• The Wall Street Journal

Die Angst der Kleinanleger vor den Aktien

    Von JONATHAN CHENG
Peter Hoffman for The Wall Street Journal

Jeffrey Smith berät den Pensionär Nicholas Zerebny in seinem Büro in Wilmette.

WILMETTE – Eigentlich gehörte Nicholas Zerebny immer zu den optimistischsten Kunden von Finanzberater Jeffrey Smith. Aber als der Rentner zuletzt in das Büro von Smith in Wilmette im US-Bundesstaat Illinois kam, um über seine Aktienanlagen zu sprechen, schrieb er einen ganzen Zettel voll mit Angstbegriffen: „Blockade im Kongress", „Arbeitslosigkeit", „Eurokrise" und „Korruption" standen da.

Wie Zerebny hinterher berichtet, hat er immer mehr an das Gemälde „Der Schrei" von Edvard Munch denken müssen. Mitten auf dem Notizblock malte er daher auch eine vereinfachte Version des berühmten verzerrten Gesichts. „So fühle ich mich gerade", erklärte er seinem verdutzten Berater.

Aber für Smith und andere amerikanische Finanzberater sind solche Angstgefühle bei Kunden mittlerweile Alltag geworden. Seit dem Tiefstand im März 2009 hat der Aktienindex Dow Jones Industrial Average seinen Wert verdoppelt. Aber viele Kleinanleger scheuen davor zurück, wieder einzusteigen.

Nach zwei Kurseinbrüchen innerhalb eines Jahrzehnts, zahlreichen Finanzskandalen, dem Aufkommen des Hochfrequenzhandels und der wachsenden Staatsverschuldung Amerikas scheuen immer mehr Privatpersonen vor Aktien zurück. Kleinanleger zogen seit Januar 2000 unter dem Strich 900 Milliarden US-Dollar aus den Aktienmärkten ab, so Zahlen von EPFR Global. Aktien und Aktienfonds machen jetzt 38 Prozent der Anlagen eines Durchschnittshaushalts aus. Auf der Höhe der Dotcom-Blase 2000 waren es nach Daten der US-Notenbank Fed noch gut 50 Prozent.

„Liegt das an mir, oder könnte die nächste Katastrophe jederzeit losbrechen?", fragte Zerebny seinen Berater. „Ich verstehe ja, dass sich der Markt in Zyklen bewegt, aber ich vertraue dem ganzen System einfach nicht mehr". Der 47-jährige Jeffrey Smith war früher selbst Anleihehändler. Er versucht, für seine Kunden ein Fels der Stabilität zu sein, besonders für diejenigen, die kurz vor dem kompletten Ausstieg stehen: Er zeigt dann gerne auf den Aktienchart seit 1926. Trotz einiger Dellen geht es da ziemlich kontinuierlich aufwärts, von unten links nach oben rechts. „Deshalb müssen sie bei Aktien dabeibleiben", sagt Smith.

„Da draußen grassieren massive Ängste"

Er gehört dem nationalen Verband der Finanzberater an. Dessen Mitgliederzahl hat sich in den vergangenen sieben Jahren auf 2.100 Berater verdoppelt. Denn immer mehr Kleinanleger verlassen sich auf professionelle Hilfe. „Der Wandel der Wirtschaft hat viele Verbraucher dazu gebracht, sich Hilfe zu suchen", sagt Nancy Hradsky vom Vorstand des Verbandes.

Smith und seine Kollegen erhalten keine Provision bei Transaktionen und erheben stattdessen eine feste Gebühr für ihre Dienste. Smith etwa verlangt jährlich 0,9 Prozent des angelegten Vermögens bis zur ersten Million Dollar.

Seit Ende der 1980er Jahre handelte Smith mit Aktien und Anleihen für einen Finanzdienstleister. In den 1990er Jahren galten Aktiengewinne als sicher. Auch Kleinanleger waren schier unersättlich. Aber seit er sich vor elf Jahren selbstständig gemacht hat, ist Smith hauptsächlich damit beschäftigt, seine 140 Kunden bei der Stange zu halten. Die meisten würden gerne ihren Aktienanteil reduzieren. Doch auf eine anständige Rendite möchten sie auch ungern verzichten. Und sichere Alternativen wie der Geldmarkt oder Staatsanleihen werfen nur magere Gewinne ab. „Da draußen grassieren massive Ängste", sagt Smith. „viele Anleger haben nicht akzeptiert, dass die Finanzkrise überwunden ist. Sie glauben, dass wir die vergangenen vier Jahre noch einmal durchleben werden."

