• The Wall Street Journal

Wie aus dem Haustier ein echtes Juwel wird

    Von GEOFFREY A. FOWLER

Ihr Diamant ist Natalie Pilons bester Freund. Jedes Mal, wenn sie den Ring an ihrem Finger betrachtet, sieht sie Meowy darin, ihre geliebte Katze. Und das im letzten Jahr verstorbene, silberfarbene Haustier ist wirklich und wahrhaftig da. Denn die beiden Diamanten, die das Schmuckstück zieren, wurden aus den sterblichen Überresten von Meowy gefertigt.

"Das ist ein bisschen exzentrisch. Das würde wohl nicht jeder machen", gibt Pilon zu, die bei einer Biotechnologie-Firma in Boston im Verkauf arbeitet. "Aber für mich ist das eine Möglichkeit, mich an meine Katze zu erinnern und sie immer bei mir zu haben."

Seit langem pflegen die Amerikaner die Tradition, ihre Haustiere zu verwöhnen und ihrer auf besondere Weise zu gedenken, wenn sie dahingegangen sind. Dabei kommt ihnen nun die Technologie zu Hilfe: Sie verwandelt die werten Freunde in edle Steinchen.

Das Haustier am Finger

Die Idee, Asche zu Diamanten zu machen, kam zum ersten Mal vor etwa zehn Jahren auf. Eigentlich sollte damit wertgeschätzten menschlichen Begleitern ein Denkmal gesetzt werden. Doch heute sind es vor allem dahingeschiedene Haustiere, die mit ihrem Ableben das Wachstum der Branche beflügeln. Eine Handvoll Spezialisten teilt sich das Geschäft. Sie fabrizieren aus dem, was von den Begleitern übrig bleibt, Diamanten, Edelsteine und anderes Geschmeide - Pelz und Federn inbegriffen.

Einige Juwelen sind schon ab 250 Dollar zu haben. Für Diamanten muss der Trostsuchende allerdings mindestens 1.400 Dollar locker machen, wobei Farbe und Größe über den Preis entscheiden. Die Diamanten verfügten über dieselben physischen Eigenschaften wie ihre im Bergwerk geschlagenen Gegenstücke, beteuern die Lieferanten.

Mehr als 1.000 Tierdiamanten hat der Anbieter LifeGem aus Elk Grove Village im US-Bundesstaat Illinois in den vergangenen zehn Jahren hergestellt. Vor allem Hunde und Katzen seien auf diese Weise veredelt worden. Aber auch einige Vögel, Kaninchen und Pferde waren dabei - und sogar ein Gürteltier. Die Kunden könnten in den Steinen wirklich Facetten ihrer Haustiere entdecken, schwärmt Dean VandenBiesen, der Mitbegründer von LifeGem. Das liege daran, dass "sterblichen Überresten einige einzigartige Merkmale innewohnen, was das Mischungsverhältnis der enthaltenen Elemente angeht. Deshalb sind zwei Diamanten einander auch nie genau gleich."

Natalie Pilons verstorbene Katze Meowy.

Um über den Tod ihres winzigen Chihuahuas Tetley hinwegzukommen, beauftragte die 42-jährige Jennifer Durante aus St. Petersburg in Florida die Firma Pet Gems damit, den Hund zu verewigen. Der Schmuckhersteller schuf einen hellblauen Zirkon-Schmuckstein aus Tetleys irdischer Hülle, und Durante ist glücklich: "Das erinnert mich an seine Augen, wenn sich die Sonne darin spiegelte."

Die 42-jährige Polizistin Sonya Zofrea aus dem kalifornischen San Fernando zeigt stolz ihre zwei gelben Diamanten. Mit ihrer Hilfe erinnert sie sich an Baby, eine schwarze Katze mit gelben Augen, die ihr zugelaufen war. Einer der Diamanten hat einen kleinen Schönheitsfehler, so dass der Hersteller LifeGem aus der Asche der Katze einen zweiten zauberte und in ihr kostenlos dazu gab. Aber in den Augen von Zofrea gibt der erste viel besser wieder, wie ihre gelegentlich ungebärdige Katze ihrer Natur nach wirklich war. "Als ich den Makel sah, dachte ich: 'Ja, genau so war sie!'", erzählt die Polizistin. "Sie ist eine unvollkommene kleine Seele. Sind wir das nicht alle?"

Ein Sprecher des Gemological Institute of America, einem führenden US-Forschungseinrichtung für Edelsteinkunde, wollte keine Auskunft zu einzelnen Herstellern oder Verarbeitungsprozessen geben. Er teilte jedoch mit, dass synthetische wie auch natürlich vorkommende Diamanten aus Kohlenstoff bestehen. "Dieser Kohlenstoff könnte auch aus den Überresten eines verstorbenen Haustiers stammen", sagte er.

