• The Wall Street Journal

Warum Amerika schneller aus der Krise kommt

    Von HANS BENTZIEN

Vor sechs Jahren brach in den USA eine Krise am Hypothekenmarkt aus, die das gesamte Weltfinanzsystem erschütterte, in den Industrieländern schwere Rezessionen auslöste und die Unvollkommenheit des Euroraums bloßlegte. Nun deuten die Anzeichen darauf hin, dass die USA die Krise deutlich schneller hinter sich lassen als Europa. Was haben die Amerikaner besser gemacht?

Die US-Wirtschaft befindet sich definitiv auf Wachstumskurs. Der Ausstoß der weltgrößten Volkswirtschaft steigt seit vier Jahren ohne Unterbrechung. Das Vorkrisenniveau ist längst wieder erreicht, die Arbeitslosigkeit beginnt zu sinken und die Zentralbank leitet eine Normalisierung ihrer Geldpolitik ein. Dagegen ist die Wirtschaftsleistung der Eurozone im vergangenen Jahr geschrumpft und dürfte das auch in diesem Jahr tun. Und die Arbeitslosigkeit steigt immer noch.

Risikofreudigere Geld- und Fiskalpolitik

Volkswirte sehen den Unterschied zwischen Europa und den USA vor allem im schnellen und entschlossenen Handeln von Geld- und Fiskalpolitik. David Kohl, Deutschland-Chefvolkswirt der Bank Julius Bär, sieht eine größere Risikobereitschaft der Amerikaner: "Die Fed hat die Deflationsgefahr gesehen, die sich aus den sinkenden Vermögenspreisen ergab und hat bei der Lockerung voll Gas gegeben, obwohl die Rohstoffpreise noch weiter gestiegen sind - das war ein Risiko", sagt er.

Tatsächlich weitet die Fed ihre Bilanzsumme über den Kauf von Staatsanleihen und Hypothekenpapieren auch heute noch aus, während die Bilanzsumme der Europäischen Zentralbank (EZB) seit Monaten sinkt.

Zwar geschieht das quasi automatisch, weil die Banken überschüssige Liquidität an die Zentralbank zurückgeben, doch ist die Krisenbilanz der EZB nach Kohls Einschätzung nicht makellos. Er kritisiert, dass die EZB ihren Leitzins 2008 - "mitten in der Krise" - angehoben hat.

Was Ökonomen außerdem loben, ist die sehr wachstumsfreundliche Politik der US-Regierung. "Was hier besser als in Europa gemacht wurde, ist die Fiskalpolitik. Die war massiv antizyklisch und das war vermutlich genau das Richtige", konstatiert Harm Bandholz, der als Volkswirt der italienischen UniCredit in New York arbeitet.

Zwischen 2009 und 2011 fuhren die USA zweistellige Defizitquoten. Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) wird das US-Haushaltsdefizit im laufenden Jahr immer noch bei 5,4 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung liegen. Im Euroraum erreichte das Defizit 2009 seinen Höhepunkt mit 6,4 Prozent. Damit war es nicht einmal halb so hoch wie jenes der USA mit 13,3 Prozent. Die Staatsverschuldung der USA erhöhte sich von 75,5 Prozent im Jahr 2008 auf 106,5 Prozent im vergangenen Jahr. Die Verschuldung der Eurozone stieg von 70,3 auf 92,9 Prozent.

Auch David Kohl von Julius Bär findet die sehr lockere US-Fiskalpolitik richtig. Die USA hätten genau wie die skandinavischen Länder in den 1990er Jahren die öffentlichen Finanzen hintangestellt und sich stattdessen darauf konzentriert, die Probleme der sehr hohen privaten Verschuldung anzugehen. Nach Aussage von Patrick Franke, bei der Helaba für die US-Wirtschaft zuständiger Volkswirt, kamen dabei verschiedene Faktoren zusammen: "Insolvenzen, aktiver Schuldenabbau, auch eine restriktive Kreditvergabe der Banken", sagt er.

Die private Verschuldung in den USA und in der Eurozone ist in etwa gleich hoch, sie liegt bei rund 160 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. In einigen Krisenländern der Eurozone wie Spanien, Portugal, Irland, aber auch in den Niederlanden, beträgt sie jedoch mehr als 200 oder sogar 300 Prozent. Problematisch ist das vor allem in Ländern wie Spanien, wo ein Großteil der Kredite mit Immobilien besichert ist, deren Wert immer noch sinkt.

