• The Wall Street Journal

Energiewende auf Japanisch

    Von LOTHAR LOCHMAIER
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Manche Experten sahen Japan schon auf den Pfad von Angela Merkel einschwenken. Mitte September verabschiedete das japanische Kabinett eine Roadmap zur nationalen Energiewende und votierte damit für den verbindlichen Ausstieg aus der Atomenergie bis zum Jahr 2030.

Kurze Zeit später ruderte die Regierung auf Druck der Atomindustrie allerdings zurück und vertagte den endgültigen Ausstieg vorerst auf das Jahr 2040. Japans Weg ins umweltfreundliche Industriezeitalter scheint sich nun doch holpriger zu gestalten als ursprünglich angenommen.

Im Unterschied zu Deutschland, das bereits heute in der Lage ist, ein Viertel seines Strombedarfs aus erneuerbaren Energien zu decken, fristen diese in Japan ein Schattendasein. Ihr Anteil an der Stromversorgung beträgt noch nicht einmal ein Prozent, rechnet man die ebenfalls umweltfreundliche Wasserkraft hinzu, sind es immerhin knapp zehn Prozent. Ein Großteil des japanischen Energiebedarfs wird also immer noch durch Atomstrom gedeckt.

dapd

Die Atomkatastrophe in Fukushima im März 2011 hat in Japan ein Umdenken bewirkt.

Die Zahlen sprechen also nach wie vor eindeutig zugunsten der klassischen Energiequellen. Trotzdem ist nicht zu übersehen, dass sich die Bemühungen, die energieeffizienten und erneuerbaren Technologien auszubauen, seit der Atomkatastrophe von Fukushima stark intensiviert haben. So entsteht in der südjapanischen Stadt Kagoshima gerade ein großer Solarpark. Auf den Inseln Gotō vor Nagasaki wird die dezentrale Stromversorgung auf Basis der Erneuerbaren getestet. Und selbst am Unglücksort, im Meer vor Fukushima, soll in den kommenden zehn Jahren ein größerer Offshore-Windpark entstehen, sofern sich die Machbarkeitsstudien als tragfähig erweisen.

Japanische Bevölkerung fordert "Ampere Down"

Darüber hinaus wird die Erdwärme (Geothermie) von Experten als mögliche Lösung der nationalen Energiefrage ins Gespräch gebracht, auch mit dem Ziel, die Importe aus dem Ausland zu drosseln. Aufgrund der Erdbebengefahr und der technischen Komplexität, geothermische Großanlagen verlässlich und zu vertretbaren Kosten zu fördern, wäre dieser Schritt jedoch kein Selbstläufer.

Währenddessen bekommt der Umbau der Energieversorgung auch von der japanischen Bevölkerung deutlichen Rückenwind. Der Rückhalt für die Atomenergie sinkt weiter. Soziale Bewegungen wie „Ampere Down" genießen regen Zuspruch. Sie prangern den verschwenderischen Lebensstil Japans an und setzen sich für eine energiebewusste Lebensweise ein. Mehr denn je zeigt sich, dass das Thema Energie in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Energiesparen ist modern und schick geworden.

Der krisengeschüttelte japanische Elektronikkonzern Panasonic arbeitet zurzeit in Fujisawa, rund 50 Kilometer westlich von Tokio, an einer „nachhaltigen" Smart City, also einer Modellstadt, mit Strom aus Solaranlagen, Batteriespeichern und Brennstoffzellen für das Warmwasser.

In punkto industrieller Energieeffizienz dürfte das Land mit derartigen Vorhaben auch im internationalen Maßstab nach vorne rücken. Die Regierung unterstützt die Idee, indem sie im japanischen Bürger nicht mehr nur den passiven Energieverbraucher, sondern den dezentralen Stromerzeuger sieht, der sich aktiv etwa mit der Installation von Photovoltaik-Anlagen in diesen Prozess einbringt.

Investoren und Tech-Konzerne wittern Chancen

Parallel dazu wittern sowohl Investoren als auch Technologieanbieter ihre Chance, angelockt durch finanzielle Zusagen wie Subventionen, Steueranreize und Einspeisevergütungen. Letztere sollen nach dem Vorbild der deutschen Energiewende implementiert werden. Zahlreiche Global Player, darunter auch deutsche Unternehmen, haben sich bereits auf boomende Wachstumsmärkte in Japan bei den erneuerbaren Energien eingestellt.

Der Stromzähler bilanziert: Obwohl die alte Lobby aus der Nuklearindustrie den Umbau der Energieversorgung hinaus zu bremsen versucht, kommt Japan bei der Energiewende voran. Das Glas ist nicht halb leer, sondern halb voll – auch wenn der endgültige Ausstieg aus der Atomenergie bis zum Jahr 2040 vertagt wurde und weitere Laufzeitverlängerungen nicht auszuschließen sind.

Aber fest steht auch: Energieeffiziente Technologien haben ebenso wie die erneuerbaren Energien einen kaum zu übersehenden Innovationsschub erhalten. Bis 2030 soll sich der regenerative Anteil in Japan an der Stromproduktion immerhin verdreifachen, auf potenziell 300 Milliarden Kilowattstunden. Es passiert also einiges, in einem Land, in dem bis zum Unglück von Fukushima die Energiewende und die Herausforderungen angesichts des globalen Klimawandels schlichtweg nur ein Randthema waren.

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Lothar Lochmaier arbeitet als freier Fach- und Wirtschaftsjournalist in Berlin. Er beschäftigt sich seit Jahren mit den Themen Energie, Informationstechnologie und Banken. Er betreibt zudem das Experten-Weblog „Social Banking 2.0 – der Kunde übernimmt die Regie".

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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