• The Wall Street Journal

Bierkumpane unter Kartellverdacht

    Von HENDRIK VARNHOLT

Geselligkeit ist ihr Geschäft. Wenn es aber um Preise geht, ist zu viel Redseligkeit auch unter Bierbrauern gegen das Gesetz. Fast alle großen Namen der deutschen Bierbranche sind deshalb in die Akten des Bundeskartellamts geraten. Die Wettbewerbsfahnder vermuten, dass sich jahrelang die Preise von Veltins, Krombacher, Anheuser-Busch und mindestens acht Konkurrenten aus Geheimabsprachen statt dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage ergaben.

Wie ein mit den Untersuchungen vertrauter Informant sagt, ist die Beweislast erdrückend: Drei Kronzeugen haben demnach umfassend ausgepackt. Das Kartellamt nenne die Aussagen von denjenigen, die ihre Beteiligung bestreiten, „nicht glaubhaft", sagt der Insider.

Brauer pflegen ein enges Verhältnis

Wie gut sich die Chefs der deutschen Brauereien verstehen, ist alle zwei Jahre während der Nahrungsmittelmesse Anuga zu sehen. Die Brauer reisen dann nach Köln, lassen aber die Messehallen meist links liegen: Während der Anuga trifft sich die Branche zum Bierabend in einem Altstadt-Brauhaus. Dort ist das Bier an diesem Abend gratis. Und wie die Lokalpresse gelegentlich dokumentiert, liegen sich Brauer und Brauerinnen dann schon mal in den Armen.

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So feucht-fröhlich manches Branchentreffen scheint: Nach dem Verdacht des Bundeskartellamts haben sich die Brauereichefs bei ihren Begegnungen immer wieder mit eher trockener Materie beschäftigt. Am Rande von Messen zum Beispiel sollen sich die Verantwortlichen vieler großer und einiger kleiner Bierhersteller auf gemeinsame Preiserhöhungen geeinigt haben. Ein Sprecher des Kartellamts sagt, die Behörde ermittle wegen des Verdachts auf Preisabsprachen gegen elf Brauereien und einen „regionalen Brauereiverband". Über Namen äußert er sich nicht.

Der mit den Untersuchungen vertraute Informant dagegen nennt im Gespräch mit dem Wall Street Journal Deutschland praktisch alle großen Marken der Branche: Veltins, Krombacher, Warsteiner zum Beispiel. Die Brauereien bestätigen auf Anfrage, dass sie von den Ermittlungen betroffen sind. Unter den Verdächtigen sollen zudem Bitburger, Radeberger und der dänische Carlsberg-Konzern sein. Die drei Unternehmen wollen sich nicht äußern. Ein Sprecher des weltgrößten Brauereikonzerns Anheuser-Busch Inbev dagegen gibt zu: Sein Unternehmen ist betroffen.

Anheuser-Busch fällt die Selbstbezichtigung womöglich leichter als anderen. Der Marktführer, der etwa Beck's, Hasseröder und Löwenbräu verkauft, hat wohl weniger zu befürchten als die Konkurrenz: Das Unternehmen hat frühzeitig ausgepackt. Man habe die Kronzeugenregelung des Kartellamts genutzt, sagt der Firmensprecher.

Schon 2011 erfuhr das Kartellamt Details

Nach den Angaben des Informanten schilderte ein Großkundenbetreuer des Konzerns dem Kartellamt schon im Jahr 2011 die Details des mutmaßlichen Preisabsprachesystems. Weil das die Ermittlungen offenbar erst richtig in Gang gebracht hat, darf Anheuser-Busch hoffen, ohne Strafe davonzukommen. Schadensersatzforderungen zum Beispiel von Handelsketten könnten das Unternehmen trotzdem treffen.

Bierverbrauch

Dem Beispiel Anheuser-Busch sind inzwischen mehrere Brauereien gefolgt: Auch etwa ein Veltins-Manager legte sein Wissen offen, wie in einem Papier des Bundeskartellamts steht, aus dem der Informant zitiert. Der Brief an die Betroffenen nennt sich Anhörungsschreiben. Das klingt nach einem Knöllchen wegen Falschparkens – juristisch nämlich handelt es sich bei dem Kartellverfahren wie bei einer Verkehrsordnungswidrigkeit um ein Bußgeldverfahren.

