• The Wall Street Journal

Notenbankchef Ingves und sein schwedischer Balanceakt

    Von CHARLES DUXBURY

Schwächelndes Wirtschaftswachstum und eine zugleich weiter wachsende Verschuldung der schwedischen Haushalte sind aus Sicht der Reichsbank in Stockholm die größten Risiken für die wichtigste Volkswirtschaft in Europas Norden.

Schweden bekomme selbst zunehmend die Probleme der Eurozone und den Abschwung der weltweiten Konjunktur zu spüren, sagt der Chef der schwedischen Notenbank, Stefan Ingves. „Da Schwedens Märkte sehr offen sind und Exporte mehr als die Hälfte der Wirtschaftsleistung ausmachen, müssen wir damit leben, was im Rest der Welt passiert", sagte der Notenbankchef dieser Tage in seinem Büro, als ein Schneesturm sich über der Hauptstadt des Landes zusammenbraut.

Bislang konnte das einwohnerreichste Land in Skandinavien die negativen Einflüsse von außen noch recht gut abwettern, doch auch die Reichsbank stellt sich mit ihrer Geldpolitik darauf ein, dass die Rezession in der Eurozone zunehmend Auswirkungen auf Schweden hat. Reichsbankchef Ingves selbst findet sich dabei in einem Balanceakt wieder.

Leitzinsänderung kurz vor Weihnachten denkbar

Möglicherweise noch im Dezember wird die Sveriges Riksbank erneut ihren Leitzins senken. Damit soll die Konjunktur unterstützt werden, obwohl dem Notenbanker und einigen seiner Kollegen die stetig zunehmende Verschuldung der privaten Haushalten Sorgen bereitet.

REUTERS

Reichsbank-Chef Stefan Ingves im Juni 2011.

Ingves warnt, dass die Schweden sich möglicherweise zu hoch verschulden könnten, sollte die Reichsbank ihre Zinsen zu lange auf einem zu niedrigen Niveau halten. Sollten anschließend die Zinsen wieder sinken oder die Häuserpreise fallen, dann könnte sich zeigen, dass sich viele Schweden übernommen hätten, sagte er.

Aus Ingves Sicht ist es unumgänglich, dass das sechsköpfige Direktorium bei der Entscheidung über den Repo-Satz auch die Quote der privaten Verschuldung in Betracht zieht. Der Repo-Satz ist der Zins, zu dem sich Banken für einen Zeitraum von sieben Tagen bei der schwedischen Notenbank Geld besorgen können. Dessen Höhe entscheidet darüber, zu welchen Konditionen sich Verbraucher und Unternehmen Kredit beschaffen können. „Da die Verschuldungsquote kontinuierlich nach oben zeigt, muss dieses Thema in den Vordergrund rücken", ist der Notenbankchef überzeugt.

Das Verhältnis zwischen den Schulden der privaten Haushalte und dem verfügbaren Einkommen liegt inzwischen in Schweden bei 175 Prozent. Seit dem Tiefpunkt von 90 Prozent Mitte der 1990er Jahre ist die Quote kontinuierlich gestiegen, und inzwischen sagt Ingves bei allen sich bietenden Gelegenheiten, sie dürfe auch nicht viel weiter steigen. Vor einem Parlamentsausschuss bezifferte er die Obergrenze aus seiner Sicht jüngst mit 200 Prozent.

Drei der fünf anderen Direktoriumsmitglieder haben ähnliche Bedenken geäußert, während die übrigen zwei nicht seiner Meinung sind: Der Repo-Satz sei als Waffe viel zu stumpf, um das Problem der Überschuldung in den Griff zu bekommen, argumentieren sie.

Mit Verschuldung hat Ingves lange Erfahrung

Die Tauben bei der Reichsbank hätten gerne schon bei der vergangenen Sitzung des Direktoriums eine weitere Zinssenkung durchgesetzt. Doch sie wurden überstimmt, und der Repo-Satz blieb bei 1,25 Prozent.

Das Thema Verschuldung war schon einmal ein Thema von Ingves. Als die Blase bei den Immobilienpreisen aus den 1980er Jahren schließlich vor 20 Jahren platzte und etliche große Banken an den Rand des Zusammenbruchs brachte, vor dem der schwedische Staat sie schließlich bewahrte, da musste Ingves als Staatssekretär im Finanzministerium ein Krisenmanagement auf die Beine stellen. Ingves übernahm das neu geschaffene Amt zur Bankenunterstützung, dem die Aufgabe zufiel, die Bankenlandschaft Schwedens neu zu ordnen.

