• The Wall Street Journal

Frankreich oder Italien: Wer ist der größere Schwächling?

    Von RICHARD BARLEY
dapd

Italiens Ministerpräsident Mario Monti (links) und Frankreichs Regierungschef Francois Hollande: Bei den Reformen hat der Italiener die Nase vorne.

In den vergangenen Jahren verfolgten Anleger in der Eurokrise eigentlich immer die Strategie, Anleihen der stabilen nordeuropäischen Staaten zu kaufen und im Gegenzug die Papiere der kriselnden Staaten im Süden abzustoßen. Womöglich haben diese Geschäfte ihre Zeit jetzt hinter sich. Einige Investoren gehen jetzt die gegenteilige Wette ein: Sie ziehen Italien Frankreich vor.

Zehnjährige italienische Anleihen werfen zurzeit eine Rendite von 4,9 Prozent ab – 2,7 Prozentpunkte mehr als Papiere mit gleicher Laufzeit aus Frankreich. Zum Teil ist das Ausdruck der wesentlich höheren Staatsverschuldung Italiens. Im zweiten Quartal lag das Verhältnis der Schulden zum Bruttoinlandsprodukt in Italien bei 126,1 Prozent, verglichen mit 91 Prozent in Frankreich. Zudem steht Italien mit Blick auf die Wahlen im kommenden Jahr vor einer wackeligen politischen Zukunft.

Schaut man auf andere Kennziffern, schneidet Italien aber besser ab als Frankreich: Das Land hat ein geringeres Haushaltsdefizit, eine stärkere Leistungsbilanz, und die Arbeitslosigkeit ist längst nicht so aufgeblasen wie in anderen südeuropäischen Staaten. Zudem wird Italien 2013 deutlich weniger Anleihen ausgeben, während Frankreichs Emissionstätigkeit hoch bleibt. Und, nicht zuletzt: Italien hat über einen langen Zeitraum bewiesen, dass es mit hohen Schulden umgehen kann.

Die Herausforderung für die Italiener bleibt das Wachstum. Aber Ministerpräsident Mario Monti hat bei zahlreichen strukturellen Reformen Fortschritte gemacht, etwa beim Umbau des Arbeitsmarktes, die das Wachstum langfristig stärken sollte. Auch die scharfen Vorgaben für die Kreditvergabe, eine der Hauptursachen für die Rezession in Italien, werden jetzt erleichtert, wie Analysten der Deutschen Bank erklären.

Frankreichs AAA-Rating wackelt

Im Gegensatz dazu geht Frankreichs Präsident François Hollande strukturelle Maßnahmen gerade erst an. Am Dienstag kündigte seine Regierung ein Reformpaket an, das die Arbeitskosten mit Hilfe von Steuergutschriften senken soll. Aus Sicht der Unternehmen geht Hollande damit jedoch nicht weit genug. Und die französischen Verbraucher sehen sich steigenden Steuern aus wachsender Arbeitslosigkeit ausgesetzt.

Die Top-Bonitätsnote „AAA" hat Frankreich bisher vor einem schärferen Blick der Investoren geschützt: Risikoscheue Anleger haben französische Anleihen als höher verzinste Alternative zu deutschen Bundesanleihen gekauft. Doch der Renditeaufschlag französischer Papiere gegenüber ihren deutschen Pendants dürfte sich kaum weiter einengen. Und Frankreichs „AAA"-Rating wirkt deutlich wackeliger als das „BBB" Italiens.

Sollten die Ängste vor einem Zusammenbruch des Euros wieder aufflammen, würde das Italien ohne Zweifel härter treffen als Frankreich. Entspannt sich die Krise dagegen weiter, klingt die Wette, dass sich Italiens Anleiherenditen denen aus Frankreich annähern, absolut plausibel.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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