• The Wall Street Journal

Wie die Fed US-Banken an Übernahmen hindert

    Von VICTORIA MCGRANE und DAN FITZPATRICK

Die US-Notenbank Fed macht Druck: Sie will amerikanische Großbanken für eine Weile von groß angelegten Übernahmen abhalten. Hintergrund: In den USA tobt eine Debatte über Risiken, die große Kreditinstitute für das Finanzsystem aufwerfen könnten. Hier hallt in der Öffentlichkeit immer noch die Bankenkrise als Folge der Lehman-Pleite im Jahr 2008 nach.

Dabei äußert sich die Fed zunehmend unverblümt. In diesem Jahr forderte sie Capital One Financial auf, sich in der näheren Zukunft nicht mehr an Großübernahmen zu versuchen, wie mit den Gesprächen vertraute Personen sagten. Die Bank hatte jüngst das US-Onlinegeschäft von der ING Groep für 9 Milliarden US-Dollar aufgekauft. Durch die Transaktion avancierte Capital One zum nach Einlagen fünftgrößten Geldhaus der USA, wie Zahlen der Einlagensicherungsbehörde FDIC ergaben.

Akquisitionen anderer Kreditgeber sollen unter der Hand ebenfalls von der Fed verhindert worden sein, sagten die informierten Personen weiter. US-Institute hatten sich für die Vermögensverwaltung der Bank of America außerhalb der Vereinigten Staaten interessiert. Nach informellen Anfragen bei der Fed entschieden sie sich gegen den Deal, sagten bankennahe Kreise. Sie könnten nicht garantieren, wie viel Kapital der Käufer nach dem Deal noch vorhalten muss, hatten Fed-Vertreter kritisch angemerkt. Als glücklicher Dritter kam die Schweizer Bank Julius Baer zum Zug. Sie zahlte 882 Millionen Dollar für die Sparte.

Die angedeuteten Warnungen und eine Rede von Fed-Top-Regulierer Daniel Tarullo lassen erkennen: Die Währungshüter lassen die Muskel spielen, die ihnen die Dodd-Frank-Gesetzgebung aus dem Jahr 2010 verliehen hat. Das Gesetz krönt die Notenbank zum vorrangigen Regulierer großer Finanzunternehmen.

Dabei bereitet der Fed die Größe der US-Banken zunehmend Sorge. Milliardensummen an Steuergeldern und Übernahmen von durch die Finanzkrise gebeutelten Konkurrenten ließen die Bilanzsummen der fünf größten US-Institute anschwellen. Sie halten 43,7 Prozent aller US-Einlagen, ein Plus von 6 Prozentpunkten seit 2007 und von 15 Prozentpunkten innerhalb des vergangenen Jahrzehnts. J.P. Morgan Chase, Bank of America, Citigroup und Wells Fargo kamen bis Ende September auf 7,7 Billionen Dollar Vermögensgegenstände. Das liegt um mehr als 50 Prozent über der Marke von Ende 2007.

Die Haltung der Fed dürfte der Wachstumsstrategie der großen Kreditinstitute ein Ende setzen. Diese argumentierten stets: Übernahmen seien sinnvoll, um Kosten einzusparen und den schwachen Börsenkursen wieder Auftrieb zu geben. Wells Fargo ist das einzige der vier größten US-Geldinstitute, das einen Aktienkurs von mehr als dem berichteten Buchwert aufweist. „Die Fed scheint eine neue Linie in den Sand zu ziehen", sagt Analyst Gerard Cassidy von RBC Capital Markets.

Geschäftsmodell Großbank wird immer unattraktiver

Die Fed wache sorgsam über neue Übernahmen der Großinstitute, da diese nur schwer rückgängig zu machen seien, sagte der Chef der Fed-Rechtsabteilung, Scott Alvarez, laut informierten Personen im November vor Bankrechtsanwälten. Einige Wochen zuvor hatte Chef-Regulierer Tarullo bereits klargestellt: Es gebe eine starke, aber nicht unumkehrbare Präferenz der Fed, Übernahmen durch große Finanzhäuser abzulehnen. Das gelte für alle Institute, die am oberen Ende der Liste der globalen, systemrelevanten Banken stehen würden. Außer den vier größten US-Banken beinhaltet die Liste noch Goldman Sachs und Morgan Stanley .

