• The Wall Street Journal

Nexus 4: Smartphone-Evolution von Google

    Von WALTER S. MOSSBERG
dapd

Googles Nexus 4 ist dicker und schwerer als das iPhone 5 - bietet aber einen größeren Bildschirm mit höherer Auflösung und ist ab 300 Euro zu haben.

Google s mobiles Betriebssystem Android wird für Hunderte verschiedener Smartphones und Tablets genutzt. Aber die Flaggschiffe der Android-Geräte – diejenigen, die das Unternehmen das „Beste von Google" nennt – heißen Nexus. Sie sollen der Welt zeigen, was ein Android-Gerät sein kann. Die Nexus-Geräte werden von Google konstruiert und dort direkt online vertrieben. Ab kommender Woche wird das Unternehmen sein neuestes Smartphone Nexus 4 verkaufen – in Deutschland wird es dann in Googles Onlineshop ab 300 Euro zu haben sein.

Das neue Telefon ist Teil von Googles aktueller mobiler Produktpalette, zu der außerdem zwei weitere Geräte gehören: die beiden Tablets Nexus 7 und Nexus 10. Das Telefon mit einer neuen Version von Android kommt zu einer Zeit auf den Markt, in der Apple einen frühen Erfolg mit dem iPhone 5 feiert und Nokia sowie HTC mit dem Verkauf von Geräten beginnen, die mit Microsofts neuem Betriebssystem Windows Phone 8 laufen.

Für mich ist das Nexus 4 eher evolutionär als revolutionär. Es hat einige gute Eigenschaften und überträgt Googles günstige Preispolitik bei Tablets in die Smartphone-Welt. Allerdings gibt es nichts am Nexus 4, was einen wirklich aus den Socken haut. Selbst die neueste Version von Android ist nichts weiter als eine Fortentwicklung der vorangegangenen Variante namens Jelly Bean und keine komplett neue Version, die Google noch vergangenes Jahr mit den Nexus-Smartphones eingeführt hatte.

Zwei Eigenschaften fehlen

Außerdem lässt das Nexus 4 zwei wichtige Eigenschaften vermissen: Die Unterstützung des neuesten besonders schnellen Mobilfunkstandards LTE und Speicher-Ausstattungs-Optionen über 16 Gigabyte. 16 Gigabyte sind bei den meisten anderen Smartphones die niedrigste Basis-Ausstattung. Die am meisten beworbene Fähigkeit des Nexus 4 ist die 360-Grad-Panorama-Funktion, die in meinem Test nur schlecht funktioniert hat.

In anderer Hinsicht habe ich aber ein solides, verlässliches Telefon mit hohem Wert kennengelernt. Ab Dienstag, 13. November, wird Google das Telefon in Deutschland für 299 Euro mit 8 Gigabyte Speicher und ohne Vertragsbindung ausliefern. Die Version mit 16 Gigabyte Speicher für Daten und Apps wird 349 Euro kosten. Zum Vergleich: Ein Samsung Galaxy S III kostet ohne Vertrag und mit 16 Gigabyte Speicher rund 440 Euro, also rund 100 Euro mehr.

Höhere Auflösung als das iPhone 5

Das Nexus 4 wird für Google von LG aus Südkorea gebaut. Es besitzt einen Bildschirm mit 4,7-Zoll-Diagonale mit einer sehr hohen Auflösung, die sogar die des Retina-Displays des iPhone 5 von Apple übertrifft. Die Pixeldichte ist dennoch etwas niedriger, da die Pixel des iPhone 5 sich auf ein kleineres 4-Zoll-Display verteilen. Das neue Nexus ist 20 Prozent dicker und 24 Prozent schwerer als das iPhone. Doch durch seine abgerundeten Ecken auf der Rückseite liegt es gut in der Hand.

Das Smartphone ist aus Plastik gefertigt, doch mit relativ stabilem und kratzfestem Gorilla Glass der zweiten Generation umkleidet – sowohl auf der Vorder- wie auf der Rückseite. Vorne befindet sich eine 1,3-Megapixel-Kamera, auf der Rückseite eine Kamera mit 8 Megapixel Auflösung. Die beiden Kameras machten scharfe, lebhafte Fotos und Videos. Schnappschüsse lassen sich außerdem durch voreingestellte Filter mit der Android-Software verbessern.

Einen eigenen Test der Akkulaufzeit unter kontrollierten Bedingungen habe ich nicht durchgeführt. Allerdings hielt das Nexus einen kompletten Arbeitstag mit gemischter Nutzung durch. Dabei surfte ich im Web, nutzte verschiedene Apps längere Zeit, schrieb E-Mails und SMS, schaute Videos, telefonierte und spielte Musik ab.

