• The Wall Street Journal

Wenn das Firmenrad den Dienstwagen ersetzt

    Von STEPHAN DÖRNER

Grün liegt im Trend – und nirgendwo anders in Deutschland lässt sich das so gut beobachten wie in Freiburg. Die Stadt hatte schon 2002 einen grünen Oberbürgermeister und war damit Vorreiter für die Landeshauptstadt Stuttgart, in der der kürzlich Fritz Kuhn gewählt wurde.

Riese & Müller/LeaseRad

Mit dem E-Bike zur Arbeit. Das Geschäftsmodell von Leaserad beruht auf einem Steuersparmodell.

Freiburg ist auch der Ort, von dem aus Ulrich Prediger die grüne Revolution in Unternehmen plant. „Firmenrad statt Firmenauto" lautet die Vision, mit der er 2008 das Start-up Leaserad gründete. „Ich bin in Freiburg groß geworden und sicher durch das Umfeld – auch das politische Umfeld – geprägt. Dann habe ich auch noch einige Jahre in den Niederlanden gelebt – diese Kombination musste einfach dazu führen, dass ich etwas mit Fahrrädern mache", sagt Ulrich Prediger.

Pressefoto

Leaserad-Gründer und Geschäftsführer Ulrich Prediger.

Die Idee kam dem Unternehmer aber zunächst durch das eigene Firmenauto. „Faktisch ist das ja eine Steuersubvention", sagt Prediger. „Je teurer der Firmenwagen, desto mehr Kosten für den Steuerzahler." Der Markt der Firmenwagen riesig. Mehr als 60 Prozent der Neuzulassungen in Deutschland entfallen laut auf Dienstwagen und gewerblich genutzt Fahrzeuge. Im Zeitraum Januar bis November lag der Anteil laut Kraftfahrt-Bundesamt bei 63,9 Prozent.

Als Ulrich Prediger das Start-up 2008 gründete, wurde er von vielen großen deutschen Unternehmen nicht ernst genommen. „Am Anfang wurde ich von den meisten belächelt und schon fast als Spinner abgetan". Erst der Trend zu Elektrofahrrädern verhalf auch dem Unternehmen zum Durchbruch

Verschwitzt zur Arbeit? Nicht mit dem E-Bike

Denn für den Firmeneinsatz eignen sich Fahrräder für viele erst, seit es E-Bikes gibt. Anders als Pedelecs, die den Fahrer nur durch einen elektrisch betrieben Motor beim Pedale treten nur unterstützen, handelt es sich bei den E-Bikes eher um elektrisch betriebene Mofas. Sie erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 20 km/h, ohne dass der Fahrer in die Pedale treten muss – das wird nur nötig, wenn er schneller fahren will. Dadurch vermeidet es der Fahrer verschwitzt zur Arbeit zu kommen und kann auch im Anzug fahren. „Wir haben inzwischen über eine Millionen Elektrofahrräder in Deutschland im Vergleich zu vielleicht 5000 Elektroautos."

Dienstwagenprivileg

Rund 60 Prozent der in Deutschland zugelassenen Neufahrzeuge sind Dienstwagen, die steuerlich begünstigt sind. Unter den Top 5 der beliebtesten Dienstwagen finden sich vor allem Mittelklassemodelle der deutschen Autohersteller, die selten für weniger als 40.000 Euro zu haben sind.

Wird der Geschäftswagen ausschließlich auf betrieblicher Basis genutzt, können alle Ausgaben in voller Höhe von der Steuer abgesetzt werden. Arbeitnehmer, denen ihr Arbeitgeber ein Dienstwagen auch zur privaten Nutzung überlässt, müssen den sogenannten „geldwerten Vorteil" ermitteln, der einkommensteuerpflichtig ist (§ 8 Absatz 2 Satz 8 EStG). Um den geldwerten Vorteil zu ermitteln, stehen zwei Möglichkeiten zur Auswahl: Einerseits das Führen eines Fahrtenbuchs oder die sogenannte „Ein-Prozent-Regelung". Dabei wird vom Listenneupreis des Fahrzeugs ein Prozent pro Monat angesetzt und versteuert. In der Praxis wird fast immer die „Ein-Prozent-Regelung" gewählt.

Diese Regelung gilt nun auch für Pedelecs, E-Bikes und herkömmliche Fahrräder. Es lassen sich auch ein Geschäftswagen und ein Geschäftsfahrrad von der Steuer absetzen.

Eines der Angebote der Firma heißt Jobrad. Das Geschäftsmodell dreht sich dabei um die Steuerersparnis durch ein Dienstrad. „Die Firmen haben dabei den Vorteil, dass sie die Ausgabe voll absetzen können und die Wahl haben, wer die Kosten trägt." Bislang sind nur die wenigsten Unternehmen bereit, die Kosten zu tragen, musste Prediger feststellen – beispielsweise, weil es in der Firma zwar ein Budget für Firmenwagen, nicht aber für Firmenfahrräder gibt.