Mit jedem seiner Kunden trifft sich Smith normalerweise einmal im Quartal, um die Finanzen der Familie und die Pläne für den Ruhestand durchzusprechen. Ein Auge behält er aber auch immer auf dem Börsenticker. Wenn die Kurse ohne ersichtlichen Grund steigen oder fallen, eilt er schnell zum Computer und schreibt eine beruhigende E-Mail an seine Klienten und erklärt ihnen die Marktbewegungen.

Als im Juni die Eurokrise wieder einmal aufflammte, schichte er solche Mails aus dem Urlaub im Karibikstaat St. Kitts and Nevis, wo er mit seiner Frau den 20. Hochzeitstag feierte. Als er aus den Ferien zurückkehrte, musste er gleich die Nerven einer Familie beruhigen, die aus Aktien aussteigen wollte. „Als ich damit anfing, hätte ich nie gedacht, dass dieser Job intensiv mit so viel Kundenkontakt ist. Aber ich verstehe, warum das notwendig ist", sagt der in Chicago geborene Smith, der schon auf der Universität von einer Karriere in der Finanzwelt träumte.

Facebook-Flop am eigenen Leib gespürt

Nach einer Umfrage des Gallup-Instituts sagte im Frühjahr nur noch jeder zweite US-Haushalt, das er Aktien besitze – entweder direkt oder über Fonds und Pensionspläne. Das waren so wenige wie seit Beginn der Untersuchungsreihe 1998 nicht mehr. 2007 waren es noch 65 Prozent.

Viele hatten damit gerechnet, dass der Börsengang von Facebook in diesem Jahr wieder viele Kleinanleger anziehen würde, die durch das Platzen der Dotcom-Blase und die Finanzkrise verschreckt wurden. Stattdessen passierte das genaue Gegenteil: Die begleitenden Banken hielten Informationen für bevorzugte Kunden zurück, das Debüt auf dem Parkett wurde von technischen Pannen überschattet. Und am schlimmsten: Viele Menschen verloren Geld dabei.

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Since hitting a recession-driven low in March 2009, the Dow has doubled in value. But many ordinary investors remain too fearful to join in the gains. Jonathan Cheng reports on Markets Hub. Photo: AP.

Jeffrey Smith bekam den Facebook-Flop in der eigenen Familie zu spüren. Seine Frau Darlene, ausgebildete Buchhalterin, verwaltete ihre Aktienanlagen lange Zeit selbst, in einem eigenen Portfolio. Wie viele andere Anleger auch wollte sie beim Facebook-IPO dabei sein und reichte am Starttag eine Order für Facebook-Aktien zum Startkurs von 38 Dollar ein.

Erst wurde ihr gesagt, ihr Auftrag sei nicht eingegangen. Aber am Wochenende danach stellte sie fest, dass sie doch Aktien gekauft hatte. Weil der Kurs abrutschte, versuchte sie zu verkaufen. Es kostete sie viele Anrufe und Beschwerden bei ihrem Onlinebroker, um die gesamte Transaktion rückgängig zu machen. In der Folge verlor Facebook fast die Hälfte seines Börsenwerts, konnte sich aber bis Dienstag wieder auf 27,98 Dollar zurückarbeiten.

Seitdem wählt Darlene Smith keine individuellen Aktien mehr aus: „Meine Tage mit Einzelwerten sind vorbei", sagte sie damals ihrem Mann. „Nachdem ich mir so viele Gedanken über Hochfrequenzhändler gemacht habe, war Facebook der Moment an dem ich gesagt habe: Wenn sie so einen großen Börsengang nicht hinbekommen, dann gibt es einfach zu viele Dinge, die mit meinen Aktien passieren können", berichtet sie.

Als Nicholas Zerebny sein „Schrei"-Bild zeichnete, senkte Smith den Aktienanteil im Portfolio des 63-Jährigen von 60 Prozent auf gut ein Drittel. Der pensionierte Sozialarbeiter sorgt sich, dass niedrigere Renditen sein Einkommen im Ruhestand gefährden. Er erhält vom Bundesstaat Illinois eine Pension, fürchtet jedoch, dass diese in der US-Haushaltskrise gekürzt werden könnte.

