• The Wall Street Journal

USA verschärfen Gold-Streit mit der Türkei

    Von JOE PARKINSON und JAY SOLOMON
Reuters

Öltanker im Bosporus: Die Türkei bezieht große Teile ihres Öl- und Gasbedarfs aus dem Iran.

ISTANBUL – Washington und Ankara befinden sich auf einem Kollisionskurs. Grund dafür sind die steigenden Goldverkäufe aus der Türkei in den Iran. Der US-Kongress und das Finanzministerium fordern, dass dieser Handel eingestellt wird. Sie glauben, dass Teheran im Gegenzug für das Gold Erdgas exportiert und so die Sanktionen des Westens umgeht.

Am Freitag beschloss der US-Senat eine Verschärfung der Sanktionen gegen den Iran, die vor allem auf den Schiffsbau und den Seehandel des Landes zielen. Auch die Ausfuhr von Edelmetallen wie Gold in den Iran wäre dabei verboten. Die Sanktionen dürften schon bald auch vom Repräsentantenhaus abgesegnet werden. Im Sommer hatte Präsident Barack Obama das Finanzministerium bereits dazu ermächtigt, Sanktionen gegen ausländische Unternehmen oder Individuen zu erheben, die Teheran dabei helfen, an US-Dollar oder Edelmetalle zu gelangen.

Am Freitag veröffentlichte Daten zeigen, dass die Goldexporte der Türkei im Oktober auf einem hohen Niveau blieben. Das deute darauf hin, dass Ankara mit dem Metall weiterhin für Gas aus dem Iran bezahlt und die Sanktionen umgeht. Wie aus zahlen der türkischen Statistikbehörden vorgeht, stiegen die Goldexporte im Oktober auf 1,2 Milliarden US-Dollar – 14 Mal so viel wie im Vorjahr. Damit liegt die Gesamtsumme im laufenden Jahr bei dem rekordwert von 12 Milliarden Dollar. 2011 waren es insgesamt nur 1,2 Milliarden.

Angespanntes Verhältnis zu den USA

Die Türkei hatte in der vergangenen Woche eingestanden, dass die Goldexporte mit Einfuhren von iranischem Erdgas zusammenhängen. Es ist nur ein Beispiel dafür, wie kreativ Teheran wird, wenn es darum geht, die Sanktionen des Westens gegen das umstrittene Nuklearprogramm des Landes zu umgehen. Die Sanktionen haben das Land fast komplett vom Weltfinanzsystem abgeschnitten.

Die größten Goldreserven der Welt

Die nun verschärften Sanktionen könnten für Zündstoff zwischen Washington und Teheran sorgen – und das zu einem Zeitpunkt, zu dem die Region ohnehin einem Pulverfass gleicht. Gleichzeitig droht der Türkei auch eine Säule ihres Wirtschaftswunders wegzubrechen, bei dem die Handelsbilanz besser ausbalanciert, das Vertrauen der Anleger erhöht wurden und die Investitionen sprudeln ließ.

„Das türkische Goldgeschäft ist eine Lebensader für den Iran. Die USA scheinen jetzt entschlossen, diese abzuschneiden", sagt Atilla Yesilada von Global Source Partners aus Istanbul: „Dieser Handel schönt definitiv unsere Wirtschaftsdaten, so dass wir für Anleger attraktiver aussehen. Er macht die Türken aber weder reicher noch schafft er Arbeitsplätze."

Das Verhältnis der Türkei zu den USA ist ohnehin angespannt. Ankara hat die Nato um die Stationierung von Patriot-Raketen an seiner Grenze gebeten, nachdem man vom mangelnden Engagement Washingtons im Bürgerkrieg dort enttäuscht war. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan stellte sich im Gazakonflikt im November klar hinter die palästinensische Hamas und bezeichnete den US-Verbündeten Israel als „Terroristenstaat".

