• The Wall Street Journal

Kreditvergabe wäre nicht so zügellos wie heute

Thorsten Polleit will zurück zu einer Goldwährung. Die aktuelle Krise, so sagt der Volkswirt, ist eine direkte Folge des Papiergeldes, das nicht durch echte Ersparnisse gedeckt ist. Aber Polleit geht noch einen Schritt weiter. Auch das Geldmonopol des Staates stellt er im Interview in Frage.

    Von HANS BENTZIEN

Herr Polleit, Sie sind der Präsident des gerade gegründeten Ludwig von Mises Institut Deutschland, sie befürworten einen Wettbewerb der Währungen und sagen: Gold ist die ultimative Währung. Und sie sind gegen das vom Staat aufgezwungene Geld. Was haben sie gegen dieses so genannte Fiat-Geld?

Dieses Geld hat schwere ökonomische und ethische Defizite. Fiat-Geld wird durch Kreditvergabe geschaffen und in Umlauf gebracht. Und es ist nicht durch echte Ersparnis gedeckt. Das provoziert notwendigerweise zunächst einen Scheinaufschwung, der dann aber in sich zusammenbricht. Fiat-Geld sorgt systematisch für Wirtschaftskrisen. Es führt außerdem zu einer immer größer werdenden Verschuldung von Staaten und insbesondere von Banken. Und wenn die Verschuldung erst einmal so groß geworden ist, dann erscheint natürlich der Rückgriff auf die elektronische Notenpresse, also die Inflationierung, als die Politik des kleinsten Übels. Und die Geschichte zeigt vielfach, welchen großen Schaden die Inflation einem Gemeinwesen zufügt.

Was hat die aktuelle Krise mit dem Fiat-Geld zu tun?

Sie ist unmittelbare Folge eines über Jahrzehnte aufgebauten Papiergeld-Booms. Dieses ungedeckte Papiergeld ist Anfang der 1970er Jahre auf den Weg gebracht worden, nachdem mit dem System von Bretton Woods die letzten Überbleibsel eines Pseudo-Goldstandards beseitigt wurden. Seitdem ist das Weltgeldsystem auf einem uneinlösbaren Papiergeldstandard aufgebaut. Das ist währungshistorisch ein einmaliger Fall.

Aber ist der Euro nicht von dem Warenkorb gedeckt, an den der Verbraucherpreisindex gebunden ist, der pro Jahr um weniger als 2 Prozent steigen soll?

Der Euro ist nicht gedecktes Geld, er ist eine nicht-einlösbare Papierwährung, die durch Kreditgewährung in Umlauf gebracht wird.

Sie sprachen ethische Defizite des Fiat-Gelds an …

[image] www.thorsten-polleit.com

Thorsten Polleit ist Chefvolkswirt bei Degussa Goldhandel und Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance. Der 44-Jährige ist Anhänger der Österreichischen Nationalökonomie.

Der Staat hat die Geldproduktion monopolisiert. Es wird guten Anbietern verwehrt, in das Geldgeschäft einzusteigen und gutes Geld anzubieten. Das Papiergeld wird ex nihilo - aus dem Nichts - in Umlauf gebracht, über Bankenkreditvergabe. In diesem monopolisierten System gibt es Begünstigte und Benachteiligte.

Die Gewinner sind die, die nah am Geldangebotsprozess sind. Das sind besonders die Banken und natürlich der Staat. Das sind alle die, die das neu geschaffene Geld als Erste in die Hand bekommen. Sie können noch zu relativ unveränderten Preisen kaufen. Dann wird das Geld von Hand zu Hand gereicht und diejenigen, die gar nichts von der neu geschaffenen Geldmenge abbekommen, sind die Geprellten. Insofern ist ein Papiergeldsystem immer mit einer Umverteilung verbunden, die nicht marktkonform ist.

Bei einer mit Gold gedeckten Währung wäre die Gerechtigkeit größer?

Ich plädiere für ein Geld, dass in einem freien Angebots- und Nachfrageprozess zustande kommt, dessen Produktion also den Anforderungen genügt, die üblicherweise an jede marktkonforme Güterproduktion gestellt werden: die Achtung der Eigentumsrechte aller Beteiligten. Ein Geld des freien Marktes weist die ethischen Defizite nicht auf, wie das beim staatlichen Geldmonopol der Fall ist.

Aber der kleine Mann, Menschen wie Sie und ich, lebt der mit sozialen Umverteilung, die Papiergeld ermöglicht, nicht besser?

Es gibt natürlich einige Gruppen, die extrem stark davon profitieren, dass es das Fiat-Geld gibt. Fiat-Geld erlaubt ja auch eine Zwangsumverteilung des laufenden Einkommens. Menschen nehmen ihre Ersparnisse und investieren sie in Staatsanleihen, die nur deshalb gut platziert werden können, weil die Zentralbank die Geldmenge ausweitet und die Zinsen absenkt.

