• The Wall Street Journal

EZB kann ihr Versprechen zur Inflation nicht halten

Ist der Euro zum Sparen auf lange Sicht untauglich? Professor Roland Vaubel ist davon überzeugt. Die EZB hat seiner Meinung nach den Bogen überspannt und die Geldmenge zu sehr ausgeweitet, um die Inflation im Zaum zu halten. Sein Vorschlag: Macht es wie Neuseeland, sagte er im Interview.

    Von HANS BENTZIEN

Herr Professor Vaubel, die Anziehungskraft von Gold als Investment nimmt wegen der um sich greifenden Inflationsängste zu. Droht unser Geld, der Euro, seine Wertaufbewahrungsfunktion zu verlieren?

Ja, davon bin ich überzeugt. Ich erwarte, dass wir in den nächsten Jahren hohe Inflationsraten von um die 5 Prozent und mehr bekommen. Denn die Zentralbankgeldmenge im Euroraum ist seit 2010 um mehr als 50 Prozent ausgeweitet worden. Ich glaube nicht, dass die EZB das rechtzeitig wieder rückgängig machen wird.

Stichwort: Geldmenge

Geld ist nach Auffassung der Monetaristen letztlich immer ein Mengenphänomen. Es entsteht Inflation, wenn zuviel Geld in Umlauf ist. Deshalb werden Geldmengen genau beobachtet. Die am engsten gefasste Geldmenge heißt M1 und umfasst das umlaufende Bargeld sowie Bankguthaben (im Zentralbankdeutsch Sichteinlagen). M2 beinhaltet neben M1 zusätzlich noch Einlagen, die binnen von zwei Jahren „zu Geld gemacht" werden können. M3 heißt die Geldmenge, für die sich die EZB besonders interessiert, sie umfasst M2 und weitere Finanzinstrumente, die in zwei Jahren zu Geld gemacht werden können und darüber hinaus Geldmarktfondsanteile.

Die Geldmengenexpansion ist bereits angesprungen. Vor einem Jahr hatten wir noch praktisch eine stagnierende Geldmenge. Inzwischen ist die Geldmenge M1 um 5 Prozent gestiegen, M3 etwas weniger. Die Dinge kommen schon in Bewegung. Zugleich hat unser deutsches EZB-Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen erklärt, dass sich das Einsammeln dieser Zentralbankgeldmenge über Jahre hinziehen wird. Das wäre viel zu spät, um Inflation zu verhindern.

Die EZB guckt ja mehr auf M3 und dort hatten wir zuletzt 2,9 Prozent. Das ist von den 4,5 Prozent, die die EZB selbst mal als Referenzwert für Inflationsfreies Wachstrum bezeichnet hat, noch weit entfernt. Warum sind sie so alarmiert?

Der Trend ist interessant, es geht rauf. Die Geldmenge reagiert jetzt. Und ich bin überzeugt, dass sich dieser Trend fortsetzen wird.

Aber der interessanteste Gegenposten dieser Bilanz, die Kreditvergabe, sieht doch sehr schwach aus …

[image] Universität Mannheim

Roland Vaubel ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Politische Ökonomie an der Universität Mannheim. Der 64-Jährige hält den Euro inzwischen für einen Fehler. Einer seiner Schüler war der heutige Bundsbankpräsident Jens Weidmann.

Ja, aber wir haben ja in den 1970er Jahren gelernt, dass sich die Preisniveauentwicklung total von der Realwirtschaft abkoppeln kann. Stagflation hieß das damals. Man kann eine Rezession haben und gleichzeitig hohe Inflation. Das Prognosemodell der EZB sieht diese Möglichkeit nicht vor.

Der Anker unseres Fiat-Geldes, das ist das Versprechen, nicht mehr als knapp 2 Prozent Inflation zuzulassen, gemessen an einem Warenkorb. Droht die EZB dieses Ziel zu verfehlen?

Unbedingt.

Gesetzt den Fall, der Euro zerbräche, könnte man sich vorstellen, ihn durch eine goldgedeckte Währung zu ersetzen?

Mein Verhältnis zum Goldstandard ist ambivalent. Man muss anerkennen, dass der Goldstandard von den 1870er Jahren bis zum ersten Weltkrieg ein hohes Maß an Preisstabilität hervorgebracht hat. Gleichzeitig hatten wir schwere Konjunkturschwankungen, was aber auch an der damaligen Zeit mit ihren Produktivitätsschocks und ihrer rasanten technologischen Entwicklung gelegen haben mag.

