• The Wall Street Journal

So rüsten sich Anleger für Obamas zweite Amtszeit

    Von RACHEL KONING BEALS
dapd

Neuer und alter US-Präsident Barack Obama. Den USA droht ein Rückfall in die Rezession.

Barack Obama ist alter und neuer Präsident der USA. Egal, ob Sie angesichts dieses Ergebnisses der US-Wahlen aufgeatmet haben oder Ihnen der Atem gestockt ist – es gibt keinen Zweifel darüber, was nun kommt: ein politischer Schlagabtausch über das Defizit und die Ausgaben der USA, der inmitten Europas eigener Schuldenkrise die verletzliche Erholung der US-Wirtschaft gefährdet.

Wenn Sie also davon ausgehen, dass die sogenannte Fiskalklippe in den USA in Form einer automatschen Ausgabenkürzung der US-Bundesausgaben um 600 Milliarden US-Dollar sowie Steuererhöhungen die Wachstumsstrategie bei Aktien gefährdet, könnte die Zeit für eine kleine Rückversicherung gekommen sein. Ein Portfolio für den Weltuntergang? Nicht ganz. Notreserve für harte Zeiten? Schon eher.

David Rosenberg, Chefökonom und Stratege des kanadischen Vermögensverwalters Gluskin Sheff, schrieb schon im August: Wer im Weißen Haus wohnt, ist eigentlich egal; vor allem weil Europa instabil ist. Dürren haben die Nahrungsmittelpreise in den USA und weltweit ansteigen lassen. Deshalb müssen wir auch über Inflation reden. Die Nachfrage nach US-Exportgütern schwächt sich ab und die Fiskalklippe könne drei bis fünf Prozentpunkte des Bruttoinlandsprodukts kosten, glaubt Rosenberg.

Wie also richten Anleger ihr Portfolio gegen diese vier Risiken von Präsident Obamas zweiter Amtszeit aus? Schauen wir uns zuerst jedes der Risiken einzeln an:

1. Europa

Notenbanker in den Industrieländern werden die Zinsen nicht erhöhen wollen, während Europa das weltweite Wachstum nach unten zieht. Mit dieser Gewissheit im Kopf empfehlen Anleihen- und Fonds-Strategen von Blackrock eine Reihe von Geldanlagen von der Stange für Ihr Portfolio: Unternehmensanleihen sowie steuerbefreite städtische Anleihen, Gold und die meisten Rohstoffe.

Diese Anlageklassen wirken im Vergleich zu Aktien und Staatsanleihen attraktiv, wenn man annimmt, dass die Niedrigzinsphase in den USA ausgedehnt wird. Präsident Obama wird an dem von geldpolitischen Tauben dominierten Kontrollgremium der US-Notenbank Federal Reserve vermutlich vorerst festhalten.

„Konzentrieren Sie sich auf die Verzinsung anstatt auf die Kursentwicklung bei festverzinslichen Investments mit höherer Rendite", sagt Jeff Rosenberg, Chef-Investment-Stratege bei Blackrock Fixed Income. Allerdings fügt er hinzu: „Achten Sie auf den Moment, wenn Inflation oder Wirtschaftswachstum die Zinsen nach oben treiben. Eine Strategie ist es, unerbittlich neutral zu bleiben. Kaufen Sie unterbewertete Anlagen und verkaufen Sie ähnliche, die teurer sind."

2. Inflation

Die Zentralbanken sind davon überzeugt, gegen eine Deflation anzukämpfen – und es mag schwierig sein, das in Frage zu stellen. Aber viele Experten machen sich Sorgen um Preissteigerungen, die in den meisten statistischen Warenkörben nicht enthalten sind

„Die USA sind ein riesiger Nahrungsmittelproduzent und spielen als solcher eine Schlüsselrolle bei den Preisen auf dem Weltmarkt", sagt David Rosenberg. Das Nahrungsmittelangebot leidet unter einer Dürre - ganz im Gegensatz zum Geldmarkt.

„Die Dollarflut der Fed hat zwar keinen Effekt auf den Verbraucherpreisindex, löst aber eine Preisinflation von Anleihen und Aktien aus", sagt Rex Macey, Investmentchef von Wilmington Trust Investment Advisors. „Eine höhere Bewertung heute bedeutet weniger Rendite in der Zukunft."

