• The Wall Street Journal

Petraeus-Affäre: FBI wusste seit Monaten von Sex-Mails

    Von EVAN PEREZ, SIOBHAN GORMAN und DEVLIN BARRETT
Reuters

David Petraeus und Paula Broadwell im Juli 2011.

Die Liebesaffäre, die David Petraeus seinen Posten als Chef des US-Geheimdienstes CIA kostete, war schon seit Monaten Gegenstand einer Ermittlung der Bundespolizei FBI. Ausgelöst hatte die Untersuchung die 37-jährige Jill Kelley, die sich über mehrere belästigende E-Mails beschwerte. Kelley arbeitete im Verbindungsbüro des Luftwaffenstützpunktes MacDill in Tampa, Florida, wo sie Veranstaltungen organisierte. Petraeus war dort von 2008 bis 2010 stationiert.

In den anonymen E-Mails wurde ihr eine unangemessene Beziehung vorgeworfen, Petraeus aber nicht namentlich genannt. Das FBI verfolgte die Nachrichten zurück zu einem Account, der der Journalistin Paula Broadwell gehört. Broadwell ist Biographin von Petraeus und hatte mit ihm über einen langen Zeitraum eine außereheliche Affäre. Jill Kelley und ihr Ehemann Scott erklärten der Nachrichtenagentur AP am Sonntag, ihre Familie sei „seit über fünf Jahren mit General Petraeus und seiner Familie befreundet", man solle ihre Privatsphäre achten.

Die Ermittler des FBI gingen zunächst von einem Hackerangriff oder einem Sicherheitsleck aus. Im Lauf der Untersuchung stießen sie stattdessen in Broadwells Account auf E-Mails mit sexuell eindeutigem Inhalt. Sie stammten von einer Adresse, die Petraeus unter einem Pseudonym angelegt hatte. Im September und Oktober wurden Broadwell und Petraeus befragt. Beide gestanden die Affäre ein. Die 40-jährige Journalistin übergab den Ermittlern ihren Rechner, die dort vertrauliches Material des US-Militärs fanden.

Dies führte schließlich zur Abdankung des 60-jährigen Generals, der sich in der Öffentlichkeit stets als aufrechter Kriegsheld präsentiert hatte. In einem Brief an die CIA-Mitarbeiter hatte Petraeus die Affäre eingestanden.

FBI und Justizministerium wollten Ermittlung geheim halten

Kritischen Fragen müssen sich jetzt sowohl das FBI als auch Generalstaatsanwalt Eric Holder stellen, die von den E-Mails seit dem Spätsommer wussten. Auch einigen republikanischen Abgeordneten im Repräsentantenhaus war die Affäre bereits im Oktober bekannt. Während einige Politiker den Rücktritt von Petraeus bedauern, erklärten andere, das FBI hätte den Kongress schon weitaus früher informieren müssen.

Jill Kelley (2. von rechts) brachte die Affäre um CIA-Chef David Petraeus (links) ins Rollen. Auf dem Bild aus dem Jahr 2010 ist sie mit ihrem Mann Scott und Holly Petraeus zu sehen.

Die demokratische Senatorin Dianne Feinstein, Vorsitzende des Geheimdienstausschusses, kündigte am Sonntag an, das Verhalten und die Informationspolitik des FBI müsse überprüft werden. „Das hat wie ein Blitz eingeschlagen"; sagte Feinstein dem Fernsehsender Fox News. „Das hätte Auswirkungen auf die nationale Sicherheit haben können. Wir hätten informiert werden müssen."

FBI und Justizministerium hatten offenbar versucht, die Ermittlung gegen Broadwell und Petraeus geheim zu halten. Trotzdem erhielten einige Abgeordnete Hinweise, darunter der Republikaner David Reichert. Ein FBI-Mitarbeiter habe ihm gesteckt, dass es eine Angelegenheit der nationalen Sicherheit gebe, in die Petraeus verwickelt sei. Er gab diese Information an den republikanischen Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus, Eric Cantor, weiter, der wiederum das FBI kontaktierte.

Petraeus wollte Mitarbeitern ein Vorbild sein

Am Tag der Präsidentschaftswahlen, um 17 Uhr, entschlossen sich die Ermittler daraufhin, den nationalen Geheimdienstdirektor James Clapper zu informieren. Wie ein Sprecher erklärte, habe Clapper daraufhin Petraeus kontaktiert. „Als ein Freund und Kollege hat General Clapper General Petraeus dazu gedrängt, zurückzutreten." Am Mittwoch berichtete Clapper dem Weißen Haus, Petraeus denke über einen Rücktritt nach.

Video auf WSJ.com

CIA Director David Petraeus resigned as head of the intelligence agency, saying he "showed extremely poor judgment" by engaging in an extramarital affair. Neil King has details on The News Hub. Photo: AFP/Getty Images.

Barack Obama wurde am Donnerstagmorgen informiert und traf sich mit Petraeus, der seinen Rücktritt anbot. Obama erbat sich einen Tag Bedenkzeit. Am Freitag wurde der Abgang des Generals öffentlich gemacht.

Außereheliche Affären allein sind eigentlich kein Grund, das Amt des CIA-Direktors nicht weiter auszuführen. Petraeus fürchtete aber, er könne nun nicht mehr als moralisches Vorbild für seine Mitarbeiter dienen, berichtet eine mit dem Vorgang vertraute Person. Die Affäre habe zwar vor vier Monaten geendet, Petraeus habe aber immer noch beruflich mit Broadwell zusammengearbeitet.

Das Auffliegen der Affäre wenige Tage nach der Präsidentschaftswahl macht besonders republikanische Abgeordnete misstrauisch. Sie glauben, dass die Regierung vor der Wahl eine solche Peinlichkeit aus den Nachrichten halten wollte. „Das FBI hat eine Menge zu erklären, und das Weiße Haus ebenfalls", sagt Peter King, Vorsitzender des Ausschusses für Innere Sicherheit im Repräsentantenhaus. „Es fällt mir schwer, große Teile der Story zu glauben, so wie sie uns präsentiert wird. Das ergibt keinen Sinn."

—Mitarbeit: Josh Mitchell und Julian E. Barnes

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