Aber ich halte den Goldstandard aus zwei Gründen für nicht optimal. Zum einen bindet man damit Ressourcen, die industriell verwendet werden könnten. Und zum anderen ist es besser, nicht den Preis eines Gutes [Gold], sondern den Preis eines repräsentativen Warenkorbes zu stabilisieren. Meine Idealvorstellung wäre eine Art neuseeländisches Modell.

Was ist das für ein Modell?

Es beruht auf Fiat Money und einer unabhängigen Zentralbank, und der Zentralbankgouverneur wird entlassen, wenn er im Durchschnitt mehrerer Jahre eine zu hohe Preissteigerungsrate zulässt. 1989 führte die Reserve Bank of New Zealand als erste Zentralbank das sogenannte Inflation Targeting ein. Für die Geldpolitik war allein der Governeur verantwortlich. Ich wäre dafür, weitere Sanktionen vorzusehen: Wenn die Inflationsrate ein Jahr über drei Prozent liegt, würde ich ihm das Gehalt halbieren, beim zweiten Jahr nochmals und nach dem dritten Jahr würde er entlassen. Das würde abschrecken, wäre auch rufschädigend.

Glauben sie, dass sich so ein Modell mit so einer multinationalen Zentralbank wie der EZB umsetzen ließe?

Im Prinzip geht es auch mit einem Zentralbankrat. Aber man trifft dann vielleicht auch Unschuldige – nämlich die, die überstimmt wurden. Besser wäre ein Gouverneur.

Die 20 größten Goldreserven der Welt

Einen Zentralbankpräsidenten so hart an die Kandare zu nehmen, dass er Preisstabilität um jeden Preis durchsetzt, ist das nicht das Gleiche wie sich an Gold zu binden und dann alles in Kauf zu nehmen, was kommt? Es gibt Befürworter des Goldstandards, die sagen: In der Vergangenheit ist dieser Standard nur deshalb gescheitert, weil er nicht konsequent umgesetzt wurde.

Der Goldpreis ist nicht identisch mit dem Preis des repräsentativen Warenkorbes. Die Schwankungen zwischen dem Goldpreis und dem Warenkorb, wie wir sie in der Zeit des Goldstandards hatten, lagen meines Wissens nicht daran, dass der Goldstandard nicht richtig umgesetzt wurde. Es liegt im System des Goldstandards, dass der Goldpreis stark vom Preis des repräsentativen Warenkorbs abweichen kann.

Ludwig von Mises, ein Vertreter der österreichischen Schule der Nationalökonomie, war wie sein Schüler Friedrich-August Hayek ein Gegner unseres Fiat-Geldes. Hayek wollte aus ethischen, aber auch aus Gründen der Inflationseindämmung einen Währungswettbewerb.

Ich bin auch für Währungswettbewerb, aber es muss nicht Gold sein.

Und wenn sich dabei Gold als die ultimative Währung herausstellt, mit all den Nachteilen, die sie eben beschrieben haben?

Wenn die Menschen das wollten, dann hätte ich nichts dagegen.

Kontakt zum Autor: hans.bentzien@dowjones.com

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Panorama

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 23. April

    Bayern-Fans in Madrid, kleine Toreros in der Arena von Sevilla, eine kalte Dusche auf den Philippinen und ein Hoffnungsschimmer für Griechenland. Das und noch viel mehr steckt heute in unseren Bildern des Tages.

  • [image]

    Die Auto-Neuheiten aus China

    Der chinesische Automarkt gilt als schwierig - aber auch als lukrativ. Im Jahr des Pferdes versuchen die Autobauer mit limitierten Editionen und protzigen Modellen, die Käufer zu umgarnen. Wir zeigen Ihnen die Neuheiten der Automesse in Peking.

  • [image]

    Panini-Sticker: Höhepunkte aus 40 Jahren

    Zur Weltmeisterschaft im eigenen Land kamen 1974 die ersten Panini-Klebebilder in Deutschland auf den Markt, inzwischen haben sie Kultstatus. Ein Rückblick auf 40 Jahre Fußballgeschichte.

  • [image]

    Diese Länder sind die Wachstums-Stars

    Die Weltwirtschaft gewinnt weiter an Schwung. Wachstums-Impulse kommen aus den Industrieländern, auch aus Europa. Die höchsten Wachstumsraten sitzen aber woanders. Wir zeigen Ihnen, wo die Wirtschaft am stärksten boomt.

  • [image]

    Die bestverdienenden Bankenchefs der Welt

    Das vergangene Jahr hat sich für die Chefs der internationalen Großbanken wieder gelohnt. Doch auch in der Liga der Großverdiener gibt es deutliche Klassenunterschiede. Wir haben aufgelistet, wer wie viel erhalten hat.