• The Wall Street Journal

Ist Gold das bessere Geld?

    Von HANS BENTZIEN
dapd

Wenn das Vertrauen in die Währung schwindet, die Angst vor der Wertvernichtung durch Inflation zu groß wird, dann flüchten die Menschen ins Gold: Hier zählt ein iranischer Goldschmied seine Goldmünzen. Doch im Iran kaufen die Menschen auch US-Dollar, um ihr Geld sicher aufzubewahren.

Die Ängste und Sorgen der Deutschen, was den Ausgang der Euro-Krise angeht und die Kosten zu ihrer Bewältigung, haben in den vergangenen Monaten zu einer Diskussion über die im Ausland lagernden Goldreserven der Bundesbank geführt - mit einem erstaunlichen Ergebnis: Auf Druck des Bundesrechnungshofs holt die Bundesbank in nächster Zeit 150 Tonnen Gold nach Hause, die derzeit in den USA lagern.

Die Aufregung um das Bundesbank-Gold - insgesamt sind es knapp 3.400 Tonnen - ist rein menschlich verständlich, schließlich ist es rund 133 Milliarden Euro wert. Zudem stellt es einen nicht unbeträchtlichen Teil der deutschen Devisenreserven dar. Ökonomen sind aber sicher, dass Geld heutzutage völlig ohne eine Golddeckung auskommt. Alle Ökonomen? Nein, nicht alle. Eine kleine Gruppe von Experten ist anderer Ansicht. Und die sorgt sich natürlich besonders um den Verbleib des Bundesbank-Goldes.

Stichwort: Goldstandard

Nach dem Goldstandard können Banknoten jederzeit bei der ausgebenden Zentralbank zu einem festen Preis in Gold eingetauscht werden. Die Geldmenge steht in einem von Regeln bestimmten Verhältnis zu den von Zentralbank gehaltenen Goldreserven. Derartige Deckungsregeln sind die Basis dafür, dass die Wirtschaftsakteure (und damit auch die Verbraucher) Vertrauen in das Geld haben.

In Deutschland wurde der Goldstandard nach der Reichsgründung 1871 eingeführt. Das umlaufende Geld war nicht voll, sondern nur zu 70 bis 90 Prozent mit Gold gedeckt und verdrängte nach und nach die Währungen der einzelnen deutschen Länder.

Physisch ging der Goldbestand der Deutschen Reichsbank auf Reparationszahlungen zurück, die Frankreich nach der Niederlage im Krieg von 1870/71 an Deutschland leisten musste. Laut Friedensvertrag hatten die Franzosen binnen drei Jahren 5 Milliarden Francs Kriegsentschädigung zu zahlen. 97 Prozent davon sollten in Gold oder goldadäquaten Werten geliefert werden, zum Beispiel in Form von Handelswechseln auf London, wo die jeweilige Summe in Gold umgetauscht werden konnte.

Die Goldmark des Deutschen Reiches hatte einen Gehalt von 0,358423 Gramm Feingold. Eine Goldmark von 1873 entsprach in ihrer Kaufkraft rund 9,86 Euro. Bis 1913/14 fiel sie auf 4,87 Euro. Mit Beginn des ersten Weltkriegs fiel die Pflicht der Reichsbank zur Einlösung in Gold, und damit endete der Goldstandard in Deutschland faktisch nach gut 40 Jahren.

Ihr wohl bekanntester Vertreter ist der Frankfurter Ökonom Thorsten Polleit. Polleits Wort gilt in Währungsfragen etwas. Schon als er Deutschland-Chevolkswirt von ABN Amro und Barclays Capital war, hat der Volkswirt eine Lanze für Währungswettbewerb gebrochen. Wie bitte? Währungswettbewerb? Richtig: Polleit ist nicht einfach einer der vielen Euro-Gegner, die der D-Mark nachtrauern, er lehnt vom Staat aufgezwungenes Zentralbankgeld, so genanntes Fiat-Geld, überhaupt ab. Alle weltweit umlaufenden Währungen sind derzeit Fiat-Geld.

Die 20 größten Goldreserven der Welt

„Dieses Geld hat schwere ökonomische und ethische Defizite", sagt Polleit. „Fiat-Geld wird durch Kreditvergabe geschaffen und in Umlauf gebracht. Und es ist nicht durch echte Ersparnis gedeckt." Zugleich werde privaten Anbietern verwehrt, in das Geldgeschäft einzusteigen und „gutes" Geld anzubieten. Ein Währungswettbewerb würde nach Polleits Ansicht dazu führen, dass Geldemittenten aus Sorge um die Wettbewerbsfähigkeit ihres Zahlungsmittels auf eine zu starke Ausweitung der Geldmenge verzichten.