„Trotzdem gibt es natürlich praktische Gründe, warum viele Mitarbeiter mit dem Rad zur Arbeit kommen wollen, und in dem Moment kann der Arbeitgeber das unterstützen. Vorteil für den Arbeitnehmer: Selbst wenn er die Leasingrate aus seinem Bruttogehalt voll bezahlt, spart er Steuern und kann damit das Rad im Vergleich zum Kauf 30 bis 40 Prozent günstiger erwerben", erläutert Prediger das Prinzip Firmenrad. „Das Rad gehört nach drei Jahren trotzdem ihm." Anders als beim Firmenauto müssten bei Fahrrädern und Pedelecs – anders als bei den E-Bikes – die Anfahrtskilometer nicht versteuert werden. Das Steuersparmodell lohnt sich natürlich – genau wie beim Dienstauto – umso mehr, je teurer das Rad ist.

Erst die Lobbyarbeit, dann das Geschäft

Bevor Prediger richtig loslegen konnte, stand allerdings erstmal Lobbyarbeit am Anfang seiner unternehmerischen Tätigkeit. Denn bis vor kurzem dürften Firmenfahrräder anders als Firmenkraftfahrzeuge, die von der Steuer abgesetzt werden, nicht privat genutzt werden. Seit dem 23. November haben die Länder mit Zustimmung des Bundes einen Erlass veröffentlicht, nachdem auch Fahrräder aller das sogenannte Dienstwagenprivileg genießen – rückwirkend ab dem 1.1.2012. „Eigenlob stinkt ja, wie man so schön sagt – aber ich würde mal sagen, ohne uns gäbe es diese Regelung nicht in Deutschland", sagt der Geschäftsführer.

Eine erste Initiative im Bundesrat dazu, die Baden-Württembergs grüner Verkehrsminister Winfried Hermann eingebracht hatte, wurde noch abgelehnt. Erst als sich sechs Lobbyorganisationen, die sich für Fahrräder und Elektromobilität einsetzen, ein Schreiben an sämtliche Landesregierungen verfassten, kam die Sache in Bewegung. „Ich glaube, das hat dann letztlich den Ausschlag gegeben", sagt Prediger.

Noch ist das Geschäft mit dem Firmenfahrrad kein Massengeschäft in Deutschland. Die größten Kunden haben etwa 50 Räder von Leaserad gemietet. „Ich schätze wir haben in Deutschland 150 bis 200 Kunden", sagt Prediger – von einem Rad bis 50 Räder. Die Stückzahlen sind auch deshalb eher gering, weil die Unternehmen, die große Fahrradflotten einsetzen, die Fahrräder bislang selbst unterhalten. Dazu zählt zum Beispiel die Deutsche Post und BASF, die für ihr großes Betriebsgelände schon viele Jahrzehnte auf Fahrräder setzen.

E-Bikes in Deutschland wachsen stark

E-Bikes haben in Europa an Schwung gewonnen. Nach Angaben des Zweirad-Industrie-Verbands wurden in Europa 2011 rund 900.000 E-Bikes verkauft – 28,6 Prozent mehr als 2010. In der Prognose geht der Branchenverband von rund 1,1 Millionen verkauften E-Bikes in Europa 2012 aus. In Deutschland boomt der Markt ebenfalls. 2011 wurden demnach 310.000 der elektrischen Räder verkauft, eine deutliche Steigerung gegenüber den 200.000 abgesetzten E-Bikes 2010. 2012 rechnet der ZIV sogar mit 400.000 verkauften E-Bikes in Deutschland.

Elektrische Fahrräder

Pedelec

Pedelecs (Pedal Electric Cycle) haben bis zu 250 Watt Motorleistung, die nur unterstützend zum Einsatz kommen, wenn der Fahrer tritt. Wer schneller unterwegs sein will, muss selber in die Pedale treten.

Pedelecs sind dem Fahrrad rechtlich gleichgestellt, die Fahrer benötigen von daher weder Versicherungskennzeichen, Zulassung noch einen Führerschein. Es besteht für sie keine Helmpflicht oder Altersbeschränkung. Für Pedelecs mit einer Anfahrhilfe bis 6 km/h wird jedoch eine Mofaprüfbescheinigung benötigt, wenn der Fahrer nach dem 1. April 1965 geboren wurde.

Die schnellen Pedelecs

Pedelecs der so genannten Schweizer Klasse gehören bereits zu den Kleinkrafträdern. Die Unterstützung schaltet sich erst bei 45 km/h ab, die Motoren bis zu 500 Watt haben.