Kabelloses Aufladen mit Tücken

Eine neue Funktion des Nexus 4 erlaubt es Ihnen, den nicht austauschbaren Akku kabellos aufzuladen. Dazu muss das Smartphone nur auf eine Unterlage gelegt werden, die an die Stromversorgung angeschlossen ist. Diese Unterlagen, die Google selbst nicht verkauft, müssen den Industriestandard namens Qi unterstützen. Ich habe die Ladefunktion mit zwei Qi-Unterlagen getestet und nur eine davon funktionierte mit dem Nexus 4.

Statt den 4G-Standard LTE unterstützt das Nexus 4 den verbesserten 3G-Standard HSPA+. Der Standard kann an bestimmten Orten ebenso schnell oder sogar schneller sein als LTE. Während meines Tests in den USA hängte das iPhone 5 mit LTE das Nexus 4 mit HSPA+ aber locker ab. An einem Ort schnitten beide Smartphones etwa gleich gut ab – mit 15 Megabit pro Sekunde bei einem Download. In zwei anderen Städten erreichte das Nexus 4 nur eine durchschnittliche Download-Geschwindigkeit von 2,8 beziehungsweise 3,8 Megabit pro Sekunde, während das iPhone 5 mit LTE eine durchschnittliche Datenrate von 30 Megabit erreichte. In Deutschland funktioniert der LTE-Chip des iPhone 5 allerdings nur im Netz der Telekom.

Die Sprachqualität der Telefonate war gut und die Verbindung verlässlich. Nur im Lautsprecher-Modus war der Ton schwach und wurde noch schlechter, wenn das Telefon in der Hand gehalten wurde, weil der Lautsprecher sich auf der Rückseite befindet.

Der schnelle Prozessor des Telefons macht das Smartphone zusammen mit der neuen Android-Version 4.2 schnell, die Oberfläche ließ sich sehr flüssig bedienen. Eine neue Funktion des jüngsten Betriebssystems nennt sich Gesture Typing und erlaubt Ihnen, Texte zu schreiben, indem der Finger von Buchstabe zu Buchstabe wischt, statt sie einzeln anzuschlagen. In meinem Test hat das gut funktioniert, unterscheidet sich aber nicht groß von der Funktion namens Swype, die es auf anderen Android-Smartphones schon lange gibt. Eine andere gute Funktion in Android 4.2 ist die verbesserte Auto-Korrektur. Nun versucht das Smartphone schon während des Tippens das Wort zu erkennen. Wenn Sie zum Beispiel „Montag" eingeben, schlägt es „Montagabend" und „Montagmorgen" vor.

Google

Die Foto-Sphere-Funktion des Nexus 4 erlaubt die Aufnahme von 360-Grad-Panoramabildern.

Panorama-Funktion mit Mängeln

Die am meisten beworbene Funktion des neuen Nexus 4 ist allerdings eine Panorama-Foto-Funktion namens Sphere – und die ist enttäuschend. Mittels Sphere können Sie ein 360-Grad-Foto aufnehmen, indem Sie die Kamera nach oben und unten sowie nach links und rechts schwenken. Google macht es Ihnen einfach, eine solche Aufnahme zu erstellen, indem es Sie mittels blauer Punkte darauf hinweist, wohin Sie die Kamera bewegen sollen und die Szenerie nach und nach automatisch ergänzt wird.

Dennoch waren die Ergebnisse meiner vier Versuche mit Photo Sphere schlecht. Gegenstände wie Stühle, Dächer und selbst Menschen sahen verzerrt und wellig aus. Google-Mitarbeiter konnten sich meine Resultate nicht erklären. Bis jetzt können Sie die Sphere-Aufnahmen außerdem nur über Googles eigenes soziales Netzwerk Google+ mit anderen teilen. Wenn Sie sie per E-Mail verschicken, werden sie zu einem normalen Foto.

Verbesserungen bei der Google-Suche

Die neue mit dem Nexus 4 eingeführte Version von Android besitzt außerdem eine verbesserte Google-Websuche. Sie liefert nicht nur Links als Suchergebnisse zurück, sondern auch Antworten. Außerdem hat die Websuche sprechen gelernt und antwortet – ähnlich Apples Siri – auf einige Fragen, die der Nutzer in das Telefon spricht. Dieselben Funktionen besitzt allerdings auch eine neue Version von Googles Suche für das iPhone. Die Antworten der iPhone-Version waren teilweise ausführlicher. So zeigte Google auf dem iPhone bei einer Wetterabfrage beispielsweise auch die Temperaturen des Tages in Auflösung von einer Stunde an, die in der Android-Version fehlten.

Insgesamt ist das Nexus 4 ein gutes Smartphone mit einem günstigen Preis. Ich empfehle allerdings Android-Nutzern über andere Modelle mit LTE, besseren Lautsprechern und der Möglichkeit einer größeren Speicherausstattung nachzudenken.

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