US-Banken, die über mindestens 10 Prozent aller US-Einlagen verfügen, ist es bereits heute vielfach untersagt, Konkurrenten aufzukaufen. Die Dodd-Frank-Gesetze verschärften diese Regel. Seither dürfen auch solche Banken keine Übernahmen mehr angehen, die dadurch mehr als 10 Prozent aller Verbindlichkeiten – nicht nur Einlagen – des Finanzsystems auf sich ziehen würden. Das Gesetz verlangt von der Fed zudem, alle Deals zu stoppen, die die Stabilität des US-Banken- oder Finanzierungssystems gefährden könnten.

Inzwischen ist es angesichts dieses Quasi-Übernahmeverbots zunehmend unattraktiv geworden, eine große, ausgedehnte US-Bank zu sein. Zu den Fesseln, die den Großbanken angelegt werden, zählen auch die zusätzlichen Finanzpolster. Kleinere Konkurrenten müssen weniger Eigenkapital vorhalten. Auch für die Ausleihungen der Großbanken untereinander gelten strenge Auflagen. Zu guter Letzt werden die Institute jährlich einem genauen „Stresstest" unterzogen.

Die Regeln seien „regulatorische Steuern", damit Großbanken ihre Größe und Komplexität verringerten, bemerkte ein hoher Fed-Vertreter im November laut Personen, die den Kommentar gehört hatten. Trotzdem können sich die Großbanken noch glücklich schätzen. Der Vize-Chairman der FDIC, Thomas Hoenig, hatte sogar für eine Zerschlagung der größten Institute plädiert. Großbanken sollten zu ihrer Finanzierung nur noch auf Verbrauchereinlagen zurückgreifen dürfen, ergänzte Tarullo. Der Gesetzgeber sollte überprüfen, ob eine solche Vorschrift Sinn macht.

Deal mit Bauchschmerzen

Bisher hält sich der Kongress mit Gesetzgebungsvorstößen zurück, die die Größe der Banken beschränken oder eine Zerschlagung erzwingen würden. Das Weiße Haus unter Präsident Barack Obama zeigt relativ wenig Interesse an dem Thema.

Die Regeln der Fed sind einigermaßen schwammig. Die Währungshüter haben nicht genau definiert, welche Banken unter das faktische Übernahmeverbot fallen. J.P. Morgan, Bank of America, Citigroup und Wells Fargo haben seit dem Ende der Finanzkrise keine größeren Zukäufe mehr getätigt. U.S. Bancorp, PNC Financial Services und Capital One legten dagegen seit 2008 deutlich an Masse zu. Sie sind jetzt bedeutend größer als andere regionale US-Banken.

Bereits die Übernahme des US-Onlinebankgeschäfts von ING durch Capital One rief die Kritiker auf den Plan. Das Unternehmen agiere dadurch so riskant und werde so komplex, dass das gesamte US-Finanzsystem gefährdet werde, hatten Verbraucherschützer moniert. Die Fed unterzog das Vorhaben einer intensiven Überprüfung und verlängerte die Frist für öffentliche Einwände. Drei Treffen räumte die Fed für die Öffentlichkeit ein und verschob eine endgültige Entscheidung zwei Mal.

Auch wenn die Fed den Deal letztlich durchgewunken hat, ließ sie sich ihre Bauchschmerzen anmerken. Hinter vorgehaltener Hand warnten die Regulierer die Bank vor weiteren Übernahmeplänen in nächster Zukunft, wie mit den Gesprächen vertraute Personen sagten.

Das lange Lavieren der Fed macht deutlich: Größere, komplexere Banken würden laut Rechtsanwälten und Analysten bei potenziellen Übernahmen einen noch steinigeren Weg bis zu einer Zustimmung beschreiten müssen. „Wir haben keinen aggressiven Übernahmeplan auf der Agenda", gab sich denn auch der Chairman und Chef von Capital One, Richard Fairbank, vor Anlegern im September konziliant.

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