• The Wall Street Journal

Eine Goldwährung wäre archaisch und unmodern

Gold glänzt zwar schön, ist im Wert aber alles andere als stabil, sagt Holger Schmieding, Chefvolkswirt bei der Berenberg Bank im Interview. Er hält eine Goldwährung für archaisch und unpassend für unsere moderne Welt. Der Euro sei im übrigen ausgesprochen stabil.

    Von HANS BENTZIEN

Herr Schmieding, Goldfans empfehlen in der aktuellen Euro-Krise Gold als Währungsanker. Sie wünschen sich die Wiedereinführung des Goldstandards. War unter dem Goldstandard, Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, alles besser?

Nein. Auch damals ging es in der Konjunktur und an vielen Märkten ständig auf und ab. Es kam beispielsweise zum Gründerkrach in Deutschland. Das war eine erhebliche Rezession. Es gab auch damals viele Fehlinvestitionen und große Investitionsblasen beispielsweise in den damaligen Kolonien oder anderen Gebieten, die man heute als Emerging Markets bezeichnen würde.

Wir hatten damals Wirtschaften, die durch sehr wenig Staatsaktivität geprägt waren. Die Wirtschaften waren deshalb eigentlich recht flexibel. Dennoch waren sie zu Zeiten des Goldstandards alles andere als stabil.

Damals hat Gold als Anker noch halbwegs funktioniert. Heute haben wir in der westlichen Welt sehr viel staatliche Wirtschaftsaktivität und leider erhebliche Rigiditäten, beispielsweise am Arbeitsmarkt. Das ist gesellschaftlich so gewünscht, ob wir Volkswirte das im Einzelfall für richtig oder falsch halten.

Berenberg Bank

Holger Schmieding ist Chefvolkswirt der Berenberg Bank.

Würden wir die damalige Volatilität der Wirtschaft, wie wir sie unter dem Goldstandard hatten, auf heute übertragen, also auf Wirtschaften, die wegen des größeren Staatseinflusses wesentlich weniger anpassungsfähig sind, dann müssten wir uns wahrscheinlich auf eine Serie von Katastrophen einstellen, eine Abfolge von Inflation und Deflation, von Hochkonjunktur und Depression.

Sie sagen also auch wie die Verfechter des Goldstandards, Fiat-Geld und ein starker Staat sind siamesische Zwillinge?

Nein, siamesische Zwillinge sind es nicht. Aber richtig ist, dass zu unserem modernen Staat eine archaische Organisationsform des Geldwesens wie der Goldstandard überhaupt nicht passt. So wie wir über andere Phasen der menschlichen Entwicklung hinausgewachsen sind, sind wir auch längst über die Phase hinausgewachsen, in der der Goldstandard noch sinnvoll war.

Wäre es nicht gut, wenn man einen Mechanismus fände, mit der man der Kreditvergabe stärkere Zügel anlegen könnte?

Das ist richtig. Dafür haben wir unabhängige Zentralbanken. Zusammen mit den Regulierungsbehörden können sie die Kreditvergabe insgesamt steuern. Dafür brauchen wir keinen Goldstandard, oder einen Silberstandard oder einen Platin-, Kupfer- oder Kartoffelstandard.

Wie ist es eigentlich zu erklären, dass Gold immer wieder aufs Tapet kommt - in letzter Zeit in Zusammenhang mit der Forderung, Transfers im Rahmen des Zahlungsverkehrssystems Target oder andere zwischenstaatliche Transfers abzusichern? Geh es doch nicht ganz ohne Gold?

Gold ist einer von vielen Vermögenswerten. Es ist sogar ein besonderer Vermögenswert, weil es glänzt, weil man es auch als Schmuck verwenden kann. Das können sie mit vielen anderen Vermögenswerten nicht machen. Insofern hat Gold eine gewisse Faszination und Attraktion.

Für viele Dinge, für die man Vermögenswerte einsetzen kann, ist auch Gold geeignet. Natürlich ist es sinnvoll, darüber nachzudenken, bei bestimmten Schuldverhältnissen die Forderungen und Verbindlichkeiten auch mit Kreditsicherheiten zu unterlegen. Dazu kann auch Gold gehören.

Aber den Wert unseres Geldes direkt an den Wert des Goldes zu knüpfen, ist völliger Unsinn. Die Goldpreise haben in den letzten 30 Jahre relativ zum Dollar oder relativ zu D-Mark und Euro dramatisch geschwankt. Hätten wir unser Preisniveau an das schwankungsanfällige Gold gekoppelt, was wir dann für eine dramatische Entwicklung bei unserem Preisniveau gehabt? Uns hätte abwechselnd Inflation und Deflation geblüht.

Aber hätte sich der Goldpreis nicht ganz anders entwickelt, wenn Gold die Basis unserer Währung gewesen wäre?

Wahrscheinlich ja. Nur wie, ist unklar. Wir hätten beispielsweise trotzdem in den letzten 15 Jahren eine massive Zusatznachfrage nach Gold aus China und Indien gehabt. Dort sind Frauen reicher geworden. Und gerade dort möchten sie sich gerne mit Gold schmücken, zum Beispiel zur Hochzeit. Wollen wir wirklich, dass die Hochzeitssitten in Indien und der Aufstieg einer indischen Mittelklasse unser Preisniveau um die Hälfte sinken lassen muss, wenn sich dank dieser Zusatznachfrage der Goldpreis verdoppelt?

Die 20 größten Goldreserven der Welt

Sind in letzter Zeit nicht auch verstärkt Zentralbanken aus Schwellenländern als Goldkäufer aufgetreten?

Gerade an dem Verhalten von Zentralbanken, die bei hohen Preisen jetzt mehr Gold halten möchten als zuvor, erkennen wir ja schon, was für Faktoren den Goldpreis manchmal treiben können. Das ist neben echter Nachfrage nach Schmuck oft der reine Herdentrieb. Mit unseren eigenen Inflationsaussichten, mit dem Steuern unseres Preisniveaus, haben diese Faktoren, die den Goldpreis prägen, sehr wenig zu tun.

Gold ist keine stabile Vermögensanlage. Es glänzt zwar schön. Aber sein Wert alles andere als stabil. Aber es ist natürlich eine Vermögensanlage, die wie andere volatile Anlageformen mal mehr und mal weniger Sinn ergeben kann.

Die Verschuldung von Staat im Euroraum und die Liquiditätsmaßnahmen der Europäischen Zentralbank haben die in Deutschland ohnehin latent vorhandene Inflationsaversion weiter verstärkt. Viele Menschen haben Angst, dass die Kaufkraft des Euro schwinden wird. Ist diese Angst berechtigt?

Nein. Erstens: Der Euro ist bisher ausgesprochen stabil. Zweitens: Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass sich das in absehbarer Zeit ändern wird. Die Geldmenge nimmt kaum zu, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage ist schwach. Drittens: Es gibt keinerlei Grund über eine Alternative, wie den Goldstandard, nachzudenken.

Kontakt zum Autor: hans.bentzien@dowjones.com

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