Eine Deckelung von 200 Prozent für die private Verschuldung zu setzen, sagt Ingves, sei ein Weg, „der Politik zu sagen: Das muss sich jetzt beruhigen." Aus seiner Sicht seit dieser Wert eine Art Obergrenze. „Das Thema ähnelt der Debatte, die gegenwärtig über das Verhältnis von Staatsschulden zu Wirtschaftsleistung geführt wird", sagt der Notenbankchef. Man könne allerdings keine Marke errechnen, ab deren Überschreitung es mit Sicherheit zu Problemen komme: „Es handelt sich mehr um ein Werturteil."

Die aktuelle Debatte in Schweden über die private Verschuldung gleicht in vielfacher Weise derjenigen, die gerade in Kanada tobt. Trotz stetigen Wirtschaftswachstums wächst dort die Sorge, dass sich die Kanadier langsam mit ihren Krediten überheben. Gegenwärtig liegt das Verhältnis zwischen Verschuldung und verfügbarem Einkommen bei durchschnittlich 163 Prozent. Das ist nicht weit von der Quote entfernt, die in den benachbarten USA verzeichnet wurde, als die Subprime-Krise vor vier Jahren ihren Höhepunkt erreichte. Inzwischen ist diese Messgröße aber bis auf 140 Prozent zurückgegangen, weil die Amerikaner in der Rezession ihre Schulden getilgt haben.

Hoher Außenwert der Krone stört Ingves nicht

Weniger Sorgen macht sich Ingves unterdessen um die Stärke der schwedischen Krone. Nachdem der Euro im Mai zehn Prozent seines Wertes eingebüßt hatte, stieg der Wert der Krone bis Mitte August auf einen in zwölf Jahren nicht gesehenen Höchststand. Zwar hat der Euro die Hälfte seines Verlustes inzwischen wieder aufgeholt, aber die Krone ist im Herbst stark geblieben, obwohl die Wachstumsaussichten für die schwedische Wirtschaft eher mau aussehen, weil die Nachfrage aus der Eurozone nach schwedischen Waren sinkt.

Während man bei der Schweizerischen Nationalbank zu Interventionen am Devisenmarkt übergegangen ist, um eine weitere Aufwertung des Franken zu verhindern und den Firmen zu helfen, die von Ausfuhren abhängig sind, hat Ingves sich anderweitig positioniert: Es sei weitgehend unwahrscheinlich, dass es von Seiten der Riksbank zu Interventionen kommen werde, ließ er verlauten. Es sei etwa zehn Jahre her, dass die Notenbank zum letzten Mal interveniert habe. Damit sei er sehr zufrieden. „In den vergangenen Jahren haben wir viele, viele Male darauf hingewiesen, dass die schwedische Krone aufwerten wird. Jetzt ist es passiert."

„Wir glauben, dass die Krone angesichts des Stands der schwedischen Wirtschaft derzeit einen angemessenen Wert hat", sagt der Notenbankchef.

Zwar schwächt sich die schwedische Wirtschaft ab, wächst aber noch – zuletzt im dritten Quartal mit unerwarteten 0,5 Prozent. Verglichen mit dem Rückgang von 0,1 Prozent, den die Eurozone im gleichen Zeitraum verzeichnete, ist das ein guter Wert. Dennoch: 2012 wird das Wachstum insgesamt deutlich schwächer ausfallen als im Vorjahr, schätzt die Reichsbank – auf 0,9 von 3,9 Prozent.

Ein Drittel der Exporte geht in die Eurozone

Ein Drittel der schwedischen Exporte ist für die Eurozone bestimmt, weshalb sich das Land den Folgen der Rezession dort auch nicht entziehen kann. Nach Meinung von Ingves hat die schwedische Politik seit 1992 viel geschafft, um die Wirtschaft zu stärken und mit einer solchen Situation zurechtzukommen.

Zu den Maßnahmen gehört unter anderem, dass die schwedische Regierung über einen geschäftlichen Zyklus hinweg einen Haushaltsüberschuss von 1 Prozent erwirtschaften muss. Auf diese Weise ist es dem Land gelungen, den eigenen Verschuldungsgrad gemessen an der Wirtschaftsleistung zu senken. „Wir sind bei fast 80 Prozent gestartet und liegen jetzt noch irgendwo zwischen 30 und 35 Prozent", sagt der Reichsbank-Gouverneur.

Moderate Lohnabschlüsse und Produktivitätsgewinne haben Schweden deutlich wettbewerbsfähiger werden lassen als noch in den 1970er und 1980er Jahren, sagt der 59-Jährige, dessen Wurzeln im schwedischen Teil Finnlands liegen. Ingves, der einige Zeit in Michigan verbracht hat, führt die schwedische Notenbank seit sechs Jahren und ist zugleich Vorsitzender des Basler Ausschusses für Bankenaufsicht.

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