• The Wall Street Journal

Wie die größte Turmuhr der Welt entstand

    Von NINA KOEPPEN
Associated Press

Eine Turmuhr aus dem Schwarzwald 400 Meter über dem Zentrum der heiligen Stadt Mekka. Die vier Ziffernblätter haben einen Durchmesser von jeweils 43 Metern.

Weihnachten 2006 war ein ganz besonderes Fest für die pietistische Familie Perrot, in der fünften Generation Turmuhrbauer aus Calw im Schwarzwald. Zwischen dem Kirchgang und der traditionellen Weihnachtspastete kam der entscheidende Anruf: Ein Herr, der sich als Dr. Bodo Rasch vorstellte, wollte wissen, ob die Familie Perrot wohl in der Lage sei, eine Turmuhr mit einem 15 Metern großen Zifferblatt zu bauen.

Die Anfrage war vermessen. Weltweit gab es keine Turmuhr dieser Größe. Die drei ältesten Söhne der Familie hielten Rat, doch zögerten sie nicht lange. „Um das Erscheinungsfest herum nahmen wir unsere Zusammenarbeit auf", erinnert sich Johannes Perrot, der mittlere der Söhne. Nach der Zusage musste die 150-jährige Unternehmensgeschichte neu geschrieben werden.

Die Perrots sind Tüftler. Seit 1860 bauen sie Turmuhren von großer Präzision und technischer Finesse, die man heute an Dorfkirchen im Schwarzwald ebenso bewundern kann wie an sakralen und profanen Gebäuden in Brasilien, Russland, Georgien oder Aserbaidschan. Die Familie ist nicht nur für ihre Uhren bekannt, sondern auch für ihr soziales Engagement.

dapd

Hier bauen die Perrots seit mehreren Generationen Uhren: Das Schwarzwaldstädtchen Calw.

Im Juni 1894 nahmen sie einen gewissen Hermann Hesse als Mechaniker in die Lehre, der gut ein halbes Jahrhundert später für seinen Roman „Das Glasperlenspiel" mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet werden sollte. Das geschah mehr aus Verantwortungsgefühl für den noch jungen Calwer Bürger, der gerade nach nur drei Tagen eine Buchhändlerlehre in Esslingen abgebrochen hatte, als wegen dessen handwerklicher Fähigkeiten. Fünfzehn Monate später schied Hesse aus der Firma aus, vielleicht auch, weil es ihm in der Perrot'schen Werkstatt zu diensttüchtig zuging.

"Geht nicht, gibt's nicht bei uns"

Noch heute wird die Arbeitsethik im Calwer Unternehmen großgeschrieben. „Wir zählen uns zum Pietismus. Geht nicht, gibt's nicht bei uns", beschreibt Perrot die Firmen- und Familienphilosophie des Hauses.

Es war diese Einstellung, die den Perrots mit einem Anruf um das Weihnachtsfest 2006 zum größten Auftrag der Firmengeschichte verhalf. Sie sollten eine Uhr für den höchsten Turm der Hochhausgruppe Abraj Al Bait in Mekka bauen, der wichtigsten Stadt der Muslime. Bodo Rasch, der Anrufer, wies sich als Vertreter des saudischen Königs Abdul Aziz aus. Der wünschte sich nicht nur die größte Uhr der Welt, sondern wollte mit ihr auch auch „Makkah Time" als neue Zeitzone einführen.

Die saudischen Geschäftsleute mochten die Perrots sofort: „Bei uns finden sie keine Pin-up Girls in der Werkstatt an der Wand. Das wissen muslimische Kunden zu schätzen", sagt Johannes Perrot.

Die Familie machte sich schnell an die Arbeit in ihrer kleinen Werkstatt im Schwarzwald. Eine Turmuhr bedarf wegen vieler technischer Details einer genauen Planung. Zudem wuchs der Auftrag unaufhörlich. Aus 15 Metern Durchmesser wurden schnell 27 und dann 32 Meter. Am Ende bauten sie einen Uhrenkoloss mit 43 Metern Durchmesser beim Zifferblatt und 21 Tonnen Gewicht. Und das ganze vier Mal, denn für jede Turmseite brauchte es eine Uhr.

Perrot GmbH & Co. KG

Ein Teil der riesigen Uhr für Mekka.

Nach drei Jahren war ihre Arbeit abgeschlossen, doch die schwierigste Aufgabe sollte noch kommen: Der Einbau der vier Uhren in den am Ende 601 Meter hohen Mecca Royal Hotel Clock Tower. Den konnten die Perrots nicht selbst überwachen, denn Christen ist der Zutritt in die Geburtsstadt des Propheten Mohammed untersagt. „Konvertieren war ausgeschlossen", sagt Johannes Perrot. „Aber wir brauchten ein Unternehmen, das die Uhr auf den Millimeter genau in 426 Meter Höhe einbauen konnte, ohne dabei das Ziffernblatt oder das Uhrwerk zu beschädigen." Auch diese Hürde wurde genommen, und im August 2010 nahm der saudische König Abdul Asis die Turmuhr per Fernbedienung in Betrieb.

Gesehen haben die Perrots ihr Werk übrigens bisher nur auf Fotos. Was Millionen muslimische Pilger bei ihrer jährlichen Wallfahrt nach Mekka schon aus vielen Kilometer Entfernung sehen können, bleibt der pietistisch-protestantischen Familie verwehrt: „Keiner von uns hat die Uhr je vor Ort besichtigen können." Das nahende Weihnachtsfest weckt aber Hoffnungen: „Vielleicht wird ja für unseren Vater dieser gewagte Traum einmal Wirklichkeit, denn im arabischen Raum hat man sehr großen Respekt vor dem Alter."

Kontakt zum Autor: nina.koeppen@dowjones.com

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