• The Wall Street Journal

Obermanns Telekom: Schrumpfen und kein Ende

    Von ARCHIBALD PREUSCHAT
dapd

Telekom-Chef Rene Obermann: Auf der verzweifelten Suche nach Wachstum.

Man mag der Deutschen Telekom zu Gute halten, dass sie hält, was sie versprochen hat. Die Jahresziele werden erreicht, die Dividende wackelt nicht. Da hatten die europäischen Mitbewerber zuletzt schon bösere Überraschungen im Gepäck, als sie die Quartalszahlen auspackten.

Doch das ist nur die eine Seite. Auf der anderen Seite steht, dass auch die Telekom schrumpft: in Deutschland, in Europa und in den USA sowieso. Seit Jahren sucht der Konzern – bisher vergeblich – nach neuen Wachstumstreibern. Statt Hoffnungsträgern tun sich für Telekom-Boss Rene Obermann jedoch stets neue Problemfälle auf. Und dort, wo Wachstum möglich wäre, sind andere oft schneller. Ein Überblick:

Deutschland

Breitbandanschlüsse sind in vielen deutschen Haushalten längst Standard. Sie können schon heute Übertragungsraten von über 100 Megabit pro Sekunde anbieten, das ist praktisch, wenn man zu Hause schnell surfen will oder sich Filme „streamen“ lässt.

Bei Breitbandanschlüssen haben die Kabelnetzbetreiber die Nase vorn, die Telekom hat es da ungleich schwerer. Natürlich hat auch sie schnelle Glasfasernetze, aber die enden – anders als die Fernsehkabel - in einem Verteilerkasten, die letzten Meter zum Hausanschluss müssen die Bits und Bytes durch eine Kupferleitung. Das reduziert die Surfgeschwindigkeit erheblich. Millionen Kunden eine Glasfaserleitung ins Haus zu legen, würde etliche Milliarden kosten.

Die Konsequenz ist, dass die Kabelnetzbetreiber deutliche Kundenzuwächse verzeichnen, die Telekom stagniert. Wachstum könnte Vectoring bringen, eine Technologie, die das letzte Stück Kupferleitung sozusagen tunt, um die Übertragungsgeschwindigkeit auf Kabelnetz-Niveau zu heben. Aber hier droht der Telekom Ärger mit dem Regulierer. Beim Vectoring kann lediglich ein Anbieter Informationen über das Kabel schicken. Das widerspricht der staatlichen Forderung nach diskriminierungsfreiem Zugang.

Auch im Mobilfunkgeschäft schrumpft die Telekom in ihrem Heimatmarkt. Der Umsatz mit mobilen Diensten, also Telefonie, SMS und Internet von unterwegs, ging im dritten Quartal um 0,5 Prozent zurück. Das ist nicht so dramatisch wie die 1,8 Prozent Rückgang im ersten und das volle Prozent im zweiten Quartal, aber eben auch noch kein Wachstum. Das holen derzeit andere – allen voran O2, bei denen legte der Mobilfunkumsatz im selben Zeitraum um 5,6 Prozent zu.

Es gehört schon einiges an Chuzpe dazu, die langsamer schrumpfenden Umsätze als „erste Erfolge auf dem Weg zur Rückgewinnung der Marktführerschaft bei den mobilen Serviceumsätzen“ zu bezeichnen, wie es die Telekom tut. Die Wahrheit ist, dass der Weg deutlich länger werden könnte, als dem magenta Riesen lieb ist. Zwar wird dem Konzern von unabhängiger Seite das beste Mobilfunknetz bescheinigt. Aber zum einen hängt der Wettbewerb nicht weit hinterher, zum anderen orientieren sich viele Kunden nicht an der Netzqualität, sondern am Preis. nd hier sind die Telekom-Herausforderer günstiger.

Europa

So schwierig die Lage der Telekom in Deutschland ist – im Vergleich zum Rest Europas läuft es in der Heimat noch richtig gut. Dass die ökonomischen Folgen der Eurokrise die Konkurrenz aus den hoch verschuldeten Südstaaten noch deutlich härter treffen, ist kein Trost für die Telekom, wenn ihr eigenes Geschäft ebenfalls schrumpft.

Hinzu kommen regulatorische Eingriffe. Gleich in neun der 13 Märkte, in denen die Bonner vertreten sind, mussten auf Geheiß der Aufsichtsbehörden die Preise gesenkt werden. „Die Rahmenbedingungen sind anhaltend schwierig“, kann Obermann nur konstatieren. Er glaubt, dass die Talsohle erreicht ist. Die Bilanz im dritten Quartal stimmt aber wenig hoffnungsfroh: der Umsatz sank 5,7 Prozent, das bereinigte operative Ergebnis um 4,3 Prozent.

USA

Das Dauerproblem der Deutschen Telekom – und das mit Abstand größte – ist das Geschäft in den USA. Weil die Telekom ihren US-Kunden kein iPhone anbieten kann, haben im dritten Quartal wieder eine halbe Million Amerikaner T-Mobile USA den Rücken gekehrt. Dass gleichzeitig mehr Prepaid- und Großhandelskunden gewonnen werden konnten, ist ein schwacher Trost. Ihre Rechnung ist im Schnitt gerade mal halb so hoch. Das Resultat: Der Umsatz mit mobilen Diensten in US-Dollar sank zwischen Juli und September um knapp 9 Prozent.

Die Heilung soll die Fusion mit MetroPCS bringen. Doch auch die Konkurrenz schläft nicht. Der AT&T -Konzern, der im vergangenen Jahr die Übernahme von T-Mobile USA wegen des Widerstandes der Wettbewerbshüter fallen lassen musste, wird in den kommenden Jahren 14 Milliarden Dollar investieren. Und Sprint Nextel will – mit freundlicher Unterstützung der japanischen Softbank - kleineren Konkurrenten Frequenzen abkaufen.

Auch die Telekom würde mit MetroPCS Zugriff auf erheblich mehr Frequenzen bekommen. Zudem würde der potenzielle Partner knapp zehn Millionen Kunden mitbringen, deren Durchschnittsumsatz höher ist als der der Prepaid-Kunden von T-Mobile USA. Eine Garantie für langfristiges Wachstum wäre die Fusion – so sie überhaupt durchgeht – allerdings nicht. Auch mit MetroPCS bliebe die Telekom in den USA der kleinste der landesweit tätigen Anbieter. Und das iPhone hätte sie dann immer noch nicht – ob und wann sich das je ändern wird, weiß nur Apple.

Kontakt zum Autor: archibald.preuschat@dowjones.com

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