugang zum Markt komplett verliere.

Und auch einer der Haupttreiber der jüngsten Rally – der Schuldendeal für Griechenland – wirft weiter Fragen auf. Eines der zentralen Elemente des Maßnahmenpakets, ein Programm zum Rückkauf von Anleihen, setzt voraus, dass Griechenland seine Gläubiger überzeugen kann, die Anleihen mit einem happigen Abschlag auf den Nennwert zurückzugeben. Dass die Griechen genügend Anleihebesitzer dazu überreden können, ist nicht sicher. Sollten sie scheitern, könnte dies das gesamte Paket ruinieren – und die Renditen europäischer Staatsanleihen erneut auf die Reise nach oben schicken.

—Mitarbeit: Emese Bartha

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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