• The Wall Street Journal

Opel legt Bänder in Bochum still

    Von NICO SCHMIDT und ANDREAS KISSLER

Die Bemühungen der Arbeiter waren vergebens: Wenige Tage vor den Feierlichkeiten zum 50. Jubiläum der Automobilproduktion hat Opel den Daumen über dem Werk in Bochum endgültig gesenkt. Auf einer Betriebsversammlung am Montag informierte der Vorstand die Beschäftigen darüber, dass voraussichtlich nach 2016 keine Autos mehr am nordrhein-westfälischen Standort gebaut werden sollen. Rund 3.000 Stellen stehen damit auf der Kippe.

Bis Ende 2016 läuft in der Stadt an der Ruhr der Familienvan Zafira vom Band. Die Nachfolgegeneration wird dann wohl in einem anderen Werk produziert werden, im Gespräch war unter anderem der Stammsitz im hessischen Rüsselsheim. Bei Opel in Bochum sind momentan etwa 3.400 Mitarbeiter beschäftigt. Europaweit sind es noch rund 40.000, etwa die Hälfte davon in Deutschland.

Eine große Überraschung ist der Schritt nicht. Bereits im Sommer hatte Opel angekündigt, ab 2017 keine Autos mehr in dem Werk produzieren zu wollen. Die Arbeitnehmerseite hatte allerdings versucht, dies mit allem Mitteln zu verhindern. Bis zuletzt hatte sie gehofft, den Vorstand überreden zu können.

Der Bochumer Betriebsratschef Rainer Einenkel schlug noch vergangene Woche vor, künftig den kompakten SUV Mokka und die nächste Zafira-Generation in Bochum vom Band laufen zu lassen, um dem Standort eine Zukunft zu geben. Die Mühen waren jedoch vergeblich.

150 Jahre Opel - die Modelle von Adam bis Zafira

Trotz intensiver Anstrengungen sei es nicht gelungen, die Situation zu ändern, erklärte das Unternehmen. Die Hauptgründe für den Schritt seien der dramatisch rückläufige europäische Automobilmarkt und die enormen Überkapazitäten in der gesamten Industrie auf dem alten Kontinent. Der Zeitpunkt der Bekanntgabe ist bitter: Für den kommenden Samstag ist ein großes Jubiläumsfest anlässlich des 50. Jahrestages der Autoproduktion in der Ruhrstadt angesetzt.

Seit Jahren ist Europas Automarkt auf Schrumpfkurs. Wegen der Schuldenkrise verschärfte sich die Lage. Die Unsicherheit lässt potenzielle Autokäufer vor allem im Süden Europas einen weiten Bogen um die Verkaufsläden machen. Im bisherigen Jahresverlauf gaben die branchenweiten Verkäufe um rund 7 Prozent nach und dürften 2013 auf das Niveau von Anfang der 1990er Jahre zurückfallen.

Für Hersteller wie Opel, die in hohem Maße vom europäischen Markt abhängig sind, ist das ein entsprechend großes Problem. Massive Überkapazitäten sind die Folge. Experten gehen davon aus, dass in Europa momentan etwa ein Viertel mehr Fahrzeuge gebaut werden können als benötigt.

Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management sagte etwa erst kürzlich, in Europa seien momentan mindestens fünf bis acht Automobilwerke überflüssig, was in Krisenzeiten eine ernste Kostenbelastung für die Hersteller darstelle. Ford beispielsweise hatte schon vor Wochen Nägel mit Köpfen gemacht und die Schließung dreier europäischer Werke angekündigt, durch die 5.700 Arbeitsplätze verloren gehen.

dapd

Eine Pflanze rankt am Opel-Werk in Bochum - ab 2016 läuft dort kein Auto mehr vom Band.

Das Ende der Fahrzeugproduktion in Bochum soll aber nicht das Ende von Opel in Bochum sein: Das Warenverteilzentrum mit seinen gut 400 Mitarbeitern soll nach Unternehmensangaben auch nach 2016 erhalten bleiben - und eventuell ausgebaut werden. Zudem verhandelt die Geschäftsleitung mit den Arbeitnehmern über eine mögliche Komponentenfertigung.