Zwangsweise Rekapitalisierung der US-Banken

Das Platzen der Immobilienblase belastet zum einen den privaten Konsum und zum anderen die Bilanzen der Banken. Die können deshalb weniger oder gar keine Kredite mehr vergeben. Das wiederum behindert das Wirtschaftswachstum. "Da ist der Anpassungsprozess sehr schnell, sehr brutal und dramatisch verlaufen. Aber dafür sind wir jetzt in einer Situation, dass es nach oben gehen kann", sagt Helaba-Volkswirt Franke. Insgesamt sei der Bilanzbereinigungsprozess bei den Banken politisch akzeptierter als in Europa. "Es war akzeptiert, dass die Kreditvergabe etwas gemäßigter ausfällt, während man in Europa einerseits eine Bilanzbereinigung fordert und andererseits eine unveränderte Kreditvergabe."

Für David Kohl von Julius Bär war in diesem Zusammenhang die zwangsweise Rekapitalisierung der US-Banken wichtig. "Da hat der Finanzminister den Banken gesagt: Ihr werdet rekapitalisiert, ob ihr wollt oder nicht, ihr braucht das Geld ja nicht anzurühren, es ist einfach in euer Bilanz."

In einigen europäischen Ländern dagegen, wo die Banken eine noch viel wichtigere Rolle für die Wirtschaft spielten, seien bis zur Gründung der ersten Bad Bank teilweise fünf Jahre vergangen, moniert er. Das lag auch daran, dass sich die Europäer erst auf einheitliche Aufsichtsstandards einigen und die Frage klären müssen, wie die Rekapitalisierung von Banken finanziert werden soll.

Vielstaaterei verzögert gemeinsame Maßnahmen

Voraussichtlich Mitte 2014, sieben Jahre nach Beginn der Krise, übernimmt die Europäische Zentralbank (EZB) nun die Aufsicht der Banken nach einheitlichen Regeln. Dieses Beispiel zeigt: Die USA profitieren schlicht davon, dass sie im Gegensatz zur Eurozone Fiskal- und Geldpolitik aus einer Hand betreiben können.

Ein weiterer Vorteil, den die Europäer auf absehbare Zeit nicht ausgleichen können, ist der Arbeitsmarkt. Die US-Unternehmen haben ihre Beschäftigung während der Großen Rezession viel radikaler reduziert als die europäischen Unternehmen. Außerhalb der Landwirtschaft sind heute immer noch 2,4 Millionen Menschen weniger beschäftigt als im Januar 2008, obwohl die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter seitdem um 3 Millionen gewachsen ist.

Die Arbeitslosenquote stieg von 4,4 Prozent zu Beginn der Krise am US-Hypothekenmarkt 2007 auf 10,0 Prozent im Oktober 2009 und fiel dann auf 7,6 Prozent. Die tatsächliche Arbeitslosigkeit ist allerdings viel höher, denn viele Entmutigte gaben die Suche nach einem Job auf und strömen auch jetzt nur sehr langsam auf den Arbeitsmarkt zurück.

Trotzdem scheint in den USA nun Land in Sicht, und das liegt auch daran, dass sie im Gegensatz zu Europa tatsächlich einen einheitlichen Arbeitsmarkt haben. Von Detroit nach Los Angeles zieht es sich leichter um als von Sevilla nach Ingolstadt. "Die Dynamik ist eindeutig", meint David Kohl.

Unterschiedliche Arbeitsmarktentwicklung

Christina Bannier, Professorin an der Frankfurt School of Finance, führt die unterschiedliche Arbeitsmarktentwicklung auch auf Mentalitätsunterschiede zurück. "Die Amerikaner unternehmen die notwendigen, schmerzhaften Schritte viel schneller. Sie haben eher erkannt, dass die Finanzkrise ein einschneidendes Ereignis darstellt, das Handlungsbereitschaft fordert", sagt sie.

In der Eurozone dagegen erreicht die Arbeitslosigkeit immer noch fast jeden Monat ein neues Rekordhoch. Und es ist nicht absehbar, wo neue Jobs herkommen sollen, da nicht nur private Haushalte und Unternehmen, sondern auch die Staaten sparen. Bannier meint: "Wenn die Konjunktur in Europa nicht bald Fahrt aufnimmt und so die Auswirkungen des wirtschaftspolitischen Zögerns abmildert, dann haben die Amerikaner sicher besser gehandelt."

Zwischenfazit: Der US-Wirtschaft geht es derzeit spürbar besser als der europäischen. Aber haben die Amerikaner die Lösung ihrer Probleme damit nicht nur in die Zukunft verschoben, während die Europäer die Drecksarbeit gleich gemacht haben? Darüber gehen die Meinungen auseinander.

"Amerikaner haben sich das Wachstum nicht erkauft"

"Die Aussage, dass die Amerikaner sich das Wachstum erkauft haben, indem sie nicht sparen, ist falsch", meint etwa Helaba-Volkswirt Franke. Zwar seien die Defizite der USA höher als die des Euroraums, doch lägen sie konjunkturbereinigt gar nicht mehr so hoch. Bei nominalen Wachstumsraten von 4 Prozent seien die Amerikaner in der Lage, ihre Verschuldung zumindest konstant zu halten.

