• The Wall Street Journal

Deutschland spart sich kaputt

Deutsche Unternehmen investieren seit einem Jahr immer weniger

    Von HANS BENTZIEN
Reuters

Stahlwerk in Duisburg: Deutsche Firmen fahren ihre Investitionen in Anlagen und Ausrüstung immer weiter zurück.

Deutschlands Unternehmen investieren immer weniger. Seit einem Jahr fahren sie ihre Investitionen in Anlagen und Ausrüstungen nun schon zurück. Ökonomen führen das unter anderem auf die Unsicherheit über die Zukunft der Eurozone und die hohe preisliche Wettbewerbsfähigkeit zurück. Unterlagert wird diese kurzfristige Schwäche zusätzlich von einem langfristigen Trend, in dem die Investitionen relativ zur Wirtschaftsleistung sinken. Ein Grund ist, dass viele Unternehmen zunehmend im Ausland investieren.

Seit Veröffentlichung der Wachstumsdaten für das erste Quartal 2013 ist klar, dass die deutschen Unternehmen ihre Anlageinvestitionen seit vier Quartalen in Folge zurückfahren. So eine Negativserie hat es zuletzt während der großen Rezession 2009 gegeben. Normalerweise stellen gerade die Investitionen der Unternehmen zusammen mit den Exporten eine verlässliche Wachstumsstütze dar.

David Kohl, Chefvolkswirt Deutschland der schweizerischen Bank Julius Bär, führt die Investitionsschwäche auf die anhaltende Unsicherheit über den Fortgang der Eurokrise zurück: „Die Voraussetzungen für einen Investitionsboom sind eigentlich da: Die Zinsen sind niedrig, die Kreditbedingungen insgesamt freundlich, es hat sich ein gewisser Investitionsstau gebildet. Was jetzt bremst, ist die Unsicherheit wegen der Lage in Europa", analysiert er. Zusätzliche Unsicherheit herrscht seiner Einschätzung nach wegen der im September anstehenden Bundestagswahl.

Produktivität ist nicht erstklassig

„Ich glaube, dass die Investitionen höher wären, wenn wir nicht eine EZB hätten, die Geld druckt und damit eine wirkliche Lösung der Probleme hinauszögert", sagt Alexander Krüger, Chefvolkswirt des Bankhauses Lampe. Auch seiner Einschätzung nach wissen die Unternehmen nicht, was wird, und so lange stellen sie Investitionen zurück. „Das ist im Moment der Hauptbelastungsfaktor", meint Krüger.

Auch Jörg Zeuner, der Chefvolkswirt der staatlichen Förderbank KfW, sieht das so: „Ich bin optimistisch, dass auf Unternehmensseite Investitionen und Investitionsquote wieder steigen werden, wenn wir in der Eurozone das Tief durchschritten haben", sagt Zeuner im Interview mit dem Wall Street Journal Deutschland. Zeuner verweist darauf, dass das Kreditzusagevolumen der KfW bei Langfristfinanzierungen für kleine und mittlere Unternehmen in den ersten vier Monaten des laufenden Jahres über Vorjahresniveau gelegen hat. „Das ist ein positives Signal", sagt er.

Die Unsicherheit über den Kurs Europas führt einerseits dazu, dass die Unternehmen vorsichtig mit Kapazitätserweiterungen sind. Betroffen sind aber auch Investitionen, die die Produktivität der Unternehmen erhöhen könnten. Und die Produktivität deutscher Unternehmen ist nicht so erstklassig, wie man das angesichts ihrer schon notorischen Exporterfolge vielleicht vermuten würde.

„Die deutsche Wirtschaft steht längst nicht so gut da, wie viele derzeit denken. Seit 1999 hat Deutschland einen Investitionsrückstand von rund 1 Billion Euro aufgebaut und dadurch erhebliche Wachstumschancen verpasst", sagt Marcel Fratzscher, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Laut Fratzscher hat die deutsche Volkswirtschaft derzeit eine Sparquote von 24 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Zum Vergleich: Großbritannien hat eine Sparquote von 13 Prozent, die USA von 12 Prozent.

Jobwunder belastet Produktivität

Aber deutsche Ersparnisse seien zu großen Teilen nicht im Inland, sondern im Ausland investiert worden – häufig mit Verlust: „Seit 1999 haben deutsche Investoren rund 400 Milliarden Euro durch Fehlanlagen im Ausland verloren. Das Geld, das im Ausland verschwindet, fehlt im Inland für Investitionen", sagt der DIW-Chef. Er sieht eine jährliche Investitionslücke von 75 Milliarden Euro.

Belastet wird die Produktivität deutscher Unternehmen aber nicht nur von einem Mangel an Investitionen, sondern auch von etwas, worum viele andere Länder Deutschland beneiden: Vom Jobwunder. Bei einem internationalen Vergleich fällt auf, dass Länder, in denen die Beschäftigung in den vergangenen Jahren zugenommen hat, bei der Produktivität schlechter dastehen als Länder mit sinkender Beschäftigung.

