• The Wall Street Journal

Commerzbank - Wie lange noch, Herr Blessing?

    Von ALEXANDRA EDINGER

Die Pläne waren groß bei der Commerzbank . Doch die Realität hat die Träume vom zweiten „nationalen Champion" ein- und überholt - das Kartenhaus von damals ist in sich zusammen gefallen. Jetzt will das Institut unter der Leitung von Bank-Chef Martin Blessing mit neuer Strategie andere Wege gehen. Aber Blessing bekommt die Probleme, die sein Bankhaus quälen, nicht in den Griff. Das Vertrauen in ihn schwindet immer weiter. Kann er unter diesen Voraussetzungen wirklich bis 2016 an Bord bleiben?

Es sind vor allem die Altlasten, die Blessing wie Pech an den Schuhen kleben. Denn der Manager, der bereits seit November 2001 dem Vorstand angehört und seit Mai 2009 dessen Chef ist, war dabei, als grundlegende Entscheidungen getroffen wurden, die die Bank noch Jahre später in ihren Fängen halten.

[image] dapd

Commerzbank-Chef Martin Blessing

Stichwort: Eurohypo. Sie ist seit Juli 2008 komplett im Besitz der Commerzbank. In der Retrospektive keine glückliche Entscheidung, denn nur drei Monate später beschleunigt die Pleite von Lehman Brothers die Finanzkrise. Das Portfolio der Eurohypo ist inzwischen in der Bad Bank gelandet und generierte da mit den anderen faulen Krediten im dritten Quartal Verluste von 476 Millionen Euro.

Stichwort: Dresdner Bank. Ihre Übernahme wird 2008 eingefädelt und wegen der Finanzkrise zügig zum 1. Januar 2009 unter Dach und Fach gebracht. Die Commerzbank blätterte den „Schnäppchenpreis" von knapp 5 Milliarden Euro hin. Das Geld hatten die Frankfurter eigentlich zu dem Zeitpunkt nicht locker, aber der Wille, sich hinter der Deutschen Bank als zweitgrößtes deutsches Finanzinstitut zu etablieren, war stärker. Und so kommt es, wie es kommen muss: Am 3. November 2008 stellt das Bankhaus seinen Antrag auf Staatshilfe beim Sonderfonds SoFFin und erhält bis 2009 insgesamt 18 Milliarden Euro Kapital vom Staat, um die Finanzkrise zu überstehen.

Im Gepäck der Dresdner finden sich zusätzliche Anteile an der Deutschen Schiffsbank, die seit Mai 2012 komplett zur Commerzbank gehört und inzwischen ebenfalls in der Bad Bank entsorgt wurde.

Blessing ist bei diesen Entscheidungen noch nicht im Fahrersitz. Vielmehr fallen sie in die Verantwortlichkeit des damaligen Bank-Chefs Klaus-Peter Müller. Der sonnt sich inzwischen in seiner Position als Aufsichtsratschef und beaufsichtigt, wie sich Blessing mit der Beseitigung seiner Fehler abmüht.

Ganz so klar ist die Schuldzuweisung aber auch nicht. Blessing war als Vorstand am Entscheidungsprozess beteiligt – jetzt ist er der Buhmann. Er muss die Strafen einstecken, die sein Institut von der Europäischen Kommission für die Staatshilfen aufgebrummt bekommt. Es liegt an ihm, die Bilanzsumme von über einer Billion Euro nach dem Zusammenschluss mit der Dresdner auf künftig 600 Milliarden Euro herunter zu fahren. In seine Ägide fällt die Staatspleite von Griechenland, die massive Abschreibungen bei der Eurohypo nach sich zieht. Die Europäische Bankenaufsicht EBA ermittelt eine Kapitallücke und Blessing stopft sie.

Es mutet ein bisschen an wie Don Quichotes Kampf gegen die Windmühlen. Den Kampf kann Blessing eigentlich nicht gewinnen: Denn den Märkten reicht die neue Strategie nicht aus. „Es handelt sich um eine Kostenmanagementstory, deren Happy End im Jahr 2016 mit vielen Unsicherheiten behaftet ist", urteilt Ingo Frommen, Analyst bei der LBBW. Philip Häßler von der Equinet Bank, sieht in der neuen Strategie keinen Grund, um zu investieren. Vor allem, weil er in der nächsten Zeit keine guten Nachrichten von der Commerzbank erwartet.

