• The Wall Street Journal

Xi Jinping – Der neue Boss für China

    Von JEREMY PAGE, BOB DAVIS und TOM ORLIK
Agence France-Presse/Getty Images

Xi Jinping hat schon einige Auslandsreisen hinter sich. Auf dem Bild tritt er bei einem Irlandbesuch einen gälischen Fußball.

Wen wird der neue Führer Chinas bei Schwierigkeiten wohl um Hilfe fragen? Xi Jinping, der am Dienstag seinen Spitzenplatz einnehmen wird, dürfte wohl kaum in den Schriften von Mao Zedong nachschlagen. Der in China immer noch verehrte Gründer der Kommunistischen Partei hatte schließlich erklärt, man dürfe nicht „den kapitalistischen Weg" einschlagen. Doch wie erklärt man das den hunderten von Millionen Chinesen, die dank neuer Marktreformen in den vergangenen drei Jahrzehnten den Absprung aus der Armut geschafft haben?

Xi könnte stattdessen noch etwas tiefer in der chinesischen Geschichte herumwühlen. Dort würde er auf Mengzi treffen, einen Nachfolger von Konfuzius. Der hatte erklärt, dass ein sich im Ungleichgewicht befindliches Reich umgestürzt werden könne. „Warum von Gewinn sprechen?", fragte Mengzi in seinem wichtigsten Werk. Wenn ein König Profit über Menschlichkeit und Verpflichtungen stelle, dann würde das Volk ihm folgen. „Und irgendwann ist jeder auf Gewinne aus und die Nation steht vor dem Kollaps."

Und genau da liegt für Xi und die Parteiführung der Hase im Pfeffer. China hat in der Vergangenheit enorm vom Kampf um Profite profitiert. Während die Massen gut damit fuhren, hielten sich auch die Politiker nicht zurück. Sie kosteten die Privilegien, die ihre Positionen mit sich brachten, hemmungslos aus. Und das in einem System, das nun wirklich nicht als richtiger Markt bezeichnet werden kann.

Xi ist 59 Jahre alt. Er übernimmt den Posten als Chinas Führer zu einem Zeitpunkt, da Nachrichten über Machtmissbrauch und Korruption in der Partei die Runde machen. Hervorzuheben wäre unter anderem der Mord an einem englischen Geschäftsmann und MI6-Informanten durch die Ehefrau von Bo Xilai, einem aufstrebenden Stern der chinesischen Politik.

Video auf WSJ.com

With a leadership change in China imminent, what do we really know about the man who is widely expected to take over the ruling Communist Party? The WSJ's Jeremy Page tells us what differences to expect and what Xi Jinping needs to do to steer China through the next decade.

Hu Jintao, der China seit 2002 anführt, äußerte sich sogar am Donnerstag in einer Ansprache zu Beginn des 18. Parteikongresses der Kommunisten zu den Korruptionsproblemen. Bei dem Treffen von fast 3.000 Parteimitgliedern soll eine neue Führungsebene ins Amt kommen. „Sollten wir mit dem Problem nicht richtig umgehen, dann könnte das zum Zusammenbruch der Partei und sogar des ganzen Landes führen", sagt Hu in seiner letzten Rede als Parteivorsitzender.

Es liegt nun also in den Händen von Xi. Das Gesicht der „fünften Generation" chinesischer Anführer seit 1949 muss einen Weg finden, ein leninistisches Regierungssystem mit wirtschaftlichen Problemen des 21. Jahrhunderts und der politischen Dynamik des Internetzeitalters mit seinen sozialen Medien unter einen Hut zu bringen. Und Noch-Vizepräsident Xi kann gegenüber seinem Vorgänger einige Vorteile vorweisen. Hu wird von vielen in seiner Partei dafür verantwortlich gemacht, dass es aufgrund seiner schwachen Führung seit 2002 kaum ökonomische und politische Reformen gegeben hat.

