• The Wall Street Journal

Die alte Commerzbank ist tot – kann die neue überleben?

    Von MADELEINE NISSEN und ALEXANDRA EDINGER
dapd

Nach dem Verkauf großer Geschäftsbereiche greift die Commerzbank jetzt massiv im Filialgeschäft ein. Vorstandschef Martin Blessing muss seine halbstaatliche Bank endlich zukunftsfähig machen. Zwei Milliarden Euro nimmt er für den Umbau in die Hand.

Der Commerzbank steht das Wasser bis zum Hals. Vorstandschef Martin Blessing hat radikal Geschäftsbereiche verkauft, die nicht rentabel genug waren. Doch das reichte nicht. Jetzt will er auch das Filialgeschäft komplett umbauen und verschlanken – ein Vorbild dabei ist die Internetbank Comdirect . Die alte Commerzbank ist tot. Doch wird die neue Commerzbank überleben können?

Im nächsten Jahr soll es losgehen: Dann wird in der Konzernzentrale jede einzelne Filiale unter die Lupe genommen und in eine von vier Kategorien eingeteilt, die ihre künftige Ausrichtung und Ausstattung definiert. Die höchste Kategorie wird die der sogenannten Flagship-Filiale sein. Hier will Blessing Flagge zeigen und mit mehr als 20 Mitarbeitern das gesamte Angebot liefern.

Der Commerzbank steht das Wasser bis zum Hals. Vorstandschef Martin Blessing will jetzt das Filialgeschäft radikal umbauen und verschlanken.

Einige Nummern kleiner folgen in absteigender Reihenfolge die Spezialistenfiliale, die Klassische Filiale und die Service-Filiale. Letztere bietet nur noch einen Basisservice, drei Mitarbeiter können hier etwa bei der Eröffnung eines Kontos helfen. Vor allem in ländlichen Gebieten wird sie wohl zum Einsatz kommen, wo die Bevölkerung stark rückläufig ist.

In ländlichen Gebieten stirbt die große Niederlassung

Noch ist die Commerzbank auch an kleinen Orten mit einer klassischen Niederlassung und dem kompletten Angebot vertreten. Zu teuer, lautete die Kritik von Investoren. Deshalb der Umbau. Künftig muss, wer Kunde bei einer nachrangigen Filiale ist, für eine umfassende Anlageberatung einen Termin ausmachen. Dann besucht ihn ein Berater in seiner Filiale. Bisher saß sein Berater jeden Tag abrufbar an seinem Platz.

Derzeit ist die Commerzbank in Deutschland mit 1.200 Niederlassungen und 10.000 Beratern in der Fläche vertreten. Viele Mitarbeiter werden wohl gehen müssen, wenn die schlankere Aufstellung kommt. Allerdings gibt es bei der Commerzbank eine Jobgarantie bis 2013. Erst dann dürften Stellenstreichungen auf die Agenda kommen. Inzwischen kursieren Zahlen, dass es zehn Prozent der Belegschaft treffen wird. Die Commerzbank schweigt dazu.

Klar ist nur: Mit dem neuen Konzept der Multikanalbank, einer Mischung aus Online-Banking und klassischem Bankgeschäft, sollen Kosten gespart werden. Blessing kommt dabei zupass, dass immer mehr Menschen ihre Bankgeschäfte zuhause am Computer erledigen. Wer füllt noch Überweisungen mit der Hand aus? Es sind immer weniger Kunden, die dafür noch in ihre Filiale gehen, sich am Schalter anstellen und das kleine Formular aus Papier abgeben.

Letztlich ist der Commerzbank-Berater für sehr viele Kunden nur noch nötig, wenn es darum geht, Geld anzulegen oder einen Kredit aufzunehmen. Das hat Blessing erkannt. Daher sollen viele Filialen auf das Nötigste reduziert werden. Andere will er auf spezielle Anlagebedürfnisse ausrichten.