Urteil kaum verwunderlich

Das Urteil ist nicht verwunderlich. Blessing plant sein Bankhaus zur Multikanalbank umzukrempeln. Zwei Milliarden Euro sollen dafür investiert werden – bei gleichbleibenden Kosten. „Wir müssen diese Investitionen aus der Bank rausschwitzen", erklärt er dazu im Interview mit dem Wall Street Journal. Soll im Klartext heißen, dass Mitarbeiter den Stuhl vor die Tür gestellt bekommen. Wie viele genau, dazu will der Bankchef noch nichts sagen. Aber es kursieren Gerüchte, dass es bis zu 6.000 Mitarbeiter treffen könnte. Entlassungen in dieser Größenordnung durchzuboxen, wird nicht leicht werden.

Beim größten Sorgenkind der Commerzbank, dem Privatkundengeschäft, soll sich am meisten verändern. „Hier haben wir Fehler gemacht", räumt Blessing freimütig ein, dass Trends hin zu sicheren Anlageprodukten und mehr Online-Angeboten schlichtweg verschlafen wurden. Jetzt soll der operative Gewinn bis 2016 auf 500 Millionen Euro gesteigert werden – bei geplanten 12 Millionen Kunden. In den ersten neun Monaten 2012 waren es bislang 215 Millionen Euro mit 11 Millionen Kunden. Nur zum Vergleich: Die Deutsche Bank verdiente – inklusive der Postbank – mit ihren 24 Millionen Privatkunden binnen neun Monaten 1,5 Milliarden Euro. Das Ziel ist für die Commerzbank ambitioniert, im Vergleich zur Konkurrenz aber fast ein wenig lasch.

Richten soll es die Kernbank aus Privatkundengeschäft, Mittelstandsbank, Investmentbanking und Osteuropageschäft. Hier sollen die operativen Gewinne steigen und die Mittel bereitzustellen, um die Kosten stabil zu halten und gleichzeitig mehr zu investieren. Das Heilmittel der Commerzbank klingt ein wenig nach der Quadratur des Kreises. Kein Wunder, dass die Experten erst einmal Erfolge sehen wollen, ehe sie wieder Zutrauen in die Bank schöpfen.

"Neue Normalität"

Die Planung des Geldhauses lässt zudem darauf schließen, dass die Frankfurter auf die Erholung der Märkte setzen, um ihre Ziele erreichen zu können. Aber wenn man eines aus der anhaltenden Schulden- und Finanzkrise gelernt haben sollte, dann doch bestimmt, dass inzwischen nichts mehr so ist wie es einst war. Selbst die Commerzbank redet von der „neuen Normalität". Begriffen scheint man das aber nicht unbedingt zu haben.

Auch wenn die Kritik an den Zukunftsplänen schon laut wird und sich der Aktienkurs seit Bekanntgabe der Strategie auf Talfahrt befindet: Blessing selbst will den Umbau der Bank „bis zum Ende" begleiten. Sein Vertrag läuft noch bis Oktober 2016. Aber wird er den wirklich absitzen können? Auf der Hautpversammlung fordern die Kleinaktionäre mit schöner Regelmäßigkeit seinen Kopf. So lange Blessing die Unterstützung aus Berlin hat, ist das für ihn unkritisch. Bisher steht der Staat, der 25 Prozent plus eine Aktie an dem Bankhaus hält, hinter dem Vorstandschef.

Doch die neue Strategie muss bald Früchte tragen. 6 Euro je Aktie hat der Bund 2009 für die Commerzbank-Aktie bezahlt. Aktuell ist seine Beteiligung weniger als ein Viertel wert. Trotzdem bleibt den Aktionären keine andere Wahl als abzuwarten. Erst wenn die Politiker die Geduld verlieren oder Blessing den Staat wieder aus der Commerzbank draußen hat, können Aktionäre auf Veränderungen hoffen. Welcher Fall zuerst eintritt – darüber darf spekuliert werden.

Kontakt zum Autor: Alexandra.Edinger@dowjones.com

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