Um einen einkarätigen Diamanten zu kreieren, braucht man nicht einmal eine Tasse voll Asche oder loser Haare. Falls die vorhandene Asche nicht ausreicht, fügen die Hersteller manchmal Kohlenstoff anderer Herkunft hinzu.

Der Diamant hilft beim Trauern

Stellt man einen Diamanten künstlich her, so vollzieht man quasi die Gestaltungsprozesse, die auf natürliche Weise tief im Inneren der Erde ablaufen, im Schnelldurchlauf nach. Zunächst trennt man den Kohlenstoff von anderen Verbindungen in den Überresten, um Graphit zu produzieren. Dann stecken die Hersteller den Kohlenstoff zusammen mit einem Diamantimpfkristall in eine Kammer mit dicken Metallwänden. Dort werden die Komponenten auf über 1000 Grad Celsius erhitzt und großem Druck ausgesetzt. Nach einigen Tagen bildet sich ein Rohdiamant heraus, der geschnitten und poliert werden kann.

Pet Gems aus Scituate im US-Bundesstaat Rhode Island bedient sich einer weniger kostspieligen Methode. Das Unternehmen bringt natürlich vorkommende Zirkonsteine mit der Asche zusammen, wobei sich die Farbe der Steine je nach der einzigartigen chemischen Zusammensetzung der sterblichen Überreste verändert.

"Sie können mir jetzt glauben oder nicht, aber das ganze Konzept, einen Diamanten aus einer persönlichen Kohlenstoffquelle zu schaffen, ist fast unbekannt", sagt Tom Bischoff. Er ist der Präsident von DNA2Diamonds und leitet die amerikanischen Verkaufs- und Vertriebsgeschäfte für New Age Diamonds Holding, einen Hersteller künstlich produzierter Diamanten aus dem russischen St. Petersburg.

Doch wie können die Kunden sicher sein, dass es tatsächlich die Überreste ihres eigenen geliebten Haustiers sind, die nun in dem Schmuckstein erglänzen? Gar nicht, lautet die lapidare Antwort der Hersteller. Das sei letztendlich eine Sache des Vertrauens. "Es gibt bis jetzt auf der ganzen Welt kein den Menschen bekanntes Verfahren, die Kohlenstoffquelle zu identifizieren, die herangezogen wurde, um einen Diamanten zu schaffen", bekennt Bischoff. Sein Unternehmen schicke seinen Kunden ein Zertifikat zu. Darin werde die einzigartige chemische Zusammensetzung der Asche ihrer treuesten Begleiter in allen Einzelheiten beschrieben. Zudem sei die "Verarbeitungskette" protokollarisch dokumentiert, so dass sich die Reise des Kohlenstoffs vom Labor zu den Diamantenpressen in Russland nachvollziehen lasse.

Auch lebende Tiere werden zu Schmuck

Um Bello oder Mietzi möglichst nah zu sein, tragen viele ehemalige Haustierbesitzer ihre Erinnerungsstücke in Form eines Rings oder Anhängers bei sich. Wenn Menschen eine enge Verbindung zu ihren Lieblingen aufgebaut haben, kann ein physisches Objekt wie ein Juwel dem Trauerprozess förderlich sein, meint Allen R. McConnell, Professor für Sozialpsychologie an der Miami University in Ohio. Er hat untersucht, warum Beziehungen zwischen Mensch und Tier der Gesundheit dienen können. Viele Leute glaubten nicht daran, dass Haustieren ein spirituelles Leben nach dem Tod beschieden ist, sagt er. Und "deshalb gibt es ein echtes Grundbedürfnis bei den Menschen nach Beständigkeit. Sie wollen das Gefühl haben, dass der Tod nicht das Ende ist."

Es stimme sie in keinster Weise traurig, wenn sie die sieben Zirkonsteine an ihrem Armband betrachte, die von ihren sieben verstorbenen Katzen stammen, sagt Phyllis Laferriere. Die 67-jährige pensionierte Medizintechnikerin aus Milford in Massachusetts kann nach der jeweiligen Farbe jeden Stein der richtigen Katze zuordnen. Der hellblaue Edelstein gehört zu ihrer ersten Katze, einem goldfarbenen Langhaar namens Tyler. Der bernsteinfarbene Schmuckstein personifiziert die Siamkatze Jake. "Das ruft glückliche Erinnerungen wach", meint Laferriere und blickt auf ihr Armband. "Und man ruft sich all die dummen Sachen wieder ins Gedächtnis, die sie angestellt haben."