Damit wäre nach Meinung Polleits und des von ihm verehrten österreichischen Ökonomen Ludwig von Mises nicht nur der Inflationsgefahr ein Riegel vorgeschoben. Der Staat könnte sein Geldmonopol auch nicht mehr zur Umverteilung von Mitteln einsetzen. Dass er ohne Zentralbank auch kein Instrument mehr hätte, Währungskrisen geldpolitisch abzuwehren, ist für Polleit kein Argument, weil die Krisen seiner Ansicht nach ihrerseits staatsgemacht sind. „Fiat-Geld und Staat sind siamesische Zwillinge", sagt er.

Polleit plädiert deshalb für ein Geld, das „in einem freien Angebots- und Nachfrageprozess zu Stande kommt, dessen Produktion also den Anforderungen genügt, die üblicherweise an jede marktkonforme Güterproduktion gestellt werden". Der Sieger eines solchen Wettbewerbs steht für Polleit schon fest: Gold. Da passt es gut, dass er inzwischen als Chefvolkswirt für den Goldhändler Degussa arbeitet, dessen eigene Goldbestände um so mehr wert sind, je schlechter es um den Euro steht.

Würde Polleit tatsächlich mitten in der aktuellen Krise zum Goldstandard zurückkehren? „Ja", behauptet er, „es nützt immer, gutes Geld zu haben." Damit spricht er der deutschen Gold-Community aus dem Herzen, die eine Bürgerinitiative zur Repatriierung des im Ausland lagernden Bundesbank-Goldes ins Leben gerufen hat. Peter Boehringer, Initiator von "Holt unser Gold heim", sagt: „Wenn es eines Tages doch wieder zu einer nationalen Währung kommt, dann brauchen wir das Gold, um sie vernünftig zu decken." Dem Euro gibt Boehringer noch zwei bis drei Jahre.

Wirtschaftsprofessor Roland Vaubel ist zwar kein genereller Gegner von Fiat-Geld, wohl aber einer der bekanntesten deutschen Euro-Skeptiker. Und die Politik der Europäischen Zentralbank zerstört nach seiner Einschätzung eine wichtige Funktion des Euro, und zwar die der Wertaufbewahrung. „Ich erwarte, dass wir in den nächsten Jahren hohe Inflationsraten von um die 5 Prozent und mehr bekommen", sagt Vaubel. „Denn die Zentralbankgeldmenge im Euroraum ist seit 2010 um mehr als 50 Prozent ausgeweitet worden. Ich glaube nicht, dass die EZB das rechtzeitig wieder rückgängig machen wird."

Stichwort: Fiat Money

Fiat Money ist dem Lateinischen entlehnt und bedeutet soviel wie: Es werde Geld. Der Begriff weist darauf hin, dass das Geld vom Emittenten ohne besondere Voraussetzung geschaffen werden kann und nicht durch Werte gedeckt ist. Besitzer von Geld können es bei der Zentralbank nicht in wertbeständige, weil nicht beliebig vermehrbare Edelmetalle wie Gold oder Silber tauschen.

Seit dem 20. Jahrhundert sind Fiat-Währungen die Regel. Mit dem Ende des Wechselkurssystems von Bretton Woods im Jahr 1973 funktioniert das weltweite Währungssystem gänzlich ohne Edelmetalle als Anker. Bis dahin waren die wichtigsten Währungen an den US-Dollar gebunden gewesen und dieser wiederum an Gold. Allerdings musste die US-Notenbank den Dollar schon seit den 1930er Jahren nicht mehr auf Verlangen ihrer Bürger in Gold umtauschen.

Obwohl Fiat Money anders als Edelmetalle keinen Wert an sich darstellt, muss es zwei wichtige Geldfunktionen erfüllen: Es muss sich zum Tausch eignen und zum Sparen. Die Tauschmittelfunktion kann es nur erfüllen, wenn es von allen Wirtschaftsakteuren anerkannt wird. Zur Wertaufbewahrung, also zum Sparen, eignet es sich nur, wenn die Inflation, also der Verlust an Kaufkraft, niedrig ist.

Das Grundvertrauen in das Geld und die tatsächlich vorhandene Inflation setzen Vertrauen in die Zentralbank voraus, die das Geld herausgibt und seinen Wertverlust in Grenzen halten kann.