Analysten sagen, dass die USA die Leine im Fall Türkei bisher locker gelassen haben, weil sich das Land im Arabischen Frühling als wichtiger Verbündeter im Nahen Osten erwiesen hat. Durch den Sturz zahlreicher autoritärer Regime haben die USA viel an Einfluss in der Region verloren.

Türkei zahlt für Gas in türkischer Lira

Aus der türkischen Politik kamen in dieser Woche sowohl trotzige als auch versöhnliche Töne. Wirtschaftsminister Zafer Caglayan sagte am Mittwoch, dass die Türkei auch weiter Gold exportieren werde, egal was die USA dazu sagten. Energieminister Taner Yildiz betonte dagegen am Donnerstag, dass es Gespräche mit US-Vertretern gebe und dass er mit „keinem Konflikt" rechne.

Die Türkei hatte im März damit begonnen, große Mengen Gold direkt in den Iran zu exportieren. In diesem Monat wurde Teheran vom weltweiten Überweisungssystem Swift abgekoppelt. Damit kann der Iran de facto keine internationalen Transaktionen mehr tätigen. Analysten sagen, dass die Türkei das Geschäft bewusst aus der Öffentlichkeit gehalten hat, um Washington nicht zu provozieren. Die USA sind die Vorreiter im Kampf gegen das vermeintliche nukleare Waffenprogramm des Iran. Teheran betont, dass die Nuklearanlagen nur zu friedlichen Zwecken verwendet werden.

Der Iran liefert 18 Prozent des Erdgas- und 51 Prozent des Ölbedarfs der Türkei. Seit USA und Europäische Union die Zahlung von Dollar oder Euro an Teheran verbieten, zahlt Ankara in türkischer Lira. Die Währung ist zwar nur eingeschränkt tauglich, um auf den internationalen Märkten Waren einzukaufen – aber ideal dafür, türkisches Gold zu erwerben.

Teheran hat bereits mehrere Alternativen gefunden, wie es sich für Energieexporte bezahlen lässt. Neben Gold sind das etwa der chinesische Yuan oder indische Rupien. Das Geld benötigt das Land, um seine steigenden Lebensmittelkosten zu decken.

Solides Wachstum und striktere Geldpolitik

Die Daten vom Freitag zeigen auch, dass sich das Goldgeschäft in den vergangenen Monaten diversifiziert hat. Die direkten Goldexporte in den Iran sanken zwar von 18 Millionen Dollar im September auf gut 13 Millionen im Oktober. Im Sommer waren es monatlich noch mehr als eine Milliarde Dollar. Immer mehr Gold geht aber nach Dubai. Im Oktober waren es bereits 500 Millionen Dollar. Goldhändler und Ökonomen sagen, dass dieses Gold fast ausschließlich für den Iran bestimmt ist. Auch über die Schweiz könnte Gold geleitet werden, denn das Land hat die EU-Sanktionen gegen den Goldhandel mit dem Iran nicht unterzeichnet. Die Exporte in die Türkei stiegen im Oktober um fast das Vierfache auf 460 Millionen.

Die Goldexporte haben für die Türkei auch den Vorteil, dass sie ihre Leistungsbilanz aufbessern – üblicherweise der Schwachpunkt eines Schwellenlandes. Solides Wachstum und eine striktere Geldpolitik haben dem Land geholfen, seine Wirtschaft ins Gleichgewicht zu bringen. Im Oktober wurde das mit der Einstufung der Staatsanleihen in die Investmentklasse belohnt. Aber Volkswirte sagen, dass auch das Goldgeschäft dabei geholfen hat: Es soll 7 Prozent oder etwa 4 Milliarden der 56 Milliarden Dollar großen Bilanzlücke geschlossen haben.

„Die Türkei hat erfolgreich eine weiche Landung hingelegt, aber die Marktsicht ist auch durch den Goldhandel positiv beeinflusst worden", sagt Nilufer Sezgin, Chefvolkswirt für die Türkei bei Erste Securities. „Wenn die Goldexporte plötzlich wegbrechen, würde ich erwarten, dass sich das Bilanzdefizit zum Ende des Jahres wieder vergrößert.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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