• The Wall Street Journal

Komik der Krise: Spaniens Jugend übt sich in Galgenhumor

    Von MATT MOFFETT
Asqueadas

Dreharbeiten zur spanischen Webserie "Asqueadas".

MADRID – Fausto ist ein junger Grafikdesigner. Mitten in der spanischen Rezession muss sich der Ärmste als Freiberufler durchschlagen. Kunden sind mit ihren Zahlungen säumig, einer weigert sich gar, Fausto zu bezahlen, und beschimpft ihn dann auch noch als Materialisten. „Ein kreativer Mensch wie du sollte sich um Geld nicht kümmern", wirft er ihm an den Kopf.

Außerdem muss Fausto für den großspurigen Yuppie Roi Stakeholder arbeiten, den selbsternannten CEO von Stakeholder Consulting. Doch der Schein trügt. Außer dem Chef selbst beschäftigt die Firma keine anderen Angestellten. Als Fausto dahinter kommt, sagt Stakeholder nur lakonisch: „So gibt es niemanden, der mir widerspricht."

Die Widrigkeiten machen auch vor Faustos Privatleben nicht halt. Sein Zuhause ist für ihn kein Zufluchtsort. Nachdem er mit der Miete in Verzug gekommen ist, bedroht ihn seine Vermieterin gar mit einem Wischmopp.

Fausto ist in Spanien inzwischen ein kleiner Star, der Held einer animierten Zeichentrickserie, die im Internet unter dem Namen „Freaklances" läuft. Die Idee dazu stammt von zwei selbstständigen IT-Experten, die Faustos Probleme nur allzu gut kennen. Alex Otero, 31, wurde 2008 in die Selbständigkeit gezwungen, als er seinen Job verlor.

Doch anstatt sich zu beklagen, machen er und sein Freund Julio Garma, 40, ihrem Frust in „Freaklances" Luft. Die Serie trifft den Nerv vieler junger Spanier, die am Arbeitsmarkt oft keine Chance bekommen. Die erste Folge lief vor drei Jahren. Seitdem wurde die Serie 1,5 Millionen Mal im Internet angeklickt, es gibt mittlerweile Werbekunden und Fan-Artikel.

„Am Ende schützen wir sie vor uns selbst"

Jeder zweite zwischen 16 und 24 in Spanien ist in der Wirtschaftskrise arbeitslos geworden, viele gehen demonstrieren oder wandern aus, aber nicht wenige gehen ihre aussichtslose Situation mit Humor an. Etliche Videoserien über die Probleme der jungen Arbeitssuchenden sind seither ins Internet gestellt worden.

In „Treintañeros" (Menschen in den Dreißigern), "Asqueadas" (Die Angeekelten) und "Parados" (Die Arbeitslosen) beschäftigen sich die Filmemacher mit Galgenhumor mit dem Schicksal der verlorenen Generation der Spanier und zeigen dabei die Details und Begleitumstände, die es in die nüchternen Abendnachrichten des spanischen Fernsehens nie schaffen würden.

Die wohl erfolgreichste dieser Internetserien heißt „Malviviendo" (Schlechtes Leben). Regisseur David Sáinz hat sie mit nur 40 Euro Budget gedreht und musste sich heimlich in das Drahtlosnetzwerk seines Nachbarn einwählen, um sie ins Netz hochzuladen.

Vier Jahre nach dem Debüt haben 27 Millionen Menschen sein bodenständiges Porträt von einer Gruppe heruntergekommener Jugendlicher im Internet angesehen. Der 28-jährige Regisseur spielt selbst die Hauptrolle. In der Serie heißt er El Negro und verdient sich ein paar Euro, indem er anderer Leute Autos einparkt. El Negro beschreibt sich selbst als „nicht versicherten Sozialarbeiter, der für Wegbeschreibungen, freundliche Unterstützung beim Parken und den Schutz von Fahrzeugen Geld annimmt." Er fügt hinzu: „Am Ende schützen wir sie vor uns selbst."

Einer von El Negros besten Freunden ist Kleptomane und Narkoleptiker, also ein zwanghafter Dieb, der öfters Schlafanfälle erleidet. Der Schlaf überkommt ihn meistens zu den ungünstigsten Zeiten, zum Beispiel, wenn er gerade in ein Auto einbricht, um dort die Radioanlage zu entwenden.

Im Fernsehen läuft nur realitätsferne Kost

Die derbe Sprache und der Kifferhumor von „Malviviendo" sind nichts fürs Büro. Doch das macht nichts, sagt David Valderrama, 28 Jahre alt und Schauspieler in der Serie. „Viele unserer Zuschauer gehen sowieso nicht zur Arbeit", grinst er. Sáinz und seine Crew sind beauftragt worden, für einen örtlichen TV-Sender eine weitere Staffel der Serie zu produzieren, während ein Kabelfernsehsender am späten Abend Folgen von „Malviviendo" ausstrahlt.

[image] Diffferent Entertainment

Die Darsteller der Serie "Malviviendo".

Das spanische Fernsehen brauche dringend neues Material, sagt Paula Hernández, Kommunikationsprofessorin an der Autonomen Universität von Barcelona. Es sei eine „Schande", dass es vor allem kleine Internetunternehmen seien, die die Misere der spanischen Jugend aufzeichneten. Die Fernsehsender servieren ihren Zuschauern lieber realitätsferne Kost, etwa eine Abenteuerserie, die im 17. Jahrhundert spielt, oder eine Seifenoper über die Zeit nach dem spanischen Bürgerkrieg in den Dreißigern, beschreibt Medienexperte Charo Sádaba die Situation.