Chinas langer Marsch zur Wirtschaftsmacht

Der Vater von Xi war ein Revolutionsheld. Er kämpfte an der Seite von Mao Zedong, bevor er in den 1960er Jahren ausgeschlossen wurde. Erst in den 1980er Jahren übernahm er wieder eine Führungsrolle in der Partei und war einer der leitenden Architekten früher Marktreformen im Land. Dadurch kam Xi schon früh in den Kontakt zur Politik und konnte auf ein mächtiges Netzwerk zurückgreifen. Der Vater von Hu Jintao hingegen war Inhaber eines Teegeschäftes.

Während Hu einen Großteil seiner frühen Laufbahn in der Provinz verbrachte, wo es kaum private Geschäfte oder ausländische Investitionen gab, löste Xi in den vergangenen 30 Jahren Probleme in den östlichen Provinzen Chinas und unterstützte dort Unternehmen, die als Motor des wirtschaftlichen Aufschwungs des Landes gelten. Xi hat ein viel engeres Verhältnis zum Westen als Hu. Besonders zu den USA hegt er Verbindungen. 1985 besuchte er zum ersten Mal Nordamerika und lebte eine Zeitlang bei einer Familie im kleinen Städtchen Muscatine in Iowa. Xis Tochter studiert an der Eliteuniversität Harvard.

[image] Tim O'brien

Xi Jinping

Als Fußballfan und Liebhaber amerikanischer Kriegsfilme gilt Xi beim chinesischen Volk als umgänglicher als sein Vorgänger. Das mag auch an seiner tiefen Stimme und seiner glamourösen Ehefrau liegen, einer beliebten und sehr erfolgreichen Sängerin, die jedoch in den vergangenen Jahren kaum noch Auftritte absolviert hat.

„Xi ist überzeugt von sich und seinen politischen, administrativen und militärischen Erfahrungen sowie dem politischen Ruf seines Vaters", sagt Kevin Rudd. Der ehemalige australische Premierminister arbeitete früher als Diplomat in Peking und traf Xi mehrmals. „Der Mann ist mit sich im Reinen. Ich bin überzeugt, dass er sich des Ausmaßes seiner zukünftigen Aufgaben vollkommen bewusst ist."

Die Frage lautet: Kann Xi sein revolutionäres Erbe, sein Charisma und seine umfassenden Erfahrungen im Interesse der Partei einsetzen? Kann er China auf einen neuen Weg führen?

Ökonomen innerhalb und außerhalb Chinas sind überzeugt, dass das Land wirtschaftlich nur dann weiterwachsen kann, wenn es sich verstärkt auf private Firmen und eine Steigerung der Konsumausgaben konzentriert. Das würde jedoch bedeuten, dass die Macht der staatlichen Unternehmen beschränkt werden müsste. Außerdem müssten korrupte Beamte entlassen werden und Familien von Wanderarbeitern besseren Zugang zum Sozialsystem erhalten, damit sie ihr Geld anschließend ausgeben können. Und dann gibt es da noch die Auseinandersetzungen mit Nachbarstaaten um umkämpftes Territorium.

Die Parteielite scheint sich der Krise bewusst zu sein. Laut Insidern trafen sich führende chinesische Politiker kürzlich, um die Ideen des politischen Theoretikers Alexis de Tocqueville aus dem 19. Jahrhundert zu studieren. Der hatte argumentiert, die Französische Revolution hätte letztendlich das „Ancien Régime" nur kopiert, das man eigentlich ersetzen wollte.

Trotzdem wird die neue Führung wohl kaum große Veränderungen über Nacht durchsetzen. Der Chef der chinesischen Notenbank Zhou Xiaochuan warnte kürzlich davor, eine große Reform vor kommendem Oktober zu erwarten. Ein Grund dafür dürfte sein, dass in China Entscheidungen kollektiv gefällt werden. Kompromisse werden höher bewertet als Entscheidungsfreude. Die neue Führungsriege wird sich daher vor großen politischen Veränderungen von den Vorgängern beraten lassen.

