• The Wall Street Journal

Ein Stahlwerk wühlt Italien auf

    Von STACY MEICHTRY

Vincenzo Vestita glaubt, dass sein Onkel den Lungenkrebs von den Öfen des Ilva-Stahlwerks hat. Und doch ist er kurz nach dem Begräbnis im vergangenen Monat zurück in die Fabrik gegangen.

Vestita weiß, dass er ein Risiko eingeht. Der 35-Jährige wartet Maschinen in dem Stahlwerk in Tarent in Apulien, am Absatz des italienischen Stiefels. Die Abgase der Fabrik sind so giftig, dass im Umkreis von 20 Kilometern kein Vieh grasen darf. Bis das Werk sauberer wird, „muss jeder zwischen Arbeitsplatz und Gesundheit entscheiden", sagt Vestita. Der Betreiber Ilva besteht darauf, dass das Werk den italienischen und europäischen Gesetzen zur Luftverschmutzung entspricht. Doch das Dilemma bleibt.

Seit Monaten streiten Regierungsvertreter in Rom und Staatsanwälte in Tarent darüber, ob Ilva sicher genug ist. Ein dortiges Gericht hat im vergangenen Monat entschieden, dass das Werk schließen muss. Von den Richtern beauftragte Mediziner bezeugten, von 1998 bis 2010 hätten die Abgase laut ihren Untersuchungen 386 Menschen umgebracht.

[image] Associated Press

Rauch steigt von dem Ilva-Stahlwerk auf.

Aber die Regierung hat das Urteil in der vergangenen Woche entkräftet. Jetzt darf das Werk offen bleiben, während es für 3 Milliarden Euro überholt wird – bessere Filter und Schornsteine sollen die Ausstöße reduzieren. In der Region stößt die Maßnahme auf heftige Kritik. „Kommen Sie her und schauen Sie sich an, was der Krebs angerichtet hat", schrieb Tonia Marsella von der Aktivistengruppe Frauen für Tarent in einem offenen Brief an den italienischen Präsidenten Giorgio Napolitano.

Schließung des Stahlwerks hätte Auswirkungen auf ganz Italien

Die Regierung ist ganz wie ihre Gegenparts in anderen Krisenländern darauf bedacht, die Wirtschaft nicht vollends abzuwürgen. Aus dem Werk in der wirtschaftsschwachen, verarmten Region kommt etwa ein Drittel von Italiens Stahlproduktion. 12.000 Menschen arbeiten dort. Würde es schließen, stünden nicht nur die ohne Arbeit da – die Nachwirkungen würden rund ein halbes Prozent des italienischen Bruttoinlandsprodukts vernichten und könnten die Chancen des Landes auf eine wirtschaftliche Erholung ersticken. Der Umweltminister Corrado Clini fasste es jüngst zusammen: „Der wirtschaftliche Effekt davon, die Fabrik zu schließen, wäre nicht nur teuer – er würde die Industrie im Land verarmen lassen."

Das Stahlwerk in Tarent ist eines von vielen Unternehmen in Italien, die früher dem Staat gehören und um die jetzt gestritten wird. Es wurde nach dem Krieg geöffnet mit dem Ziel, Tausende von Stellen zu schaffen und die Lücke zwischen dem reichen industrialisierten Norden und dem armen, von Landwirtschaft abhängigen Süden zu verkleinern.

Die Fabrik hat den kleinen Fischerort umgekrempelt – und Schornsteine und Rauchwolken verpasst. 1964 produzierte sie drei Millionen Tonnen Stahl pro Jahr. Im kleinen Viertel Tamburi, für die Arbeiter gebaut, wuchs die Bevölkerung in den vergangenen zwei Jahrzehnten von 6.000 auf 23.000 an.

Kritiker sagen, dass auch die Risiken in den Himmel schossen. Der Rauch schwängert die Luft mit krebserregenden Stoffen. Tamburi und andere Ortsteile der Stadt sind mit rotem Pulver überzogen, das von einem Minerallager am Rande der Fabrik herüberweht. Nach der Privatisierung im Jahr 1995 säuberten die neuen Eigentümer das Ilva-Werk von Asbest. Die Arbeiter, darunter Vincenzo Vestitas Vater und Onkel, musste die Firma in den frühen Ruhestand gehen lassen, das schrieben die Gesetze für Asbest belastete Arbeitsplätze vor.

Vincenzo Vestitas Onkel hatte da gearbeitet, wo es am gefährlichsten ist: Im so genannten „heißen Bereich", wo riesige Öfen gefährliche Rohstoffe zu Stahl verschmelzen. Sein Onkel war im „kalten Bereich" – weiter weg von den Öfen. Als er und die anderen in Frührente gingen, wurden Stellen für Vincenzo und seine Altersgenossen frei. „Es war klar, dass das nicht wie Schreibtischarbeit war", sagt er. Aber was das Stahlwerk im Detail mit der Gesundheit macht – das wusste er damals nicht.

Im Juni 2011 überprüfte ein Ärzte-Team, beauftragt von einem Richter aus Tarent, die Gesundheitsakten von 320.000 Menschen aus der Gegend. Sie wollten herausfinden, ob die Abgase die Gesundheit der Einwohner von 1998 bis 2010 geschädigt hatten. Die Mediziner stellten fest, dass die Arbeiter des Werks viel häufiger an Krebs starben als der Rest der Bevölkerung. Sie erfuhren auch, dass 638 Kinder wegen durch Abgase verursachten Atemkrankheiten ins Krankenhaus eingeliefert wurden. 17 Kinder entwickelten bösartige Tumore.

Eigentümer unter Betrugsverdacht

Die Forscher verglichen die Todes- und Krankheitsraten in Tarent mit denen anderer Gegenden, sowohl nahe der Stadt als auch anderswo. Im März schickten sie ihre Ergebnisse an einen Richter aus Tarent. Der ließ Monate später Emilio Riva, einen der reichsten Männer Italiens und Besitzer von Ilva, festnehmen. Der Verdacht: Riva soll gemeinsam mit Politikern die Verschmutzungswerte im Ort heruntergespielt und so die Umwelt und die Gesundheit der Bewohner aufs Spiel gesetzt haben. Im vergangenen Monat schlossen die Ermittler den Hafen des Werks.

Ein Sprecher von Ilva bezeichnete die Studienergebnisse als unzuverlässige "Schätzungen", die auf strengeren Kriterien basierten als die von Italien oder von der EU angeordneten. Das Unternehmen setzt momentan gemeinsam mit der Regierung die 3 Milliarden Euro teuren Modernisierungsarbeiten am Werk um. Dabei soll unter anderem das Filtersystem und die Hochöfen der Fabrik ausgetauscht werden, um die Ausstöße des Stahlwerks zu reduzieren.

Riva ist seit Juli unter Hausarrest. Er will die Sache nicht kommentieren. Aber in Rom lässt seine Verhaftung Alarmglocken klingeln. Denn das letzte, was Montis Regierung bei dem Reformversuch Italiens braucht, ist eine ausgewachsene Krise der Industrie – die Unternehmen von Autobauern bis hin zu Produzenten von Maschinenteilen betrifft. Weil die Fabrik für Italien so wichtig ist, hat der Staat versprochen, rund ein Zehntel der Modernisierungskosten, 336 Millionen Euro, zu übernehmen.

Vestita glaubt kaum, dass er woanders in der Region eine Stelle findet – bei knapp 14 Prozent Arbeitslosigkeit. Er hofft, dass er sich nicht mehr ständig über die Auswirkungen seiner Arbeit Sorgen machen muss. „Wir kämpfen, um diesen Ort sauberer zu machen."

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