• The Wall Street Journal

Französische Banken suchen ihr Heil in der Verbriefung

    Von NOEMIE BISSERBE

PARIS – Die französischen Banken geraten zunehmend unter Druck. Die strengen neuen Regeln für Kapital und Liquidität, die nach der Finanzkrise der Jahre 2007 und 2008 auf den Weg gebracht wurden, lassen ihre Gewinne schrumpfen, sagen Manager der Banken. Um dieser Malaise entgegenzuwirken, legen die Kreditinstitute eine Kehrtwende hin und freunden sich mit Gebräuchen an, die zwar in den USA sehr verbreitet sind, in Frankreich bisher aber fast nicht zum Einsatz kamen: Sie verpacken Kredite in Wertpapiere und verkaufen sie an interessierte Investoren – ein Vorgang, den der Fachmann Verbriefung nennt.

Wem dieser Begriff Unbehagen verursacht, liegt intuitiv richtig. Waren doch genau diese Finanzinstrumente maßgeblich an den massiven Verlusten beteiligt, die vor nicht allzu langer Zeit die globalen Märkte und schließlich die Weltwirtschaft auf den Kopf stellten.

Reuters

Die Société Geénérale gehört zu den Banken, die auf Verbriefung setzen.

Französische Banken behalten bisher die meisten Kredite, die sie vergeben, traditionell in ihren Bilanzen. Ganz anders gehen dagegen ihre amerikanischen Konkurrenten vor, die seit langem der wertpapiermäßigen Unterlegung von Verbindlichkeiten frönen und sie an Anleger los schlagen.

Als der US-Immobilienmarkt zusammenbrach, kippten auch unzählige dieser verbrieften Papiere. Die Finanzkrise nahm ihren Lauf. Investoren und Banken erlitten heftige Verluste. Politiker und Aufsichtsbehörden traten in Aktion und verschärften die Kapital- und Liquiditätsanforderungen für die Branche. Und die derart bedrängten Bankmanager müssen sich nun auf die Suche nach neuen Möglichkeiten machen, um ihre Erträge zu erhöhen.

Deshalb hat die BNP Paribas, Frankreichs größte börsennotierte Bank, jüngst Unternehmens- und Immobilienkredite sowie Flugzeugfinanzierungen über Milliarden von Euro begeben, gebündelt und verkauft. Ebenfalls vor nicht allzu langer Zeit haben unter anderem die Société Générale, Crédit Agricole und Natixis verbriefte Kredite an die französische Versicherung Axa und an deren belgisch-niederländische Branchenkollegen bei Ageas verkauft.

Einlagen reichen nicht aus

Im Oktober kündigte der französische Immobilienfinanzierer Crédit Foncier an, mit der Ausgabe von so genannten Residential Mortgage-backed Securities, oder kurz RMBS, beginnen zu wollen. Bei RMBS handelt es sich um verzinsliche, strukturierte Wertpapiere, die mit Grundpfandrechten auf Wohnimmobilien besichert sind. Crédit Foncier belebt damit einen Markt neu, der in Frankreich seit der Finanzkrise auf Eis lag. Der Immobilienfinanzierer hat vor, in diesem Jahr Verbriefungen über rund eine Milliarde Euro vorzunehmen. Ab 2016 sollen RMBS über rund zwei Milliarden Euro pro Jahr begeben werden.

„Wenn du dich nicht anpassen kannst, wirst du nicht überleben", ist sich Fabrice Susini sicher, der globale Leiter für Verbriefungen bei der BNP Paribas.

In den ersten sechs Monaten des Jahres 2012 wurden Kredite über 8,4 Milliarden Euro verbrieft und auf dem französischen Markt verkauft. Im vergleichbaren Vorjahreszeitraum hatte das Volumen nur 6,5 Milliarden Euro betragen, wie der Branchenverband Association for Financial Markets in Europe meldet.

Dass sich die großen französischen Banken – und nicht nur sie – auf die Suche nach neuen Einnahmequellen machen müssen, hat verschiedene Gründe. Ihnen setzen zum einen die Folgen der wirtschaftlichen Stagnation in Europa zu, zum anderen sitzen ihnen die Regulierer im Genick.

Sie zwingen die Kreditinstitute mit neuen Auflagen dazu, ihre Reserven zu erhöhen, um unerwartete Schocks besser abfedern zu können. Außerdem wollen sie mit neuen Richtlinien dafür sorgen, dass europäische Banken nicht in die Klemme geraten, wenn eine kurzfristige Finanzierung auf den Finanzmärkten nicht mehr möglich ist. Das bedeutet, dass sich die Kreditinstitute auf diese Art der Mittelaufnahme nicht mehr verlassen können, um damit langfristige Kredite zu finanzieren. Und die Einlagen, die eine weitere wichtige Finanzierungsquelle bilden, reichen nicht aus, um die Kreditnachfrage abzudecken.