In einem Interview mit einem chinesischen Magazin hatte Xi vor zwölf Jahren gewarnt, mit zu großen Ambitionen in ein neues politisches Amt zu starten. „Man will im ersten Jahr immer etwas bewegen", sagte er. „Allerdings muss man auf dem aufbauen, was der Vorgänger geschaffen hat. Es ist ein Staffellauf. Man muss den Stab richtig in Empfang nehmen und dann selbst gut damit rennen." Xi zitierte auch Guan Zhong, einen chinesischen Philosophen: „Versuche nicht, das Unmögliche zu erreichen. Versuche nicht, das Unerreichbare zu erreichen."

Freunde der Familie sagen, dass sein Vater eine Inspirationsquelle für Xi sein wird. Der war ein ökonomischer Reformer und politisch relativ liberal eingestellt. In der Öffentlichkeit hat sich Xi Jinping nie über seinen Vater geäußert. Freunde berichten jedoch, er sei stolz auf sein Familienerbe und auf der Hut, schon zu Beginn und ohne Unterstützung der Parteiführung Reformen auf den Weg zu bringen.

„Ein Mann alleine kann China nicht verändern", sagte ein alter Freund von Xi. „Sollte er die Interessengruppen um sich herum zu schnell angreifen, dann droht ihm ein ähnliches Schicksal wie Hu Yaobang und Zhao Ziyang." Zhao war ebenfalls Generalsekretär der Kommunistischen Partei und Premierminister von China, bis er all seine Posten abgeben musste und lebenslang unter Hausarrest gestellt wurde.

Reuters

Menschen in Schanghai blicken auf einen riesigen Bildschirm, der Chinas Vizepräsidenten Xi Jinping zeigt.

Xi kam schon früh mit den Gepflogenheiten auf politischer Führungsebene in Kontakt. Er wuchs in den 1950er Jahren in Peking auf, wo die Familien führender Politiker in großen Villen mit riesigen Gärten wohnten und sich Hausmädchen und Köche leisteten. Herumgefahren wurden sie in sowjetischen Autos. Die Kinder besuchten Eliteschulen und hatten Zugang zu ausländischen Büchern und Filmen. Doch mit diesen Privilegien war es 1962 schlagartig vorbei. Xis Vater wurde beschuldigt, ein Buch unterstützt zu haben, das sich kritisch über den Parteivorsitzenden Mao äußerte. Was folgte, war Hausarrest für die kommenden 16 Jahre.

Xi ist Teil der Generation, die zwischen 1966 und 1976 die Kulturrevolution besonders stark zu spüren bekam. Mao schloss die Schulen und ordnete an, dass sich die Schüler und Studenten der ultraradikalen Roten Garde anschließen sollten. Bei der Arbeit auf dem Land sollten sie „umerzogen" werden.

Xi war zu jung, um der Roten Garde beizutreten. In seinem Interview aus dem Jahr 2000 erinnert er sich daran, wie er mit 14 von einer Gruppe aufgegriffen wurde. Sie drohten ihm, ihn umzubringen und sandten ihn in ein „Jugendgefängnis". Mit Mühe konnte er entkommen.

Chinas goldene Jahre

Später halfen ihm die Behörden dabei, Mitglied der Partei zu werden. Man besorgte Xi einen Platz an der Tsinghua-Universität in Peking, wo er Ende der 1970er Jahre organische Chemie studierte. Sein erster Job nach dem Abschluss führte ihn als persönlichen Assistenten zu einem alten Freund seines Vaters – Geng Biao.

1982 entschied sich Xi schließlich, seine Uniform an den Nagel zu hängen und zurück aufs Land zu ziehen. Er übernahm einen Posten als stellvertretender Parteichef in Zhengding, einer auf Schweinezucht spezialisierten Region in der nördlichen Provinz Hebei. Schon bald wurde er stellvertretender Bürgermeister von Xiamen. Es folgten weitere Aufgaben in der benachbarten Provinz Fujian.

In Fujian konnte Xi seine unternehmerischen und politischen Fähigkeiten schärfen. So nahm er sich der schwierigen Frage nach den Beziehungen zu Taiwan an. Die Insel wird von Peking als Rebellenprovinz angesehen. Ökonomisch lag Fujian weit hinter den anderen Küstenprovinzen zurück. Vor allem weil man die Region als Grenze zum nur 85 Meilen entfernten Taiwan ansah. Daher konzentrierte sich die chinesische Führung darauf, die militärischen Anlagen dort zu verbessern, statt die Infrastruktur auszubauen.