Von solchen Wachstumsraten können die Europäer nur träumen. Die EU-Kommission prognostizierte 2012 in ihrem alle zwei Jahre erscheinenden Konvergenzbericht, dass die Potenzialrate des Euroraums mittelfristig auf 0,8 Prozent sinken wird. Anfang des Jahrtausends hatte sie noch bei 2,25 Prozent gelegen. Die Potenzialrate gibt das Wachstum an, dass bei einer Normalauslastung der Kapazitäten möglich ist.

Commerzbank -Volkswirt Peter Dixon verweist auf Schätzungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), wonach unter den Industrieländern nur noch die USA und Deutschland einigermaßen hohe Potenzialraten haben - für 2013 werden sie auf 1,5 bis 2,0 Prozent geschätzt. "In Ländern wie Großbritannien liegen sie jedoch lediglich bei 1,0 Prozent und in Portugal und Italien sogar unter 0,5 Prozent", sagt er.

EU: Ohne Strukturreformen kein Wachstumspotenzial

Für ein höheres Wachstumspotenzial braucht es die von EZB-Präsident Mario Draghi mindestens einmal pro Monat beschworenen Strukturreformen. Zum Beispiel müssten Europas Dienstleistungsmärkte stärker für Wettbewerb geöffnet werden. Gibt es Wettbewerb, lohnen sich plötzlich Investitionen. Gibt es Investitionen, steigt nicht nur die aktuelle Wirtschaftsleistung, sondern auch die Produktivität, steigt die Produktivität, nimmt die Fähigkeit zu inflationsfreiem Wachstum zu.

David Kohl von Julias Bär verweist zum Beispiel darauf, dass die Energiepreise in Italien um 25 Prozent über dem Eurozone-Durchschnitt liegen. "Einen positiven Angebotsschock wie ihn die Schiefergasrevolution in den USA ausgelöst hat, kann man über eine Marktliberalisierung auch in Italien bekommen", meint er.

UniCredit-Volkswirt Bandholz ist optimistisch, dass Europa, wenn auch nur langsam, auf einem guten Weg ist. Er verweist auf die Pläne für eine Bankenunion, nationale Schuldenbremsen, Arbeitsmarktreformen und eine Zurückdrängung des Staats. Zwar lasse Amerika die Krise derzeit hinter sich, während Europa noch mitten drin sei, aber: "In Europa werden wichtige Strukturreformen angegangen, während die USA ihr aus Konsum und Verschuldung basierendes Wirtschaftsmodell letztlich nicht geändert haben." Langfristig werde daher Europa besser aus der Krise herauskommen.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Georgien

  • [image]

    Die furchterregendste Gondelfahrt der Welt

    Was Besuchern den Angstschweiß auf die Stirn treibt, ist für die Einwohner der georgischen Stadt Tschiatura Alltag. Die Seilbahnen aus der Stalin-Zeit an den Hängen des Kaukasus fahren trotz Rost noch immer.

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 14. April

    Ein Amselküken in Frankfurt, Frühlingsgefühle in Berlin, Wasserspaß und Hahnenkämpfe zum Neujahrsfest in Asien und ein öffentlicher Bußdienst für einen unflätigen Nachbarn in den USA. Das und mehr sehen sie in unseren Fotos des Tages.

  • [image]

    Diese Länder sind die Wachstums-Stars

    Die Weltwirtschaft gewinnt weiter an Schwung. Wachstums-Impulse kommen aus den Industrieländern, auch aus Europa. Die höchsten Wachstumsraten sitzen aber woanders. Wir zeigen Ihnen, wo die Wirtschaft am stärksten boomt.

  • [image]

    Wie sich die Nasdaq seit dem Tech-Crash verändert hat

    Vor gut 14 Jahren begann in den USA die Tech-Blase zu platzen. Jetzt bewegt sich der Nasdaq Composite wieder auf dem Niveau von damals. Ist das ein Grund zur Sorge? Wir zeigen, was sich seitdem an der Nasdaq verändert hat und was das für Anleger heute bedeutet.

  • [image]

    Die bestverdienenden Bankenchefs der Welt

    Das vergangene Jahr hat sich für die Chefs der internationalen Großbanken wieder gelohnt. Doch auch in der Liga der Großverdiener gibt es deutliche Klassenunterschiede. Wir haben aufgelistet, wer wie viel erhalten hat.

  • [image]

    Die besten deutschen Aktien –
    und die größten Verlierer

    Die große Rally scheint es in diesem Jahr an den Aktienmärkten nicht zu geben. Der Dax etwa notiert nach den ersten drei Monaten 2014 nur wenig verändert. Umso wichtiger ist es deshalb, die richtigen Aktien herauszupicken. Wir zeigen die größten Gewinner und Verlierer aus Deutschland.

Erwähnte Unternehmen