Doch auch lebendige Lieblinge lassen sich zur Juwelenherstellung heranziehen. Megan Oswald-Held zum Beispiel hat drei Hunde, einen Yorkiepoo und zwei Vertreter der Rasse Lhasa Apso. Von den dreien hat sie Haare aufgesammelt und sie mit den Locken vermengt, die sie von ihrem verstorbenen Lhasa Apso Jade aufgehoben hatte. Aus dem Fellgemisch lässt sie einen Dreiviertelkarat-Diamant mit strahlendem Schliff anfertigen. Das Erinnerungsstück wird die 36-jährige Anwaltsgehilfin aus Allentown in Pennsylvania 4 700 Dollar kosten. Aber sie freut sich schon darauf, wenn es fertig ist: "Das wird schön, wenn ich auf den Ring an meiner Hand schauen und sagen kann: 'Da sind ja meine Kinder'".

Oswald-Held hat aber auch schon DNA-Proben ihrer Hunde genommen und sie in Anhänger verwandeln lassen, die sich Perpetua Life Jewels nennen. Dazu hat sie ihren Hunden den Mund ausgewischt und die so aufgesammelte DNA ins Labor gebracht. Dort wurden die Gene der Vierbeiner herausgelöst, eingefärbt und in einen Glasanhänger gegeben.

Als Natalie Pilons Katze Meowy im vergangenen Jahr im Alter von zwanzig Jahren starb, brachte die Besitzerin ihre Asche zu DNA2Diamonds. Sie gab zwei blaue Diamanten in Auftrag, die ihr die Augenfarbe von Meowy in Erinnerung rufen. Wie viel sie dafür ausgeben musste, wollte Pilon nicht verraten. Die Diamanten ließ sie zusammen mit einem Saphir in einen Ring einarbeiten, den sie jeden Tag trägt.

"Zu wissen, dass ich meine Traurigkeit angenommen habe, um daraus etwas Schönes erstehen zu lassen, macht es mir etwas leichter", sagt sie. "Meowy hatte etwas von einer kleinen Diva. Deshalb dachte ich, dass zwei blaue Diamanten ein passender Tribut wären."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Haus der Woche

  • [image]

    Australische Villa im Zeichen des Drachens

    Feurig kommt dieses Luxusanwesen im australischen Melbourne daher: Auf dem Dach wacht ein mächtiger Terrakotta-Drache und im Haus lodern Dutzende Kaminfeuer. Die Ausstattung mit Tennisplatz, Pool und ausgiebigen Ländereien lässt es jedem Australien-Fan warm ums Herz werden.

  • [image]

    Panini-Sticker: Höhepunkte aus 40 Jahren

    Zur Weltmeisterschaft im eigenen Land kamen 1974 die ersten Panini-Klebebilder in Deutschland auf den Markt, inzwischen haben sie Kultstatus. Ein Rückblick auf 40 Jahre Fußballgeschichte.

  • [image]

    Alt, neu, kurios und nicht chancenlos – Parteien zur Europawahl

    In Deutschland sind 25 Parteien zur Europawahl zugelassen. Neben den etablierten Bundestagsparteien können sich die Wähler für eine Menge kurioser Alternativen entscheiden – von der Christlichen Mitte bis zur Bayernpartei. Da die 3-Prozent-Hürde gefallen ist, haben die Kleinen sogar eine Chance.

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 15. April

    Wilde Tulpen in Afghanistan, Wasserfontänen in China, der Vollmond über Schanghai und Ordensbrüder mit wunden Füßen in Spanien. Das und mehr zeigen unsere Fotos des Tages.

  • [image]

    Die furchterregendste Gondelfahrt der Welt

    Was Besuchern den Angstschweiß auf die Stirn treibt, ist für die Einwohner der georgischen Stadt Tschiatura Alltag. Die Seilbahnen aus der Stalin-Zeit an den Hängen des Kaukasus fahren trotz Rost noch immer.

  • [image]

    Diese Länder sind die Wachstums-Stars

    Die Weltwirtschaft gewinnt weiter an Schwung. Wachstums-Impulse kommen aus den Industrieländern, auch aus Europa. Die höchsten Wachstumsraten sitzen aber woanders. Wir zeigen Ihnen, wo die Wirtschaft am stärksten boomt.

  • [image]

    Wie sich die Nasdaq seit dem Tech-Crash verändert hat

    Vor gut 14 Jahren begann in den USA die Tech-Blase zu platzen. Jetzt bewegt sich der Nasdaq Composite wieder auf dem Niveau von damals. Ist das ein Grund zur Sorge? Wir zeigen, was sich seitdem an der Nasdaq verändert hat und was das für Anleger heute bedeutet.

  • [image]

    Die bestverdienenden Bankenchefs der Welt

    Das vergangene Jahr hat sich für die Chefs der internationalen Großbanken wieder gelohnt. Doch auch in der Liga der Großverdiener gibt es deutliche Klassenunterschiede. Wir haben aufgelistet, wer wie viel erhalten hat.