Xis Vater hatte in den 1980er Jahren die ersten ausländischen Investitionen in der Provinz Gunagdong (Kanton) in der Nähe von Hongkong beaufsichtigt. Um den Erfolg seines Vaters zu wiederholen, wandte sich Xi an Taiwan und dessen exportgetriebene Wirtschaft. Viele Geschäftsführer dort hatten familiäre Wurzeln in Fujian und wurden von den niedrigen Lohnkosten angezogen.

Politische Beziehungen waren angespannt

Doch die politischen Beziehungen waren angespannt. Peking befürchtete, Taiwan wolle unabhängig werden und feuerte 1995 und 1996 Raketen als Warnung ins Meer vor der Insel. Daraufhin zogen sich einige taiwanesische Immobilienmakler zurück. Doch Xi traf sich auch weiterhin mit den Taiwanesen, um einen vollkommenen Exodus abzuwenden. 1999 unterstützte Xi öffentlich ein Handelsabkommen beider Länder, dass taiwanesischen Unternehmen Begünstigungen zusicherte.

Xi hatte während seiner Zeit als dortiger Parteichef von 2002 bis 2007 einen ähnlich guten Ruf unter Geschäftsleuten in der Zhenjiang-Provinz, einem weiteren Zentrum privater Firmen. Aus einem von Wikileaks veröffentlichten US-Diplomatenbericht geht hervor, das Xi FedEx, Motorola und der Citibank dabei geholfen hat, in der Provinz Fuß zu fassen. Alle drei Unternehmen expandierten in Zhenjiang, wollten sich bezüglich etwaiger Deals mit Xi jedoch nicht äußern.

Xi half auch der McDonald's dabei, sich in der Region weiter auszubreiten. Das berichtet Gregory Gilligan, damals leitender Angestellter bei der Fastfoodkette. Parteifunktionäre würden „weniger riskieren, je höher sie aufsteigen", sagt Gilligan. „Xi ist wegen seines familiären Hintergrunds jedoch anders. Er hat ein gesundes Selbstvertrauen und ist überzeugt, dass seine Maßnahmen von anderen akzeptiert werden."

Xi ist vorsichtig geworden

Seit seinem Aufstieg ins Politbüro 2007 hat sich Xi jedoch zurückgehalten. Er ist vorsichtig geworden mit dem, was er öffentlich und privat von sich gibt. Ehemalige US-Offizielle, die ihn getroffen haben, erklären, er würde zwar auf Fragen antworten. Allerdings seien die Antworten auf den zweiten Blick häufig mehrdeutig.

Während seines letzten Besuchs in den USA als Vizepräsident gelang es Xi, seinen Gastgebern zu schmeicheln, wie es sein Vorgänger nie konnte. Hu war dafür bekannt, dass er sich bei Besuchen in den USA häufig merkwürdig benahm. Xi jedoch besuchte nicht nur die Familie, bei der er 1985 gelebt hatte. Er war auch der erste chinesische Politiker, der ein Spiel der Basketball-Profiliga NBA besuchte und sich mit Sportstars wie David Beckham und Magic Johnson traf.

Beobachter sahen in der Reise einen Versuch Xis, Deng Xiaoping nachzueifern. Der hatte bei seinem ersten US-Besuch 1979 ein Rodeo besucht und sich einen Stetson aufgesetzt. Doch Xi trat auch die Fußspuren seines Vaters. Der hatte 1980 neben Iowa auch Los Angeles und andere Teile der USA besucht. Während eines Empfangs in Washington wurde Xi ein Album mit Fotos überreicht, die sein Vater damals gemacht hatte. Xi öffnete das Buch, lächelte und blätterte durch die Seiten. Er konnte jeden chinesischen Offiziellen benennen, der mit seinem Vater abgelichtet worden war. Zwei Minuten waren dafür eingeplant, Xi das Geschenk zu übergeben. Doch Xi ließ sich mehr als zehn Minuten dafür Zeit.

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