• The Wall Street Journal

Die Last mit den Nacht-und-Nebel-Zahlen

    Von VERONIKA GULYAS

BUDAPEST - Während die Uhrzeiger langsam auf Mitternacht zu kriechen, sitzt Aktienanalyst Gergely Gabler in seinem Schlafanzug an einem kleinen Schreibtisch in seinem Schlafzimmer und wartet. Um kurz nach zwölf wird er plötzlich aktiv und wertet die gerade veröffentlichte Bilanz der größten Bank Ungarns aus.

Bloomberg

In Ungarn veröffentlichen börsennotierte Unternehmen wie die OTP Bank ihre Zahlen in der Regel kurz nach Mitternacht.

Während der nächsten zwei Stunden arbeitet Gabler an dem Bericht über die OTP Bank und schläft dann etwa dreieinhalb Stunden. Denn um sieben Uhr muss er schon wieder vor den Kunden seiner Firma, dem ungarischen Brokerhaus Equilor Investments, Rede und Antwort über die OTP Bank stehen.

Für Analysten und Finanzjournalisten in Ungarn ist es eine vierteljährliche Tradition, sich die Nacht um die Ohren zu schlagen. Die großen börsennotierten Unternehmen des Landes veröffentlichen alle ihre Quartalsergebnisse spät in der Nacht, wenn die Börsen in New York geschlossen sind und lange bevor die in Europa öffnen.

„Ich bin eine Nachteule, also macht es mir nichts aus, lange aufzubleiben", sagt Gabler. Schwieriger sei es, am nächsten Tag aus dem Bett zu kommen. An dem Morgen trinkt Gabler eine Dose Hell, ein koffeinreicher Energy-Drink aus Ungarn, bevor er zur Arbeit geht.

„Wir halten das für eine gute Vorgehensweise"

Die OTP Bank sagt, das Unternehmen veröffentliche seine Ergebnisse eine Minute nach Mitternacht, da die Börse vorschreibt, dass alle Geschäftsberichte außerhalb der Handelszeiten veröffentlicht werden müssen. Dadurch sollen Analysten, Reporter und Anleger genug Zeit zum Auswerten haben, bevor sie reagieren müssen.

Das größte Energieunternehmen Ungarns, der Ölproduzent MOL, und der Pharmariese Richter Gedeon, veröffentlichen ihre Ergebnisse ebenfalls um kurz nach Mitternacht Ortszeit, was in New York etwa sechs Uhr abends ist.

Finanzzeitungen versuchen, schon kurze Zeit später Artikel über die Quartalsergebnisse online zu stellen, während Analysten ihre Berichte fertig haben wollen, bevor ihre Kunden aufwachen.

„Wir halten das für eine gute Vorgehensweise", sagt Domokos Szollar, Sprecher von MOL. Das Unternehmen wolle, dass sich die Märkte mit den Quartalsergebnissen auseinandersetzen könnten, bevor das Kaufen und Verkaufen losgeht. „Analysten und Anleger sind daran gewöhnt, also werden wir daran nichts ändern", sagt er.

Auch wenn sich Analysten an diesen Tagesablauf gewöhnt haben, heißt das nicht, dass sie ihn angenehm finden. An den Tagen, an denen Quartalsergebnisse veröffentlicht werden, steht der 31-jährige Attila Gyurcsik um zwei Uhr morgens auf und schleicht sich leise aus dem Haus, damit er seine Frau nicht aufweckt. Dann geht er in sein Büro beim Broker Concorde Securities. „Das geht gegen jeden normalen Tagesablauf", sagt Gyurcsik.

Trotzdem arbeitet er lieber im Büro als zu Hause, auch wenn das bedeutet, mitten in der Nacht aus dem Haus zu gehen. „Ich habe gerne die Infrastruktur zur Verfügung – die beiden Bildschirme und die Tabellen", sagt er.

Nachdem er um sieben Uhr seinen Bericht veröffentlicht hat, berichtet Gyurcsik vor Eröffnung der Märkte an die Händler und Kunden des Unternehmens und bereitet sich dann auf die Telefonkonferenzen vor, bei denen Unternehmensvertreter die Ergebnisse mit den Analysten besprechen.

„Für einen solchen Tag braucht man Durchhaltevermögen", sagt Gyurcsik. „Wir haben nicht einmal ein Sofa im Büro."

In Polen lief die Finanzpresse Sturm gegen späte Veröffentlichung

Einige Jahre lang veröffentlichten auch die größten polnischen Unternehmen ihre Ergebnisse erst nach Mitternacht. Doch seit sich die Finanzpresse zunehmend darüber beschwert hatte, änderte sich dieser Ablauf. Jetzt veröffentlichen die meisten Unternehmen ihre Ergebnisse am frühen Morgen, bevor die Börsen öffnen.

Einige ungarische Firmen experimentieren jetzt auch damit, ihre Quartalsergebnisse erst morgens zu veröffentlichen. Diesen Monat hat das Telekommunikationsunternehmen Magyar Telekom seine Ergebnisse um sieben Uhr morgens veröffentlicht. Die Firma ist derzeit nicht mehr an der New Yorker Börse gelistet.

Einige Analysten waren darüber begeistert, sagt Linda Laszlo, Leiterin für Investor Relations bei Magyar Telekom. Doch einige beschwerten sich auch, dass sie nicht genug Zeit gehabt hätten, um vor Handelsbeginn die Daten durchzugehen.

Nach der teilweise negativen Rückmeldung erwäge das Unternehmen jetzt, das Vorgehen für die Quartalszahlen wieder zu ändern, sagt Laszlo.

Peter Deaki, Analyst beim Brokerhaus Buda Cash, gehört zu denen, die lieber wieder zur alten Zeit zurückkehren würden. „Ich musste mich beeilen, bevor um acht Uhr ein Meeting begann", sagt Deaki. „Wenn es viele Nachrichten gibt, macht es uns das Leben schwer, wenn die Zahlen erst am Morgen veröffentlicht werden."

Früher wurden die Zahlen per Fax verschickt

Doch egal, zu welcher Uhrzeit die Zahlen erscheinen – der Prozess ist besser als noch vor sechs Jahren. Als Gyurcsik 2006 bei Concorde anfing, verschickte Magyar Telekom seine Zahlen noch um Mitternacht – und per Fax. Es sei schwer gewesen, die unscharfen Zahlenreihen zu entziffern, während man müde mitten in der Nacht am Schreibtisch saß.

Als Ungarn noch damit beschäftigt war, vom Kommunismus auf eine freie Marktwirtschaft umzustellen, mussten Reporter und Analysten mitten in der Nacht vor Zeitungskiosks warten, um eine Ausgabe der offiziellen Gazette zu bekommen, wo börsennotierte Unternehmen ihre Ergebnisse veröffentlichten. Diese Praxis wurde 2001 eingestellt.

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