• The Wall Street Journal

Die Kompaktkameras haben ausgedient

    Von DAISUKE WAKABAYASHI

Reeling from a 42% drop in shipments in the first five months of 2013, camera makers are scrambling to adapt their devices for social media. The WSJ's Juro Osawa speaks with Daisuke Wakabayashi about the future of the most-threatened market segment: compact cameras.

Die digitale Kompaktkamera ist auf dem schnellen Weg ins Völkerkundemuseum. In den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres sind die weltweiten Auslieferungen um 42 Prozent eingebrochen, teilte der Tokioter Branchenverband Camera and Imaging Products Association mit. Kamerahersteller sehen sich mit einer existenzgefährdenden Verhaltenswende konfrontiert: Wer heute schnell ein Bild knipsen will, greift zu seinem Smartphone und präsentiert den Schnappschuss anschließend seinen Freunden in sozialen Netzwerken wie Facebook und Instagram.

Einige der größten Kamerabauer wie Fujifilm Holdings und Panasonic sind bereits dabei, ihre Produktlinien auszudünnen und ihre Angebotspalette an die neue Situation anzupassen. Einige Hersteller wollen sich stärker auf hochklassige Fotoapparate verlegen, denn die klassische Kompaktkamera wird rasend schnell zum Ladenhüter.

Canon hat in der vergangenen Woche den Gewinnausblick für das Gesamtjahr um zehn Prozent zurückgeschraubt und dabei auf den nachlassenden Kamera-Absatz verwiesen. So dramatisch verläuft der Niedergang des Marktes, dass Canon zudem gezwungen war, zum zweiten Mal innerhalb von nur drei Monaten die Aussichten für seine digitalen Kompaktkameras nach unten zu revidieren.

"Jeder in der Branche nimmt wahr, dass sich der Markt dreht", sagt Hiroshi Tanaka, Vice President von Fujifilm, der Nummer fünf unter den Fotoproduzenten. "Die Frage ist nur, was wir da machen können."

Associated Press

Besucher des Vatikans machen am 13. März Fotos mit ihren Smartphones und Tablets vom neu gewählten Papst.

Fujifilm plant, die Produktpalette zu halbieren, die im vergangenen Jahr noch zwanzig Modelle umfasst hatte. Die Firma will weniger Billigapparate anbieten und dafür das Premium-Segment ausbauen. Panasonic kürzt die Zahl der Einstiegsmodelle. Insgesamt will das Unternehmen in den kommenden drei Jahren die Fixkosten im Kamerageschäft um 60 Prozent senken.

Auch Olympus streicht die Zahl seiner Modelle zusammen. Die billigsten Geräte im Angebot würden aussortiert, teilte die Firma mit. Die Nummer sieben der Kamerahersteller hatte im vergangenen Geschäftsjahr im Bildgebungsgeschäft einen Verlust über 23 Milliarden Yen oder umgerechnet etwa 235 Millionen Dollar erlitten. Für das laufende Geschäftsjahr, das im März zu Ende geht, rechnet das Unternehmen damit, weltweit nur noch 2,7 Millionen Geräte auszuliefern. Das wären nur noch halb so viele wie im vergangenen Geschäftsjahr.

Der globale Markt für Digitalkameras könnte in diesem Jahr auf bis zu 102 Millionen Apparate zusammenschmelzen. Die Spitze war 2010 mit rund 144 Millionen Geräten erreicht worden, berichteten die Marktforscher von IDC.

1,6 Billionen Bilder im Jahr

Während immer weniger Kameras gekauft werden, schnellt andererseits die Zahl geknipster Fotos exponentiell nach oben. Fujifilm geht davon aus, dass im Jahr 1,6 Billionen Bilder gemacht werden - mit Hilfe von Smartphones, Digitalkameras und anderen Geräten. Während der Blütezeit der Filmkameras, ungefähr um das Jahr 2000 herum, waren dagegen jährlich nur etwa 100 Milliarden Aufnahmen gemacht worden.