Das alte Commerzbank-Motto belebt Blessing neu

Analysten verkauft Blessing seine Vision von der Commerzbank so: Die Bank mit dem gelben Logo soll modern sein, aber traditionellen Werten verpflichtet bleiben. Das jahrzehntealte Motto „Die Bank an Ihrer Seite" wird dazu wiederbelebt. Es war nach der Übernahme der Dresdner Bank eingemottet worden.

Künftig will die Bank mit ihren Kunden keine riskanten, schwer zu verstehenden Geschäfte mehr machen - ein Tribut an die Finanzkrise. Die neue Ausrichtung ist aber auch eine Reaktion auf die neue Wohlfühlgeneration von Deutschen, die nicht nur keine Atomwerke mehr will, sondern auch keine Bank, die Finanzwetten auf Lebensmittel abschließt. Darauf reagiert Blessing als Vater dreier Töchter.

Doch reichen seine Maßnahmen auch aus, damit die Commerzbank genug Geld verdienen kann? So viel, um den Staat auszuzahlen und die Aktionären endlich mal wieder mit einer Dividende zu füttern? Wird es ausreichen, damit sich die Commerzbank weiter ernsthaft mit dem Namen „zweitgrößte, deutsche Bank" wird schmücken können?

Blessing ist stolz, im dritten Quartal in der Kernbank 700 Millionen Euro verdient zu haben. Doch das reicht nicht, um in der ersten Liga mitspielen zu können. Denn die hohen Sonderkosten, allen voran die Belastungen in der Bad Bank, fressen einen großen Teil des Gewinns auf. Die Aktionäre, soviel ist jetzt schon klar, werden bis einschließlich 2013 keine Gewinnausschüttung bekommen.

Genaue Zahlen kann Bank noch nicht nennen

Die Commerzbank muss an allen Ecken und Enden sparen, um wieder auf einen grünen Zweig zu kommen. Anders als der Branchenprimus verrät sie aber nicht, wie viel und wo genau sie sparen will. Während der Risikovorstand der Deutschen Bank detailliert dargelegt hat, woher die Einsparungen von 4,5 Milliarden Euro kommen sollen, lässt Blessing das im Dunkeln.

Ideen hat er wohl, doch sie sind noch nicht mit harten Zahlen unterfüttert. Klar, vieles muss sich erst noch zeigen, vielleicht auch getestet werden. Doch damit es mit der Aktie wieder aufwärts geht, die inzwischen weniger als 1,50 Euro kostet, braucht der Markt weitere Fakten. Die wird Blessing spätestens im nächsten Jahr nachliefern müssen, wenn die neue Commerzbank "gebaut" wird.

Um sein Konzept zum Erfolg zu führen, nimmt Blessing viel Geld in die Hand. „Schrumpfen ist nicht die einzige Antwort, den Herausforderungen zu begegnen", sagte er. Zwei Milliarden Euro sollen in den Umbau des Privatkundenschäftes fließen. Bis 2016 will Blessing liefern: Eine Millionen neue Kunden, gesteigerte Erträge pro Kunde und ein Betriebsergebnis von 500 Millionen Euro.

Was angesichts der aktuellen Zahlen ambitioniert klingt, wirkt beim Blick zurück eher bescheiden. Im Jahr 2008 nach der Fusion mit der Dresdner Bank hatte die vergrößerte Commerzbank noch von über 4 Milliarden Euro operativem Gewinn in der Kernbank geträumt. Rund 800 Millionen Euro waren seinerzeit im Privatkundengeschäft schon erreicht. Die neuen Ziele liegen also deutlich unter den Erfolgen der Vergangenheit.

Auch nach innen hofft Blessing mit der neuen Strategie zu wirken. Die Mitarbeiter sollen stolz sein, bei der Commerzbank zu arbeiten, sagte Blessing. Gedanklich fügt man ein „wieder" ein. Denn die einst stolze Bank ist für viele inzwischen nur noch eine größere Sparkasse. Die Mitarbeiter zu motivieren, den neuen Weg trotz Abbau engagiert mitzugehen, das wird die große Aufgabe für den Bankchef sein.

Kontakt zum Autor: Madeleine.Nissen@wsj.com und Alexandra.Edinger@dowjones.com

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