Die Bedeutung des Internets als Stimme der spanischen Jugend zeigt sich exemplarisch am Fall des 29-jährigen Zeichners Aleix Saló. Anfang vergangenen Jahres veröffentlichte er den Comicroman „Españistan", in dem er mit ätzendem Sarkasmus das Platzen der spanischen Immobilienblase beschreibt und ausmalt, wie sie Spanien langsam in ein zweites Afghanistan verwandelt. Doch auf dem stagnierenden Buchmarkt sei "Españistan" weitgehend ignoriert worden, sagt Saló.

Das änderte sich im Mai 2011, als Saló aus „Españistan" ein siebenminütiges Internetvideo machte und es auf YouTube veröffentlichte. Innerhalb eines Tages entwickelte sich das Video zu einem der meistdiskutierten Themen auf Twitter. Binnen einer Woche hatten 1,5 Millionen Menschen das Video gesehen.

„Man kann heutzutage nicht zu wählerisch sein, solange es überhaupt einen Job gibt"

Das Video erzählt von den glorreichen Tagen Spaniens, als Bauunternehmer den Erwerb einer Immobilien fast als moralisch-vaterländische Pflichtübung verkauften. „Sei kein ordinärer, Miete zahlender Hippie", brachte das Video die Stimmung jener Zeit auf den Begriff. Ein Banker im Clown-Anzug macht in seinem Büro mit allem und jedem Geschäfte. Ein Mann bringt seine Schildkröte als Mitunterzeichner mit und geht mit einem Kredit wieder nach Hause. Am Ende fällt das Kartenhaus in sich zusammen.

Video auf WSJ.com

"Freaklances", an animated web series popular with young people in Spain, is helping the high number of unemployed young people work through their plight, with humor. (CLIP)

"Plötzlich merkten wir, dass wir arm waren und, was noch viel schlimmer war, dass es eigentlich nie anders gewesen war", stellt das Video am Ende fest.

Carlota Escandón, 28, und Silvia Chicón, 26, haben die teils autobiographische Internetserie „Asqueadas" geschaffen. In der Serie geht es um zwei überqualifizierte und unterbeschäftigte junge Frauen, Bea und Lola. In einer Folge glaubt Bea, dass ihr langjähriger Freund um ihre Hand anhalten wird. „Auf der Liste der Geduldigen stehen Camilla Parker Bowles und ich ganz oben", sagt sie. Doch stattdessen eröffnet ihr der Freund, dass er nach Abu Dhabi ziehen wird, um Arbeit zu suchen.

Die Serie erhielt hervorragende Rezensionen, doch die beiden Autorinnen fanden trotzdem keine Arbeit. Also zog Escandón im Oktober nach London, wo einige ihrer spanischen Freunde von der Universität als Kellner und Hotelpagen arbeiteten. „Man kann heutzutage nicht zu wählerisch sein, solange es überhaupt einen Job gibt", sagt Escandón, die heute in einem Schokoladengeschäft arbeitet.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Panorama

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 31. Juli

    Wasser marsch: in Frankreich spielten Kinder am Donnerstag an Springbrunnen, in Deutschland strömten Urlauber ins Freibad und in Indien trotzten Anwohner einem Wolkenbruch. Das und mehr zeigen unsere Fotos des Tages.

  • [image]

    Biene, Eule, Pinguin: Die tierischen Maskottchen von Tech-Firmen

    Viele Produkte von Tech-Firmen sind schwer verständlich für Laien. Die Unternehmen haben es darum oft nicht leicht, für sich zu werben. Etliche setzen auf Tiere, um ihre Marke bekannt zu machen. Wir stellen 30 von ihnen vor.

  • [image]

    Die teuersten Hotelstädte Europas

    Paris, London, Berlin, Lissabon: Im Sommer locken Städte die Urlauber. Bei den Zimmerpreisen sind die Unterschiede groß. Wir zeigen, wo Touristen sich das Hotel leisten können - und in welchen Städten die saftigsten Preise fällig werden.

  • [image]

    Zu Besuch bei deutschen Start-ups

    Ständig wird über sie berichtet, ihre Dienste werden von Millionen genutzt: Deutsche Start-ups müssen sich vor der Konkurrenz aus den USA längst nicht mehr verstecken. Das zeigt auch ein Blick auf die Büros der jungen Firmen. Wir haben Onefootball, Eyeem, Wooga, Amorelie, Mymuesli, Researchgate und Outfittery in Berlin besucht.

  • [image]

    Die schlimmsten Stau-Städte der Welt

    Für alle deutschen Autofahrer im Stau gilt: Es geht noch schlimmer. Der Navigationsgeräte-Hersteller TomTom hat die Fahrzeiten in den Metropolen verglichen. Wir stellen die Stau-Hochburgen der Welt vor.

  • [image]

    Der neue Villen-Boom in Berlin

    „Arm, aber sexy" war gestern. Heute zeigt Berlin wieder Luxus. Besonders die Altbauvillen im Südwesten der Hauptstadt erleben derzeit eine neue Blütezeit.