"Hier haben wir den klassischen Fall einer Branche, die nicht in der Lage ist, sich auf Veränderungen in der Nutzernachfrage einzustellen", urteilt Christopher Chute, Analyst für digitale Bildgebung bei IDC.

Während es inzwischen gang und gäbe ist, dass viele Gebrauchselektronikgeräte über Wifi mit dem Internet verbunden werden können, führen Digitalkameras in dieser Hinsicht größtenteils immer noch ein isoliertes Dasein. Nur eine von sechs Digitalkameras, die in diesem Jahr ausgeliefert werden, ist mit Wifi ausgerüstet, stellt IDC fest.

Der verheerendste Erdrutsch spielt sich im Kompaktsegment ab. Einfache Automatikfotoapparate dürften sich in diesem Jahr auf 80 Millionen Geräte reduzieren. Vor drei Jahren waren laut IDC noch 132 Millionen Kompaktkameras abgesetzt worden.

Teure Modelle im Fokus der Hersteller

Um für einen Ausgleich zu sorgen, stürzen sich die Hersteller nun auf teure Modelle. Sie verlegen sich auf technische Wunderwerke, deren Vergrößerung des optischen Zooms etwa das Zehnfache überschreitet oder die über größere Sensoren verfügen, die Bilder bei schlechten Lichtverhältnissen und in größerer Detailschärfe hervorbringen können.

Im vergangenen Monat kündigte Sony an, ausgabefreudige Fotoliebhaber mit einer überarbeiteten Version seiner Kompaktkameras im gehobenen Segment locken zu wollen: Die Modelle RX1R und der Vorgänger RX1 umschließen den größten, auf dem Markt erhältlichen Sensor in einem kompakten Gehäuse. Aber wer Hochleistung erwartet, darf nicht knausern. Für beide Modelle sind laut Unternehmenswebsite 3.099 Euro zu berappen. Der durchschnittliche Verkaufspreis für die digitalen Kompaktkameras der Firma ist im ersten Quartal 2013 nach Angaben von Sony um mehr als 20 Prozent geklettert.

Sony ist allerdings in eine Zwickmühle gerutscht. Denn auf der einen Seite ist das Unternehmen zum führenden Anbieter von Bildsensoren aufgestiegen, die in Smartphones eingesetzt werden. Um dem überwältigenden Nachfrageansturm gerecht zu werden, richtet die Firma gerade neue Fertigungslinien ein. Andererseits versetzt gerade die zunehmende Qualität der Sony-Sensoren die Smartphones in die Lage, das eigene Kamera-Geschäft von Sony zu unterhöhlen. Im laufenden Geschäftsjahr erwartet die Firma, dass sich ihre Kamera-Auslieferungen um zwanzig Prozent verringern.

"Spiegellose" Systemkameras

Zudem überfluten die Kameraproduzenten den Markt gerade mit so genannten "spiegellosen" Systemkameras. Genau wie die teuren Spiegelreflexkameras, die von begeisterten Hobby-Fotografen und Profis bevorzugt werden, sind ihre spiegellosen Gefährten mit großen Sensoren und Wechselobjektiven ausgestattet und zaubern qualitativ hochwertige Bilder hervor. Allerdings fehlt ihnen das herkömmliche, auf Spiegel gestützte Suchersystem, so dass das Kameragehäuse schlanker gestaltet werden kann als bei einem Spiegelreflexapparat. Das Segment ist noch klein, wächst aber besonders in Japan schnell.

"Der Markt ist zu stark auf Kompaktkameras ausgerichtet. Das müssen wir ändern", forderte Olympus-Präsident Hiroyuki Sasa in einem Interview. "Das wird allerdings schwierig, weil alle die gleiche Idee verfolgen."

Wenn sich alle Anbieter nun aber im Hochpreissegment des Markts ballen, könnten die Preise fallen und die Gewinnmargen erodieren, warnen Analysten. Der Preiswettbewerb könnte auf den äußerst rentablen Spiegelreflexmarkt übergreifen, der von den zwei größten Kameraproduzenten Canon und Nikon beherrscht wird.