„Kredite werden ein Rohstoff sein, um dieses neue Geschäftsmodell zu nähren"

„Die neuen aufsichtsrechtlichen Beschränkungen spielen eine bedeutende Rolle", sagt Xavier Fessart, der bei der Investmentsparte von Crédit Agricole für das Gegenparteirisiko zuständig ist. „Um weiter Kredite an unsere Kunden gewähren zu können, mussten wir neue Finanzierungslösungen finden."

Die Verbriefung ist für die Banken aus zwei Gründen attraktiv. Mit ihrer Hilfe werden Vermögenswerte aus der Bilanz genommen. Und damit verringert sich der Betrag an Kapital und liquiden Vermögenswerten, den sie für Kredite zurückstellen müssen. Gleichzeitig werden sie in die Lage versetzt, Provisionen für die Schaffung und den Verkauf der Wertpapiere einzunehmen. Für die Banken stellt sich allerdings die Frage, ob die Provisionen hoch genug sind, um den Verlust an Zinseinnahmen auf Kredite auszugleichen, die sie früher in ihren Büchern hielten.

„Wir müssen unser Geschäftsmodell anpassen, um fähig zu sein, die Kredite zu vertreiben, die wir begeben", sagte Didier Valet, Leiter der Geschäfts- und Investmentbank von Société Générale, vor ein paar Monaten in einem Interview. „Kredite werden ein Rohstoff sein, um dieses neue Geschäftsmodell zu nähren."

Die Fehler, die viele ihrer US-Konkurrenten vor der Krise begingen, wollen die französischen Banken natürlich tunlichst vermeiden, beteuern sie. Damals kamen einige dieser gebündelten Kredite aufgrund von laschen Standards bei der Kreditvergabe zustande. Und es war nicht notwendigerweise der Fall, dass die Banken, die die Kredite begaben, die Obligationen letztendlich auch hielten.

Finanzaufsicht schaut hin

Frankreichs Großbanken haben sich seither bei ihrer Kritik an den Branchenkollegen jenseits des Atlantiks keinen Zwang angetan. „Ich will ja nicht sagen, dass ein Modell besser ist als das andere", sagte Frédéric Oudéa, der Chef der Société Générale, im März auf einer Konferenz in Paris, als er die Bankenpraktiken in Amerika und in Frankreich verglich. „Aber in Europa ist während der Finanzkrise keine wichtige Bank unter die Räder gekommen."

Die Analysten bleiben gleichwohl misstrauisch. Wende man sich jetzt Verbriefungen zu, könnte dies die Finanzinstabilität neu entfachen, anstatt sie zu zähmen. „Wenn die Banken das Risiko für die Kredite, die sie begeben, nicht tragen, besteht immer die Gefahr, dass sie die Kreditvergabestandards senken könnten", meint Benoît Pétrarque, Analyst bei Kepler Capital Markets. In den USA seien mittlerweile neue Regeln aufgestellt worden, um dort die nachlässige Vorgehensweise bei der Gewährung von Krediten in den Griff zu kriegen, fügt er hinzu. Die Aufsichtsbehörden für Banken und Versicherungen in Europa hätten sich mit diesem Risiko allerdings noch nicht wirklich auseinandergesetzt.

Die Wächter über den französischen Banken- und Versicherungssektor „verfolgen sehr genau", welche Neuerungen die Branche vornehme, sagt eine Sprecherin der Autorité de Controle Prudentiel, die der französischen Notenbank Banque de France angegliedert ist. „Wir können sicherstellen, dass Versicherungen, die die gebündelten Kredite von Banken kaufen, die Risiken verstehen, mit denen diese Kredite behaftet sind."

Axa zum Beispiel wird erst dann in ein verbrieftes Kreditportfolio investieren, wenn die Bank, die es emittiert hat, zwanzig bis dreißig Prozent davon in ihren eigenen Büchern behält. „Wir wollen ja nicht die Kredite finanzieren, die die Banken selbst nicht finanzieren", sagt Odette Cesari, die im Vorstand von Axa für Investitionen zuständig ist. Doch einige Banken wollen sich dazu nicht verpflichten lassen. Die Société Générale etwa werde nicht „systematisch" einen Teil der Kredite, die sie begibt, selbst halten, erklärt Vincent Tricon, Leiter des Investmentbanking für mittelgroße Unternehmen bei dem Institut. Er hatte es eingefädelt, dass Axa die verbrieften Schuldtitel seiner Bank kaufte. Die Société Générale werde sich weitgehend auf Verbriefungen verlassen, um die Kreditvergabe an Unternehmen im mittleren Marktsegment zu finanzieren.

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