Für die hoch verschuldete Stadt Bochum ist der Verlust der Fahrzeugproduktion und womöglich tausender Jobs eine Katastrophe. Schließlich ist der Autobauer der größte verbliebene industrielle Arbeitgeber dort. Von dem Schock, dass Nokia 2008 das Handy-Werk schloss und tausende Arbeitsplätze wegfielen, hat sich die Stadt immer noch nicht erholt.

Opel habe die klare Absicht, eine "signifikante Zahl" von Arbeitsplätzen in Bochum abzusichern, sagte Steve Girsky, Vize-Chef der Opel-Mutter General Motors und Vorsitzender des Opel-Aufsichtsrats. "Opel ist sich seiner sozialen Verantwortung bewusst und wird alles tun, um den dennoch notwendigen Stellenabbau in Bochum fair zu gestalten". Das Ziel sei es, bis 2016 keine betriebsbedingten Kündigungen auszusprechen.

"Wir bauen auf die Bochum-Perspektive 2022", sagte Girsky. Ende Oktober war von Opel und der nordrhein-westfälischen Landesregierung eine entsprechende Arbeitsgruppe gegründet worden, die eine Zukunft für den Standort in Bochum finden soll. Die Plattform soll sich laut den Protagonisten den Themen Flächenentwicklung, innovative Technologien sowie der Sicherung und Schaffung neuer Arbeitsplätze in Bochum und im Ruhrgebiet widmen.

Das Ende der Fahrzeugproduktion in Bochum ist Teil des Sanierungsplans "Drive! 2022". Mit Einsparungen aber auch Milliardeninvestitionen in Produkte will Opel bis Mitte der Dekade wieder profitabel werden. Seit der Jahrtausendwende sind für General Motors in Europa Verluste in zweistelliger Milliardenhöhe angefallen.

Regierung: "Schwerer Schlag"

Die Reaktionen auf das Aus für die Autoproduktion fielen erwartungsgemäß harsch aus: GM stelle sich ein weiteres Mal gegen die Menschen in Bochum, anstatt eigene Versäumnisse einzugestehen und zu korrigieren, kritisierte die IG Metall in Nordrhein-Westfalen und sagte dem Unternehmen den Kampf an. "Es geht nicht an, dass die Beschäftigten in Bochum ohne Perspektive bleiben", sagte Bezirksleiter Knut Giesler.

"Unser Ziel ist klar: Keiner soll das Arbeitsamt von innen sehen. Auch über 2016 hinaus brauchen wir Produktion am Standort Bochum." Die Vertrauensleute und Mitglieder der IG Metall werden nach Gewerkschaftsangaben nun kurzfristig über die weitere Strategie beraten. Bereits am Mittwoch wird die Tarifkommission für alle Opel-Standorte zusammenkommen.

Aus Berlin ernteten die Opelaner Mitgefühl: "Die Bundeskanzlerin und die Bundesregierung bedauern diese Entscheidung, das Opel-Werk zu schließen, ganz außerordentlich", sagte der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter. "Das ist ein schwerer Schlag." Die Bundesregierung habe die Erwartung an den Mutterkonzern GM, alles für eine sozialverträgliche Lösung zu tun. Der Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums, Holger Schlienkamp, sprach von einer "bitteren Nachricht" für die gesamte Region. Er hob allerdings hervor, dass es sich um eine unternehmerische Entscheidung handele.

"Dies ist eine traurige Nachricht für Opel, die Beschäftigten und ihre Familien, aber auch die Region und das Land", sagte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannerlore Kraft (SPD). Jetzt müsse es darum gehen, den Opel-Vorstand beim Wort zu nehmen - es müsse ernsthaft an einer Perspektive für den Standort gearbeitet werden. Wirtschaftsminister Garrelt Duin forderte Opel auf, Verantwortung zu übernehmen.

Kontakt zum Autor: nico.schmidt@dowjones.com und andreas.kissler@dowjones.com

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