Mit E-Mails bombardiert

„Ich empfinde es als meine Pflicht, dafür zu sorgen, dass meine Kunden für ihren Ruhestand gut investiert sind. Und das bedeutet, auch Aktien zu halten", sagt Smith. Aber bei den angespannten Nerven seiner Klienten hat er nicht immer das letzte Wort. „Letztlich ist es das Geld der Kunden:"

Selbst einige seiner Klienten, die immer auf Aktien gesetzt haben, stehen kurz davor, die Notbremse zu ziehen. So auch Lawrence Zachary. Der 59-jährige plastische Chirurg an der Universität Chicago hat auf Drängen von Smith sein Geld in Aktienfonds gesteckt. Zwischen Operationen, berichtet er, überprüft er auf dem iPad die aktuellen Kurse. Bei Anzeichen für einen großen Einbruch werde er handeln, sagt er.

Zachary regt sich vor allem über die Schuldenkrise in Europa und den Parteienstreit in Washington auf. Wenn es besonders schlimm wird, bombardiert er Smith mit E-Mails: „Ich kann gar nicht hinschauen, da wird mir übel. Amerika steckt fest:" Doch trotzdem weiß er, dass er Nerven beweisen muss. „Für den Durchschnittsamerikaner ist der Aktienmarkt der einzige Weg, um Geld zu machen. Man muss spielen."

Auch der Pensionär Nicholas Zerebny ist „schlau genug", seine Aktien zu halten, verlässt sich dabei aber auf den Rat von Jeffrey Smith. „Ich will nachts noch schlafen können." Früher hat er sich selbst um Gelddinge gekümmert. Ende der 1990er Jahre kaufte er Technologieaktien, weil ein Kolumnist in der Zeitung sie empfohlen hatte. „Im Artikel stand: Wenn Sie nicht auf den Tech-Zug springen, verpassen Sie etwas. Sie sollten die Hälfte Ihres Geldes dort investiert haben", erinnert sich Zerebny. Er habe seinen Aktienbroker angerufen und gesagt: „Bringen Sie mich da hinein." Sein Timing erwies sich dabei als katastrophal. Er stieg kurz vor dem Platzen der Blase ein und verlor viel Geld: „Ich habe die ganze Talfahrt mitgemacht."

Heute wird Zerebny jedesmal nervös, wenn die Kurse steigen. Er wähnt jedes Mal ein baldiges Ende der Rally. Schon der Anstieg der Häuserpreise Anfang der 2000er Jahre sei „zu gut, um wahr zu sein" gewesen. Jetzt sorgt er sich, dass der Aktienmarkt durch die US-Notenbank und die Politik der Regierung künstlich aufgeblasen wird.

Absicherung gegen Naturkatastrophen

Außerdem macht er sich Gedanken über die schrumpfenden Rohstoffreserven, Dürren und Stürme. Deswegen hat Jeffrey Smith für ihn Aktien von Agrarunternehmen und Herstellern von Wasseraufbereitern gekauft. Daher fühlt sich Zerebny vor einer Naturkatastrophe sicher, bei denen solche Aktien steigen dürften.

Dadurch ist Zerebnys Aktienanteil inzwischen wieder auf fast die Hälfte seiner Anlagen gestiegen, ist aber immer noch weniger als früher. Zerebny ist trotzdem nicht ganz wohl dabei. „Ich reagiere jetzt emotionaler, und ich bin sehr nervös", sagt er über sich selbst. „Als der Dow das letzte Mal auf diesem Niveau war, lagen die Häuserpreise himmelhoch, und wir schwebten alle über den Wolken. Dann kam der große Knall. Jetzt wird die Luft wieder dünner, und ich frage mich: Kann ich darauf vertrauen, oder führt das wieder zu einem Absturz?"

Smith zeigt ihm daraufhin wieder den historischen Aktienchart an seiner Bürowand. „Schwankungen gehören auf der ganzen Fahrt dazu. Das ist nicht sehr angenehm, aber die langfristigen Gewinne des Aktienmarktes sind diese Turbulenzen wert."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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