Das so aufgenommene Geld wird nicht Investitionszwecken zugeführt, sondern es wird verkonsumiert, um Wahlgeschenke zu finanzieren. Das sind Kosten, die nicht unmittelbar in Erscheinung treten. Aber man sieht in Ländern wie Griechenland oder Spanien, dass sich deren Staatsanleihen, die Horte der Lebensersparnisse sein sollen, nun als Sparillusionen entpuppen – um nur mal eine Kostengröße zu nennen.

Und derartige Phänomene wären bei einer mit Gold gedeckten Währung nicht zu befürchten?

Die Goldwährung ist nicht manipulierbar, sie ist nicht den ständig wechselnden parteipolitischen Interessen unterworfen. Sie hat noch nie ihren Wert derart eingebüßt, wie das bei Papierwährungen chronisch der Fall ist. Der Euro hat seit 1999, wenn man den offiziellen Preisstatistiken glaubt, bereits 25 Prozent seiner Kaufkraft eingebüßt. Dieses Papiergeld hat keine Wertaufbewahrungsfunktion, wie sie die Zentralbank den Bürgern verspricht.

Die D-Mark hatte einen noch höheren Wertverfall …

Auch die D-Mark war eine Papierwährung. Und auch unter der D-Mark hat sich eine gewaltige Staatsverschuldung aufgebaut. Und auch der Bankenapparat war absurd groß geworden. Früher oder später hätte man auch mit der D-Mark die gleichen Probleme zu bewältigen gehabt wie jetzt.

Was würde mit dem Goldstandard aus unser schönen Frankfurter Bankenindustrie?

Aus dem Bankensystem würde ein Trennbankensystem mit Geldverwahrungshäusern auf der einen Seite. Diese Verwahrstellen würden wie „Clearstream" funktionieren, sie machen die Zahlungsabwicklung. Als Kunde können sie weiter Internetbanking machen, sie können mit Überweisungen und Schecks zahlen. Und auf der anderen Seite haben sie ein Kredit- und Investmentbanking-Geschäft. Die können weiterhin Kredite vergeben und Finanztransaktionsinstrumente einsetzen.

Wo wäre der Unterschied zu den heutigen Verhältnissen?

Die Banken könnten sich nicht mehr refinanzieren, indem sie selbst ex nihilo Kredite schöpfen. Sie müssten sich durch Ausgabe von Schuldverschreibungen refinanzieren.

Und wer leiht diesen Banken das Geld, wenn ich mein Geld zur Verwahrungsstelle bringe?

Wenn sich der Marktprozess darauf geeinigt hat, dass Gold das ultimative Zahlungsmittel ist, dann bringe ich mein Gold zur Einlagebank, dafür kriege ich einen Zettel oder eine Giro-Gutschrift. Wenn ich weiß, dass ich diesen Barren nicht unmittelbar ausgeben will, dann könnte mir eine Bank eine Schuldverschreibung über fünf Jahre zu 4,5 Prozent anbieten. Da gehe ich ein Kreditrisiko ein und erhalte dafür eine Zinsvergütung. Die Verfügung über den Geldbestand auf die Bank über.

Falls der Euro scheitert, könnte, sollte Deutschland dann - vielleicht zusammen mit geeigneten Partner - Währungswettbewerb zulassen?

Auf jeden Fall. Ich glaube, das ist auch gar nicht mehr aufzuhalten. Man sieht ja jetzt schon weltweit, dass die Nachfrage nach Gold und Silber oder nach anderen Edelmetallen steigt. Die Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes wird zusehends in diese Medien verlagert. Der Prozess ist bereits im Gange, und wenn man noch größeres Unheil verhindern will, fängt man möglichst früh an, den Menschen diese Möglichkeit zu eröffnen und ihnen das auch anzubieten.

Begibt sich die Wirtschaftspolitik, wenn sie auf Fiat-Geld verzichtet, nicht eines wichtigen Instruments, um zum Beispiel auf Krisen zu reagieren oder das Wirtschaftswachstum anzukurbeln?

Ich kenne keine große Wirtschaftskrise, wo nicht staatliches Handeln im Vorfeld die Missstände erst ausgelöst hat. Auch der Hinweise auf die Große Depression 1929 bis 1933 – da ist häufig in der Literatur zu finden, der Goldstandard habe versagt. Dazu muss man sagen: Einen echten Goldstandard hat es noch nie gegeben. Das, was man heute als Goldstandard bezeichnet, das waren allesamt Pseudo-Goldstandards.

Das zeigte sich darin, dass Banken vom Staat erlaubt wurde, mit einem Teilreservesystem zu operieren. Sie durften mehr Zettel ausgeben, als durch Gold gedeckt waren. Und das führte immer wieder zu Bankzusammenbrüchen. Bei einem Goldstandard in Reinform wären jeder Zettel, jedes Giro-Guthaben zu 100 Prozent mit Gold gedeckt. Das war bisher nie der Fall, auch in Deutschland nicht.

Würde unter dem Goldstandard überhaupt die Kreditversorgung der Wirtschaft funktionieren?