Fiat Money wird per Gesetz als Zahlungsmittel festgelegt. Als Geld funktionieren kann es aber nur dann, wenn es auch von den Handelspartnern akzeptiert wird, die eine andere Währung haben.

Zentralbanken können die umlaufende Menge von Fiat Money theoretisch beliebig erhöhen. So beeinflusst die Europäische Zentralbank (EZB) die Geldschöpfung indirekt über die Kreditvergabe. Sie senkt oder erhöht die Leitzinsen, woraufhin sich auch Kreditzinsen entsprechend entwickeln. Niedrige Zinsen führen tendenziell zu wirtschaftlichen Boomphasen und erhöhter Inflation, hohe Zinsen dagegen zu weniger Wachstum oder sogar Deflation.

Anhänger der österreichischen Schule der Volkswirtschaft behaupten, dass Fiat-Money-Systeme früher oder später zusammenbrechen müssen, weil Zinsen und Zinseszinsen auf die ausgereichten Kredite niemals beglichen werden können, also der Wirtschaft fehlen. Die drohende Vernichtung von Geldvermögen kann ihrer Ansicht nach nur durch immer neue Kredite kaschiert werden. Ist eine weitere „Aufschuldung" nicht mehr möglich, kollabiert nach ihrer Theorie das System. Die Anhänger dieser Schule fühlen sich von der weltweiten Finanzkrise bestätigt.

Allerdings ist der Mannheimer Professor kein Verfechter des Goldstandards: „Zum einen bindet man damit Ressourcen, die industriell verwendet werden könnten. Und zum anderen ist es besser, nicht den Preis eines Gutes, zum Beispiel Gold, sondern den Preis eines repräsentativen Warenkorbes zu stabilisieren." Genau das versucht die EZB, indem sie ein am Harmonisierten Verbraucherpreisindex orientiertes Inflationsziel von knapp 2 Prozent Teuerung verfolgt. Aber nach Vaubels Einschätzung wird sie dabei „unbedingt" scheitern. Der Grund: Die EZB habe die Geldmenge schon zu stark ausgeweitet.

Dass Professor Vaubel den Goldstandard nicht zur Nutzung empfiehlt, heißt jedoch nicht, dass er eine Rückkehr zu diesem Instrument komplett ausschließen würde. Als Anhänger des Mises-Schülers Friedrich-August von Hayek befürwortet nämlich auch er den Wettbewerb der Währungen. Und aus dem könnte Gold als Sieger hervorgehen. „Wenn die Menschen das wollten, dann hätte ich nichts dagegen", sagt er.

Die komplette Gegenposition nimmt Holger Schmieding ein, wie übrigens die meisten Ökonomen. Nach Meinung des Chefvolkswirts der Berenberg Bank war Gold vielleicht im 19. Jahrhundert eine geeignete Währungsbasis, aber heute sei sie das nicht. Schon damals, so sagt er, habe es unter dem Goldstandard starke wirtschaftliche Schwankungen gegeben. Würde man ihn unter den heutigen Bedingungen wieder einführen - viel staatliche Wirtschaftsaktivität und erhebliche Rigiditäten etwa am Arbeitsmarkt – „dann müssten wir uns wahrscheinlich auf eine Serie von Katastrophen einstellen, eine Abfolge von Inflation und Deflation, von Hochkonjunktur und Depression."

Den Wert des Geldes direkt an den Wert des Goldes zu knüpfen, ist seiner Ansicht nach „völliger Unsinn". "Die Goldpreise haben in den vergangenen 30 Jahren relativ zum Dollar oder relativ zu D-Mark und Euro dramatisch geschwankt. Hätten wir unser Preisniveau an das schwankungsanfällige Gold gekoppelt, was hätten wir dann für eine dramatische Entwicklung bei unserem Preisniveau gehabt? Uns hätte mal Inflation und mal Deflation geblüht", argumentiert er.

Schmieding nimmt nicht nur das Fiat-Geld im Allgemeinen, sondern auch den Euro im Besonderen in Schutz: „Erstens: Bisher ist der Euro ausgesprochen stabil. Zweitens: Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass sich das in absehbarer Zeit ändern wird. Die Geldmenge nimmt kaum zu, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage ist schwach. Drittens: Es gibt keinerlei Grund über eine Alternative, wie den Goldstandard, nachzudenken."

Kontakt zum Autor: hans.bentzien@dowjones.com

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