Gold, der klassische Inflationsschutz, hat nach den Wahlen zugelegt. Börsengehandelte Goldfonds, darunter SPDR Gold Shares, zeigten in der vergangenen Woche nach oben. Denn Obamas Sieg wurde als Signal dafür gesehen, dass niedrige Zinsen in naher Zukunft gesichert sind.

3. US-Exportschwäche

Der Goldpreis ist gestiegen – aber der US-Dollar ebenfalls. Das könnte die Erfolgsaussichten von exportorientierten Unternehmen dramatisch verändern. Die erste Aufwärtsbewegung für den Dollar ist nach allgemeiner Auffassung nur eine kurzfristige Volatilität. Doch dann wird der Dollar attraktiver. „Bei Finanz- und Wachstumsrisiken werden wieder Dollar gekauft", argumentiert ein Team der Bank of America Merrill Lynch in einer Nachricht an Kunden.

Und wo sind die Abnehmer von US-Exportgütern, wenn der Dollar stark ist, die europäische Nachfrage schwach und die Laune in den Schwellenländern nachlässt, fragt sich Rosenberg. Anleger, die annehmen, dass ein schwacher Dollar und eine weltweite Erholung die US-Exporte (und die Aktien der Exporteure) antreiben, sollten ihren Standpunkt vielleicht überdenken.

Zusätzlich wird ein stärkerer US-Dollar relativ den Wert der Währungen von Kanada, Australien und anderen Rohstoff-basierten Volkswirtschaften senken, was ihre Exporte unterstützt und damit für Investitionen in Rohstoffe spricht.

4. Fiskalklippe

Die poltische Debatte wird sich darum drehen, wie die Fiskalklippe in den kommenden Wochen umschifft werden kann – doch die Unsicherheit befördert auf kurze Sicht Volatilität.

„Selbst die Federal Reserve warnte den Kongress, dass die Zentralbank nicht in der Lage sein wird, den wirtschaftlichen Schock auszubügeln, der durch den plötzlichen scharfen Anstieg der Steuern bei gleichzeitigen schwerwiegenden Ausgabenkürzungen ausgelöst würde", sagt Bernard Baumohl, Chefökonom für die Weltwirtschaft bei der Economic Outlook Group. Er ist jedoch optimistisch, dass der Kongress vor dem Ablauf der Frist am 31. Dezember einen Kompromiss finden wird.

Das Team von Blackrock ist dagegen angesichts des Streits in Washington über das Schuldenproblem in Deckung gegangen. Sie setzen in einem Umfeld niedriger Zinsen auf defensive Werte bei Aktien: Energie- und Gesundheitsbranche.

Aber selbst wenn die Fiskalklippe umschifft werden kann, könnte sich dahinter ein weniger offensichtliches Risiko verbergen. „Wenn es irgendetwas gibt, das uns aus der Bahn werfen kann, dann ist es die ganz normale zyklische Rezession", schreibt der Investment-Manager Josh Brown von Fusion Analytics, der auch den Blog Reformed Broker betreibt.

Für seine Kunden schreibt Brown in einem Blog-Artikel: „Wir schmeißen derzeit wenig überzeugende Werte und viele unserer Aktien und Fonds mit hohem Beta-Wert raus. Wir würden es lieben, falsch zu liegen, ein dramatisch wirtschaftliches Wachstum zu sehen und die Aktien einfach zurückzukaufen", fügt Brown hinzu. „Aber eine Rezession bedeutet typischerweise einen Wertverlust von 30 Prozent bei den Wertanlagen in der Spitze, und wir verwalten Geld für die Altersvorsorge unserer Kunden. Ein Anruf von uns bei einem unserer Kunden, um uns für einen Wertverlust von 30 Prozent zu entschuldigen wäre einfach inakzeptabel."

Deshalb, führt Brown weiter aus, „verhalten wir uns defensiv und warten die weitere Entwicklung ab. Wir werden etwas liquider, sobald wir bessere Einstiegschancen erwarten. Die immer zahlreicher werdenden Indizien erlauben es uns nicht anders."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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