• The Wall Street Journal

Ablenkung am Arbeitsplatz: Warum Sie diesen Artikel nicht zu Ende lesen werden

    Von RACHEL EMMA SILVERMAN
Associated Press

Mitarbeiter von Zynga in einem Großraumbüro. Die Ablenkung von der Arbeit durch Mails, Meetings und soziale Medien nimmt immer mehr zu. Einige Unternehmen tun etwas dagegen.

In den wenigen Minuten, die es dauert, um diesen Artikel zu lesen, werden Sie wahrscheinlich auf ihr Handy schauen, eine SMS beantworten, auf dem Computer eine E-Mail von der Chefsekretärin lesen, oder Facebook- und Twitter-Nachrichten durchsehen, die in der Ecke des Bildschirms auftauchen. In der Umgebung werden einige Kollegen Sie mit Gesprächen über den Kindergarten ihrer Sprösslinge ablenken oder ein Mitarbeiter kommt vorbei, um eine kurze Frage zu stellen. Und dann fragen sich die Chefs, warum die Arbeit nicht schnell genug erledigt wird.

Ablenkungen am Arbeitsplatz sind kein neues Phänomen, doch das Problem wächst mit jedem zusätzlichen Bildschirm, der in den immer engeren Großraumbüros auftaucht. Während einige Firmen sich darüber beschweren, dass ihre Mitarbeiter im Internet Zeit verschwenden, bemerken andere, dass sie das Problem teilweise selbst zu verantworten haben.

Obwohl die digitale Technologie die Produktivität in vieler Hinsicht gesteigert hat, scheint der moderne Arbeitstag darauf ausgelegt zu sein, die Konzentration so oft wie möglich zu stören. Offene Büros bieten kaum Schutz vor geschwätzigen Kollegen. Die tägliche Flut interner E-Mails und Meetings stiehlt Mitarbeitern die Zeit für ihre eigentliche Arbeit. Und während alledem hört so mancher ständig den verlockenden Ruf der Sozialen Medien.

Bürokräfte werden etwa alle drei Minuten unterbrochen (oder unterbrechen sich selbst), belegen verschiedene Studien. Wenn sie einmal abgelenkt sind, kann es bis zu 23 Minuten dauern, bis sie wieder bei ihrer ursprünglichen Aufgabe sind, sagt Gloria Mark, Professorin an der University of California in Irvine, die über digitale Ablenkungen forscht.

Interne Mails reduzieren - oder ganz abschaffen

Unternehmen testen daher verschiedene Strategien, wie sie ihre Mitarbeiter zu mehr Konzentration bringen können. Einige versuchen, interne E-Mails zu reduzieren - ein Unternehmen hat sie sogar komplett verboten. Andere reduzieren die Anzahl der Projekte, die Mitarbeiter gleichzeitig zu erledigen haben.

Vergangenes Jahr bemerkte Jamey Jacobs, Leiter der Sparte Abbot Vascular beim Gesundheitskonzern Abbott Laboratories, dass seine 200 Angestellten kaum Zeit für konzentriertes Arbeiten finden konnten, da E-Mails und Meetings sie so stark beanspruchten.

„Es wurde frustrierend für sie, dass sie die Arbeit, die sie erledigen wollten, nicht schafften", sagt er. In Meetings riefen Mitarbeiter oft ihre E-Mails ab und versuchten, gleichzeitig andere Dinge zu erledigen, wodurch ihre Konzentration komplett verschwand.

Jacobs und sein Produktivitätsberater Daniel Markovitz fanden heraus, dass die Angestellten fast nur noch per E-Mail kommunizierten. Sei es der Hinweis, dass es im Pausenraum Kuchen gibt oder eine Anfrage beim technischen Support.

Die beiden baten die Angestellten, dringende Angelegenheiten und komplexe Themen am Telefon oder persönlich zu erledigen und E-Mails nur dann zu nutzen, wenn die Anfrage warten konnte. Heute greifen die Angestellten öfter zum Telefon, schreiben weniger E-Mails und sagen selbst, dass jetzt leichter erkennbar sei, welche Aufgaben dringend sind.

Ablenkung kann auch nützlich sein

Doch nicht jede Ablenkung am Arbeitsplatz schadet der Produktivität. Gloria Mark von der University of California fand heraus, dass Bürokräfte oft schneller arbeiten, wenn sie wissen, dass eine Unterbrechung bevorsteht – etwa ein Meeting -, da sie ihre Aufgaben vorher abschließen wollen. Bei häufigen Unterbrechungen erledigten sie ihre Arbeit zwar noch genauso sorgfältig, doch ihr Stresspegel steige deutlich, sagt Mark.

Andere Studien zeigen, dass gelegentliche Ablenkungen wie Surfen im Internet die Kreativität steigern und den monotonen Arbeitsalltag aufmischen können. Dadurch werden die Mitarbeiter laut Studien aufmerksamer.

Bei der 14.000 Mitarbeiter starken Software- und Dienstleistungsgruppe des IT-Konzerns Intel kam die Sorge auf, dass den Angestellten nicht genug Zeit bleibt, in der sie konzentriert über eine Aufgabe nachdenken können, da sie zu viel Zeit auf das Alltagsgeschäft verwenden. Daher entwickelten sie im vergangenen Herbst ein Programm, mit dem Mitarbeiter jede Woche einige Stunden für konzentrierte Arbeit reservieren können.

In der sogenannten „Denkzeit" müssen Mitarbeiter nicht auf E-Mails antworten oder bei Meetings erscheinen – außer bei dringenden Problemen oder wenn sie an gemeinschaftlichen Projekten arbeiten.

Schon jetzt hat mindestens ein Mitarbeiter während seiner Denkzeit eine Idee entwickelt, die das Unternehmen patentieren lassen will, sagt Linda April, Managerin bei Intel. Andere könnten endlich die Arbeit erledigen, die sie im stressigen Arbeitsalltag sonst nicht schaffen,.

Atos geht radikal gegen digitale Umweltverschmutzung vor

Doch kein Unternehmen ist das Problem mit der E-Mail-Flut so aggressiv angegangen wie Atos, ein globaler IT-Dienstleister in Paris, der 74.000 Mitarbeiter beschäftigt.

Als eine interne Studie zeigte, dass die Mitarbeiter täglich zwei Stunden damit verbrachten, ihre E-Mails abzuarbeiten, hat das Unternehmen den internen Mailverkehr komplett abgeschafft.

Angestellte können mit externen Kunden immer noch per Mail kommunizieren, doch intern sollen sie jetzt über das firmeneigene Soziale Netzwerk kommunizieren, das das Unternehmen im Herbst installiert hat, sagt Robert Shaw, globaler Programmdirektor für die „Zero Email"-Initiative.

Es sei noch zu früh, um den Erfolg der Initiative auszuwerten, sagt das Unternehmen. Doch im Anti-E-Mail-Manifest, das auf der Internetseite des Unternehmens nachzulesen ist, vergleicht CEO Thierry Breton den Kampf des Unternehmens gegen den digitalen Müll mit den „Maßnahmen nach der industriellen Revolution, um die Umweltverschmutzung zu reduzieren".

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