Preis klar vor neuen Funktionsmerkmalen

Der ohnehin schon mit seinem Kompaktangebot kämpfende Anbieter Canon hat jüngst weitere Besorgnis erregende Signale für die Gewinnmargen ausgemacht. Das Unternehmen ließ vergangene Woche wissen, die Kunden würden auch die Anschaffung teurerer Kameras mit Wechselobjektiv hinauszögern. Bei ihnen ginge der Preis klar vor neuen Funktionsmerkmalen. Im Januar war Canon noch von einem Absatz von 17 Millionen digitalen Kompaktgeräten ausgegangen. Im April senkte der Hersteller dann sein Absatzziel für 2013 auf 14,5 Millionen, nur um es in der vergangenen Woche noch einmal auf jetzt 14 Millionen Geräte zurückzunehmen. Auch bei den Zielen für Kameras mit Wechselobjektiv sind die Canon-Manager bescheidener geworden. Nach zuvor angestrebten 9,2 Millionen Apparaten dieser Art rechnen sie jetzt damit, im Jahr 2013 nur noch neun Millionen Stück losschlagen zu können.

Canon werde zwar die Herstellung von Kompaktkameras auf Einstiegsniveau nicht einstellen. Aber die Firma wolle sich verstärkt auf "höherwertige" Modelle verlegen, besonders solche mit einem verbesserten Zoom. Auf diesem Weg hofft das Unternehmen, den sich immer weiter in die Länge ziehenden Zyklus, bis sich die Kunden ein neues Gerät anschaffen, umkehren zu können. Japanische Konsumenten, die sich früher alle drei Jahre einen neuen Fotoapparat gekauft hätten, warteten jetzt fast fünf Jahre ab, bis sie eine Neuanschaffung tätigten, berichtet Mitsuo Matsudaira, der bei Canon für die Kompaktkamerastrategie zuständig ist.

Bilder auf ein Smartphone übertragen

Sein Ziel sei es, mit dem Smartphone zusammenzuarbeiten und nicht, dagegen anzutreten, sagt Matsudaira. Mit der handtellergroßen PowerShot N, einer quadratischen Kompaktkamera, die Canon Anfang des Jahres auf den Markt gebracht hat, lassen sich Bilder ganz einfach auf ein Smartphone übertragen. Gleichzeitig trägt der Apparat dem Gestaltungswillen der Nutzer Rechnung und ermöglicht das Erstellen "kreativer Bilder", bei denen die Originalaufnahme mit Hilfe unterschiedlicher Filter abgewandelt werden kann.

"Früher bestand die Aufgabe einer Kamera ausschließlich darin, schöne Bilder aufzunehmen. Aber dann haben wir beobachten, dass die Leute damit anfingen, ihre Smartphone-Kameras zu nutzen, um Momente festzuhalten und mit anderen zu teilen. Und das Interesse entwickelte sich plötzlich in diese Richtung", stellt Matsudaira fest. "Wir haben nicht die Absicht, mit dem Smartphone zu konkurrieren."

Flaute auf dem Markt für digitale Kompaktkameras

Auch die Zulieferer bekommen die Flaute auf dem Markt für digitale Kompaktkameras zu spüren. Nidec, ein führender Anbieter von Komponenten, die in einer ganzen Reihe von Gebrauchselektronikprodukten verwendet werden, berichtet von einer Tochter, die wegen dieser Schwierigkeiten noch tiefer in die roten Zahlen gerutscht sei. Die Manager der Nidec-Sparte, die Verschlüsse und Objektive fertigt, seien zu zuversichtlich gewesen, dass sich der Kameramarkt wieder erhole, sagt Nidec-Chef Shigenobu Nagamori.

"Ich sagte ihnen, sie sollten sich von dieser Denkweise befreien", berichtete Nagamori in der vergangenen Woche auf einer Pressekonferenz in Tokio. "Ich sage ihnen, dass sie davon ausgehen müssen, dass billige Kameras tot sind. Genau wie die PCs."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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