Für die schnellen Pedelecs ist eine Betriebserlaubnis beziehungsweise eine Einzelzulassung des Herstellers vom Kraftfahrtbundesamt notwendig. Fahrer, die nach dem 1. April 1965 geboren wurden, benötigen mindestens eine Mofa-Prüfbescheinigung oder einen gültigen Führerschein jeglicher Art. Das schnelle Elektrofahrrad braucht ein Versicherungskennzeichen (etwa 70 Euro pro Jahr). Für diese Klasse besteht Helmpflicht.

E-Bikes

E-Bikes sind eigentlich Elektromofas. Der Fahrer gibt Gas mit einem Drehgriff oder einem Schaltknopf. Dabei muss er nicht in die Pedale treten, außer er will schneller als 20 km/h fahren. Wird die Motorleistung von 500 Watt und eine Höchstgeschwindigkeit von maximal 20 km/h nicht überschritten, gelten diese Fahrzeuge als Kleinkraftrad.

Ein Hindernis beim Einsatz der Fahrräder bleibt für manche Unternehmen die Versicherungspflicht. Arbeitnehmer sind auf dem Weg zur Arbeit über ihren Arbeitgeber versichert. Fahren Sie mit dem Auto und erfüllen dabei die Anschnallpflicht nicht, muss auch die Versicherung es Arbeitgebers nicht einspringen, weil sich der Fahrer nicht an die Straßenverkehrsordnung gehalten hat.

Riese & Müller/LeaseRad

Eine Helmplicht für Fahrradfahrer sieht die Straßenverkehrsordnung in Deutschland nicht vor. Dementsprechend können Arbeitgeber ihre Mitarbeiter nur auf dem eigenen Betriebsgelände zum Tragen eines Helms verpflichten, erläutert Prediger.

Ebenfalls ein Hindernis ist gerade jetzt im Winter das Wetter. Deshalb muss das Firmenrad mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder Fahrgemeinschaften kombiniert werden. „Wir arbeiten zum Beispiel eng mit Flinc zusammen und empfehlen den Firmen als Alternative für Schlechtwettertage Fahrgemeinschaften", sagt Prediger. Flinc ist eine Mitfahrzentrale auf Basis einer mobilen App.

Schwarze Zahlen schreibt Leaserad bislang noch nicht. Dieses Ziel soll das Start-up im zweiten Quartal 2013 erreicht haben. „Wir haben sehr viel Zeit und Geld darin investiert, Kundenkontakte aufzubauen – und uns hat jetzt letztlich noch dieser Steuererlass gefehlt", so der Gründer. Nun hofft Leaserad, das Geschäftsmodell nach oben skalieren zu können. Der Unternehmer hat Leaserad eigenen Angaben zufolge aus 70 Prozent Idealismus und 30 Prozent unternehmerischen Ehrgeiz gegründet. „Ich hatte eigentlich nie vor Unternehmer zu werden", sagt er.

Der Schwarm finanziert das Unternehmen

Probleme an Geld zu kommen, hat das Unternehmen dennoch nicht. Zwei Mal hat Leaserad die Crowdfunding-Plattform Seedmatch genutzt. Auf der Plattform investieren Internet-Nutzer kleinere Beträge ab 250 Euro in Start-ups und kleine Unternehmen und erwerben damit Anteile, die sie am Unternehmenserfolg beteiligt. Bei der jüngsten Anschlussfinanzierung sammelte Leaserad 220.000 Euro ein und stellte damit einen Crowdfinanzierungsrekord in Deutschland auf.

„Wir haben uns für Seedmatch entschieden, weil wir den Vermarktungseffekt als sehr positiv empfunden haben", sagt der Gründer – obwohl auch klassische Investoren mit besseren Finanzierungsbedingungen bereit gestanden hätten. Durch die Vorstellung bei den Nutzern der Plattform als potentielle Investoren, habe das Unternehmen gleichzeitig kostenlose Werbung bekommen. „Und die etwa 250 Leute, die jetzt investiert haben, sind natürlich daran interessiert, dass das Unternehmen erfolgreich wird und unterstützen uns jetzt mit Kontakten, Ideen und hilfreichen Vorschlägen".

Hoffnung auf einen bevorstehenden Boom schöpft Prediger durch ein Unternehmen mit ähnlichem Geschäftsmodell aus Großbritannien. „Cyclesheme wurde 2005 gegründet mit knapp 300.000 Pfund Umsatz. 2010, also nach knapp fünf Jahren, hatten sie schon über 50 Millionen Pfund Umsatz."

Kontakt zum Autor: stephan.doerner@wsj.com

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