AFP

Die Menge macht's - nicht nur bei der Bierdusche für den vormaligen Bayern-Trainer Jupp Heynckes nach dem Gewinn des DFP-Pokals. aDeutschlands Bierbrauer verkaufen aber seit Jahren weniger.

Doch schon wegen der Höhe der drohenden Buße wirkt der Brief ungleich gefährlicher. Zudem ist das Schreiben viel dicker als ein Knöllchen: Auf mehreren Dutzend Seiten beschreibt das Bundeskartellamt detailliert, wie die konspirativen Absprachen abgelaufen sein sollen.

Nach dem Verdacht der Wettbewerbsfahnder haben die Kartellanten mindestens zwei Preiserhöhungsrunden in den Jahren 2006 und 2008 abgestimmt. Möglich scheinen auch Absprachen in früheren Jahren. Die allerdings wären verjährt. Über die Aufschläge sollen sich die Brauer bei unterschiedlichen Gelegenheiten geeinigt haben: auch zum Beispiel in einer Ausschusssitzung eines Branchenverbands.

Leugnen scheint schwierig. Mindestens drei Verantwortliche vergleichsweise kleiner Brauereien haben ihre Beteiligung an dem Kartell offenbar dennoch rundweg abgestritten. Wie der Informant zitiert, spricht das Kartellamt in dem Zusammenhang von „pauschalem Bestreiten". Angesichts der Aussagen der Kronzeugen seien die Einlassungen jedenfalls „nicht glaubhaft", schreibt die Behörde in ihrem Anhörungspapier.

AFP

Beim Preis hört es auf mit der Gemütlichkeit. Das fanden zunächst die Brauer und dann das Kartellamt.

Den Brauern droht deshalb ein Bußgeld, das vor allem die kleineren Kartellanten mehr als nur empfindlich treffen könnte: Bis zu zehn Prozent eines Jahresumsatzes kann das Kartellamt pro Preisabsprachefall fordern. Je nach Schwere des Kartells gewährt die Behörde schon mal Ermäßigungen. Die allerdings könnten im Fall der Bierbranche gering ausfallen.

Ein besonders dreistes Kartell

Was das Kartellamt aufgedeckt haben will, dürfte nämlich in die Kategorie eines sogenannten Hardcore-Kartells fallen. Die Behörde will ihre Untersuchungen möglichst noch in diesem Jahr abschließen. In der Branche macht längst die Runde, dass dann insgesamt ein dreistelliger Millionen-Euro-Betrag fällig werden könnte. Schadensersatzforderungen etwa von Supermärkten und Zwischenhändlern kämen hinzu.

Das könnte manchem kleineren Branchenvertreter den Spaß am Brauen endgültig verderben – denn der ist seit Jahren ohnehin getrübt: Der Bierverbrauch in Deutschland geht seit den 1980er Jahren praktisch kontinuierlich zurück. Nach Angaben des Deutschen Brauer-Bunds trank jeder Deutsche im Jahr 2012 durchschnittlich 107,6 Liter Bier. Noch im Jahr 1983 hatte der Pro-Kopf-Verbrauch bei 148,7 Litern gelegen.

Die Brauereien machen dafür Diskussionen über Alkoholmissbrauch und zum Beispiel die demografische Entwicklung verantwortlich. Weil Alkohol nicht mehr chic ist, die Deutschen älter werden und noch dazu die Supermärkte ihre Kunden mit Billig-Angeboten locken, sinkt auch der Umsatz: Die Brauereien erlösten laut Brauer-Bund im Jahr 2012 rund 7,95 Milliarden Euro – etwa 1,2 Milliarden Euro weniger als zwölf Jahre zuvor.

Möglich, dass die Not erfinderisch gemacht hat.

Kontakt zum Autor: hendrik.varnholt@dowjones.com

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