Es gibt ja diese These, dass eine wachsende Wirtschaft einer wachsenden Geldmenge bedürfe. Das wird häufig als K.O.-Argument gegen ein Sachgeld vorgebracht. In seiner „Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel" aus dem Jahr 1912 zeigte Ludwig von Mises: Geld hat nur eine Funktion - die Tauschmittelfunktion. Und eine Vermehrung der Tauschmittel macht eine Volkswirtschaft nicht reicher. Es nimmt nur die Kaufkraft des Geldes ab. Und es setzt eine Umverteilung ein.

Unter dem Goldstandard kommt genau das Sparangebot auf den Markt, was aus einem Konsumverzicht resultiert. Der Zins bildet sich nur durch Angebot und Nachfrage. Es ist ein ganz marktkonformer Prozess, in dem der Kreditmarkt dann richtig funktionieren würde. Die Kreditvergabe wäre tatsächlich nicht so zügellos wie heute. Im heutigen System wird ja einfach neues Geld durch Kredite geschaffen. Dass es da echte Ersparnisse gibt, ist eine Illusion.

Wird derzeit über Goldstandard-Währungssysteme geforscht? Gibt es Wissenschaftler, die die Einführung so eines Währungssystems begleiten könnten?

Die Ideen eines Sachgeldes oder Goldstandards sind in der meinungsführenden Wissenschaftszunft diskreditiert. Und sie ist auch diskreditiert bei den unmittelbaren Entscheidungsträgern. Die Krise wird aber wohl noch so schlimm werden, dass man nach etwas Ausschau halten wird, was in der Vergangenheit funktioniert hat, was Vertrauen wiederherstellen kann. Und auf dem Wege wird sich auch der Goldstandard wieder empfehlen.

Die 20 größten Goldreserven der Welt

Wenn man in die Geschichte guckt, hat man den Eindruck, dass es leichter ist, den Goldstandard einzuführen, als dann auch an ihm festzuhalten. Bisher ist er bei der nächstbesten Krise immer über Bord geworfen worden. Wie verhindert man das beim nächsten Mal?

Deshalb sprach ich von einem Pseudo-Goldstandard. Weil der Staat mit seiner Zentralbank natürlich in einem ganz frühen Stadium das System untergraben hat. Durch die Verbandlung zwischen Staat, Zentralbank und Geschäftsbanken ist die Goldeinlösepflicht für die ausstehenden Noten oder Giroguthaben suspendiert worden. Das war ein Enteignungsakt.

Man muss darüber nachdenken, wie man verhindern kann, dass der Staat wieder so zerstörerisch wirken kann. Ist Staat, wie wir ihn heute kennen, überhaupt noch angemessen? Das Papiergeldsystem und seine Krisen stellen unsere heutiges Politik- und Gesellschaftsmodell in Frage. Das darf man nicht übersehen: Staat und Papiergeld sind Siamesische Zwillinge. Ein Währungswettbewerb kann die Gefahr eines starken staatlichen Eingriffs reduzieren.

Würde uns die Einführung von Währungswettbewerb in der jetzigen Krise etwas nützen?

Ja, es nützt immer, gutes Geld zu haben.

Kontakt zum Autor: hans.bentzien@dowjones.com

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Panorama

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 31. Juli

    Wasser marsch: in Frankreich spielten Kinder am Donnerstag an Springbrunnen, in Deutschland strömten Urlauber ins Freibad und in Indien trotzten Anwohner einem Wolkenbruch. Das und mehr zeigen unsere Fotos des Tages.

  • [image]

    Biene, Eule, Pinguin: Die tierischen Maskottchen von Tech-Firmen

    Viele Produkte von Tech-Firmen sind schwer verständlich für Laien. Die Unternehmen haben es darum oft nicht leicht, für sich zu werben. Etliche setzen auf Tiere, um ihre Marke bekannt zu machen. Wir stellen 30 von ihnen vor.

  • [image]

    Die teuersten Hotelstädte Europas

    Paris, London, Berlin, Lissabon: Im Sommer locken Städte die Urlauber. Bei den Zimmerpreisen sind die Unterschiede groß. Wir zeigen, wo Touristen sich das Hotel leisten können - und in welchen Städten die saftigsten Preise fällig werden.

  • [image]

    Zu Besuch bei deutschen Start-ups

    Ständig wird über sie berichtet, ihre Dienste werden von Millionen genutzt: Deutsche Start-ups müssen sich vor der Konkurrenz aus den USA längst nicht mehr verstecken. Das zeigt auch ein Blick auf die Büros der jungen Firmen. Wir haben Onefootball, Eyeem, Wooga, Amorelie, Mymuesli, Researchgate und Outfittery in Berlin besucht.

  • [image]

    Die schlimmsten Stau-Städte der Welt

    Für alle deutschen Autofahrer im Stau gilt: Es geht noch schlimmer. Der Navigationsgeräte-Hersteller TomTom hat die Fahrzeiten in den Metropolen verglichen. Wir stellen die Stau-Hochburgen der Welt vor.

  • [image]

    Der neue Villen-Boom in Berlin

    „Arm, aber sexy" war gestern. Heute zeigt Berlin wieder Luxus. Besonders die Altbauvillen im Südwesten der Hauptstadt erleben derzeit eine neue Blütezeit.