Während die deutsche Erwerbsquote zwischen 2007 und 2011 um 5,2 Prozent zunahm, sank der Ausstoß pro Kopf um 2,7 Prozent. Dagegen konnten die USA ihre Pro-Kopf-Produktivität um 1,6 Prozent steigern, während die Erwerbsquote um 4,5 Prozent abnahm. „Die Amerikaner haben sich gesund gestoßen, indem sie die Leute rausgeschmissen haben", sagt Harm Bandholz, der als Volkswirt für Unicredit in New York arbeitet.

Allerdings hat das deutsche Jobwunder nach Aussage des US-Ökonomen Adam Posen einen Haken: Es basiert zu stark auf der Ausweitung prekärer Beschäftigung und auf Lohnverzicht. "Erst im vergangenen Jahr sind die Lohnsteigerungen höher ausgefallen als die Summe aus Inflation und Produktivitätswachstum. Deutschland hat seine Wettbewerbsfähigkeit mit interner Abwertung erreicht", schreibt Posen in einer Kritik der deutschen Politik.

Der am Peterson Institute lehrende Ökonom weist darauf hin, dass die deutschen Bruttoanlageinvestitionen seit 1991 gemessen an der Wirtschaftsleistung von 24 auf 18 Prozent gesunken sind und kritisiert: „Idealerweise sollte ein wohlhabendes Land, das im globalen Technologiewettbewerb ganz vorne mitmischt, seine Wettbewerbsfähigkeit mit Forschung, Entwicklung und Investitionen aufrecht erhalten."

Exportunternehmen erweitern Kapazitäten im Ausland

KfW-Chefvolkswirt Zeuner sieht verschiedene Gründe für die deutsche Investitionsschwäche. Zum einen, so sagt er, sinke die Investitionsquote in allen fortgeschrittenen Volkswirtschaften, weil der Kapitalstock schon recht hoch sei und der Anteil des weniger kapitalintensiven Dienstleistungssektors wachse. Zum anderen sei der Rückgang in Deutschland aber tatsächlich deutlicher als anderswo.

„Die deutschen Unternehmen haben früh die Vorteile der Internationalisierung erkannt und insbesondere in Zulieferindustrien im benachbarten Ausland investiert", sagt er. Zudem hätten deutsche Mittelständler nach dem Aktienmarkteinbruch 2001 ihre Eigenkapitalquote über einbehaltene Gewinne erhöht, was ebenfalls zulasten der Investitionen gegangen sei. „Außerdem hat die Lohnentwicklung des letzten Jahrzehnts weniger Rationalisierungsinvestitionen nötig gemacht."

Tatsächlich bauen deutsche Exportunternehmen ihre Kapazitäten im Ausland stetig aus. Grund ist, dass sie ihre Fertigung näher an die Kunden bringen wollen, denn so vermeiden sie Transportkosten und möglicherweise Einfuhrzölle, Steuern sowie wechselkursbedingte Kosten. Manche Länder machen den Aufbau inländischer Fertigungsstätten sogar zur Bedingung für eine Öffnung ihres Markts.

Volkswagen beispielsweise plant für die Jahre 2013 bis 2015 Sachinvestitionen von knapp 40 Milliarden Euro, von denen etwas weniger als die Hälfte auf das Ausland entfällt. Große Unternehmen investieren also durchaus, sie tun es nur nicht mehr ausschließlich im Inland.

Typisch deutsche Zögerlichkeit

Anders stellt sich die Lage bei kleinen Unternehmen dar, die das wahre Rückgrat der deutschen Wirtschaft sind. Nach Einschätzung von Christina Bannier, Professorin an der Frankfurt School of Finance, herrscht gerade hier aus unterschiedlichen Gründen eine gewisse Investitionsscheu. „Für viele kleine Unternehmen ist derzeit die Finanzierung ein Kernproblem – die haben es schwer, an Geld zu kommen, und wenn sie es bekommen, dann zu unglaublich schweren Bedingungen", sagt sie.

Bannier räumt allerdings ein, dass dieses Problem derzeit noch kaum in den Vordergrund der Aufmerksamkeit drängt, weil nur wenige der kleineren und mittleren Unternehmen im Moment überhaupt Investitionsmöglichkeiten ernsthaft untersuchen. Nach Einschätzung der Ökonomin steckt dahinter auch eine typisch deutsche Zögerlichkeit: „Viele kleine Mittelständler wollen zwar eine gewisse Geschäftsgröße erreichen, aber dann nicht mehr weiter wachsen, sondern ihren Betrieb stabil halten. Wachstum ist nicht ihr Kernziel. Das Streben nach Stabilität ist etwas typisch Deutsches."

Aber auch eine moderate Geschäftsgröße erfordere kontinuierliche Investitionen. „Veraltete Anlagen müssen ersetzt werden, und möglichst nicht erst dann, wenn sie endgültig kaputt gehen", gibt sie zu bedenken.

—Mitarbeit: Nico Schmidt

Kontakt zum Autor: hans.bentzien@dowjones.com

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